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Haltbarkeit nicht erwünscht

Verbraucher Haltbarkeit nicht erwünscht

Geht es um die Haltbarkeit von Produkten, ist der Proteststurm nicht weit. Viele Verbraucher glauben, dass Hersteller einen schnellen Verschleiß gleich mit einbauen. Das stimmt sogar. Viele Verbraucher wollen es aber auch gar nicht anders.

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Viele elektroniche Geräte, wie Waschmaschinen, halten nicht immer was sie versprechen.

Quelle: dpa

Kiel. „Betrug!“, schimpft Stefan. „Abzocke!“, motzt Komboloy. Und Carlos aus Portugal pöbelt: „Verarsche!“. Auf der Website von „Murks? Nein Danke!“ ist richtig was los. Verbraucher schildern dort eindrucksvoll, was ihnen im Konsumleben Schlimmes passiert ist. Es geht um Drucker, Handys, Laptops, Fernsehgeräte, meist Elektronisches. Auch um Waschmaschinen. Zum Beispiel die von Ronald für 300 Euro Neupreis, bei der nach zwei Jahren die Wascheinheit in die Knie ging. Reparaturkosten: 200 Euro. „Indiskutabel!“, raunzt Ronald. Und dann die Geschirrspülmaschine von Karl aus Österreich, bei der ein Steckkontakt durchschmorte, Garantie gerade abgelaufen. Karl reparierte selbst. Tags darauf war die elektronische Salzmengeneinstellung im Eimer. „Unglaublicher Schrott, diese Maschine!“, mosert Karl.

„Murks? Nein Danke!“ versteht sich als gemeinwohlorientierte Verbraucherorganisation und setzt sich für nachhaltige Produktqualität ein. Der Mann hinter der inzwischen siebensprachig angelegten Homepage ist Diplom-Betriebswirt Stefan Schridde. Der Berliner geht gegen „geplante Obsoleszenz“ auf die Barrikaden, also gegen eine vom Hersteller quasi unsichtbar eingebaute, frühzeitige Veralterung. „Wir brauchen eine konzertierte Aktion für eine zielführende Neuausrichtung gesellschaftlicher Prozesse, damit geplanter Verschleiß bald der Vergangenheit angehört“, fordert Schridde. „Geplante Obsoleszenz schadet allen. Wir haben keine Wegwerfgesellschaft, sondern eine Wegwerfproduktion.“

Menschen aus der Reparaturpraxis sind da vorsichtiger. Kristof Loll, Geschäftsführer von „EP:Loll, der Fernsehdoktor“ in Kiel, beobachtet zwar, dass oft Teile verbaut werden, die der Abnutzung nicht lange standhalten. „Aber“, meint er, „Reifen halten ja auch nicht ewig“. Christina Howe, Inhaberin von „Howe Elektrotechnik“, sagt: „An dem Thema ist sicher was dran, man kann da nichts ausschließen.“ Elektronik sei allerdings auch nicht so haltbar. „Aber wir wollen ja alle die Elektronik. Wir wollen es doch so.“ Monika Manthey von „Elektromeister Kuno Manthey“ hält verfrühten Verschleiß für denkbar, sagt aber auch: „Wer meint, Geräte müssten 20 Jahre halten, bei dem ist die Erwartungshaltung falsch.“

Rainer Rüsbüldt, Geschäftsführer von „Camps Hausgeräte TV Elektro“ in Kiel, hingegen meint: „Geplanten Verschleiß gibt es definitiv nicht.“ Für die Hersteller sei das Risiko aufzufliegen viel zu hoch. Der Wettbewerb sei gewaltig, gegenseitige Kontrolle viel zu groß. Der Konkurrent warte nur darauf, dass das Gegenüber einen Fehler mache. „Beim Verbraucher geistert dennoch das Gefühl herum, alles würde nur für Kurzzeit gebaut. Das hören wir oft.“

Der Nachweis geplanter Obsoleszenz ist zwar überaus schwierig. Sie verbirgt sich in undurchsichtigen Materialien, allzu dicht verbauten Modulen, unzugänglichen Software-Programmierungen. Hinzu kommen Grenzfälle zwischen schlechter Verarbeitung und Sollbruchstelle. Ihre Existenz aber zweifelt in der Industrie niemand an: Geplante Obsoleszenz, so berichtet ein Insider, Spezialist für Sensorentwicklung, laufe heute „sehr geschickt“. In softwaregestützten Produkten etwa würde durch Betriebssystemwechsel und drohende Inkompatibilität „unter der Flagge des ständigen technischen Fortschrittes“ eine Endlichkeit der Geräte erzeugt. Schrottreife lässt sich auch ohne Defekt erreichen. Das Risiko aufzufliegen ist gering – wenn es alle machen.

Die Industrie nennt das nicht „geplante Obsoleszenz“. Sie spricht von „sinnvoller Lebensdauer“ oder „marktorientierter Produktgestaltung“. „Entwerfe ich ein Produkt für die Ewigkeit, ist der Kunde für immer weg. So kann kein Unternehmen überleben. Daraus ergibt sich zwingend eine Strategie, sich nicht selbst aus dem Markt herauszukannibalisieren“, sagt Professor Tobias Specker, Fachbereich Maschinenwesen an der FH Kiel. Der geschäftsführende Direktor am Institut für Internationales Vertriebs- und Einkaufsingenieurwesen kennt nach Maschinenbau- und BWL-Studium sowie freiberuflichen Marketing- und Vertriebs-Coachings beide Welten, die des Entwicklers und die des Ökonomen. „Jeder Entwickler muss sich irgendwann fragen: Wie gestalte ich ein Produkt wettbewerbsgerecht – inklusive der Zufriedenheit des Kunden? Diesen Spagat muss er irgendwie leisten.“ Ist er guten Gewissens zu leisten?

Von Verschwörungstheorien hält Specker nichts, die habe es „schon immer“ gegeben. Er sagt aber auch: „Über Software lässt sich bei elektronischen Bauteilen leicht präzise kalkulieren und steuern, zu welchem Datum sie auslaufen. Dafür braucht es nur einen banalen Algorithmus.“ Bei der Hardware sei das wegen der Materialien schon schwieriger, aber machbar. Specker fordert einen klaren Blick auf die Realitäten. Er spricht von einem „Korsett der ökonomischen Sachzwänge“ inmitten eines intensiven Wettbewerbs. Es sei „zu einfach, den Stab schnell über dem Ökonomen zu brechen“. Manche Hersteller würden „nur durch ihre Ersatzteile überleben“. Jeder Mensch müsse genau hinsehen, wie Wirtschaft funktioniert und wie der Wohlstand einer Gesellschaft zustande kommt – zu wessen Gunsten, zu wessen Lasten. „Wir sind doch alle paranoid“, sagt Specker. „Auf der einen Seite wollen wir Ethik und Moral, auf der anderen verhalten wir uns beim Konsum gar nicht danach, wider besseres Wissen. Da läuft ein gewaltiger Verdrängungsprozess.“

Denn es geht auch um psychologische Obsoleszenz. Es gibt einen Schrei nach neuen Produkten, den die Industrie auslöst und für sich nutzt, eine gesamtgesellschaftliche Neuheitsideologie. Ganze Märkte leben davon, dass der Kunde nur das Neueste haben will – und das Alte abstößt, sei es noch so intakt. Hersteller und Verkäufer achten penibel darauf, dass sie eine Innovation erst freigeben, wenn der Markt für ihre Vorgängerin abgeschöpft worden ist. Der Verbraucher spielt mit. Er funktioniert. Solange er funktioniert, wachsen die Elektroschrott-Berge, inklusive Raubbau an Rohstoff und Ressource. Solange er funktioniert, fragen sich Hersteller und Ökonomen immer neu, ob es im Preiskrieg sinnvoll ist, ein Gerät zu bauen, das ewig hält, obwohl es schon bald nicht mehr genutzt wird. Warum also, fragen sie, sollte ein Smartphone ewig halten?

Markt-Spezialist Specker vermittelt seinen Studenten das Motto: „Es kann sich lohnen, gut zu sein.“ Was gut ist, entscheidet jeder Einzelne.

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Ein Artikel von
Oliver Hamel
Wirtschaftsredaktion

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