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Milch aus der Zapfsäule

Grömitz Milch aus der Zapfsäule

Sabine Seebode wirft einen Euro durch den Geldschlitz, hält ihre mitgebrachte Flasche unter den Zapfhahn und drückt auf einen Knopf. Sofort fließt Milch aus dem silberfarbenen Automaten, und die Gelduhr tickt herunter.

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Ein Euro in den Schlitz, ein Knopfdruck – und schon fließt die Milch aus der Zapfsäule in die Flasche von Kundin Sabine Seebode.

Quelle: Maxwitat

Grömitz. Für einen Euro bekommt die 45-Jährige einen Liter Rohmilch, die am gleichen Morgen auf dem Hof der Familie Steensen im Grömitzer Ortsteil Cismarfelde gemolken wurde.

 In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es bereits viele solcher Milchtankstellen, in Schleswig-Holstein erst drei – in Osterhever (Nordfriesland), Kollmar (Steinburg) und seit einem Jahr auch in Grömitz. 15000 Euro haben die Ostholsteiner, die auf ihrem Hof 130 Milchkühe halten, für den Automaten bezahlt. „Die Investition hat sich auf jeden Fall gelohnt“, sagt Eike Steensen. In dem Automaten befindet sich ein 150-Liter-Fass, das sie jeden Morgen reinigt und mit neuer Rohmilch befüllt, die zuvor weder pasteurisiert noch homogenisiert wurde. Aus diesem Grund gelten strenge Regeln. „Wir dürfen die Milch nur auf unserem Hof und mit dem Hinweisschild ,Milch vor dem Verzehr bitte abkochen‘ verkaufen“, sagt Steensen. Der Grund: Die Rohmilch kann mit Keimen belastet sein. „99 Prozent unserer Kunden trinken sie trotzdem so, weil sich der Körper daran gewöhnen kann“, sagt die Landwirtin.

 Der Automat ist rund um die Uhr in Betrieb. Die Milch wird darin auf vier bis sechs Grad Celsius heruntergekühlt und regelmäßig durchgerührt, damit sich keine Sahne absetzt. „Es hält auch gern mal jemand abends um halb elf an, um sich Milch zu holen“, sagt Steensen. „Da unser Hof so dicht an der Hauptstraße liegt, ist die Hemmschwelle gering.“ 50 Liter werden im Durchschnitt pro Tag an der Milchtankstelle abgezapft. In den Sommermonaten seien es dank der vielen Ostsee-Touristen bis zu 30 Liter mehr. Den Hauptteil ihrer Milch, rund 100000 Liter pro Monat, verkaufen die Grömitzer weiterhin an die Meierei Arla – für deutlich weniger Geld als an der Milchtankstelle. „Wir bekommen etwas weniger als die Hälfte“, sagt Steensen. Das ist noch verhältnismäßig viel. Denn der Milchpreis ist zuletzt stark gesunken. 28 Cent beträgt zurzeit der Basispreis, den Landwirte pro Liter Milch von den Molkereien bekommen. Vor einem Jahr lag er noch bei mehr als 40 Cent.

 „Für bestimmte Betriebe können Milchtankstellen eine Chance sein, um noch etwas dazuzuverdienen“, sagt Kirsten Wosnitza vom Bund Deutscher Milchviehhalter in Schleswig-Holstein. „Es hilft uns jedoch nicht aus der Krise heraus.“

 Die Steensens betonen, dass sie sich die Milchtankstelle nicht nur aus finanziellen Gründen angeschafft hätten. Ziel sei vor allem gewesen, die Tomaten aus dem ebenfalls 2014 angeschafften Gewächshaus gleich mit zu vermarkten. Deshalb haben die Grömitzer neben der Milchtankstelle einen weiteren Automaten aufgestellt, an dem sie Tomaten und auch leere Flaschen sowie Pappbecher für die Milch verkaufen.

Von Janina Dietrich

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