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„Bitte keinen Zollstock-Tierschutz“

Haltungsverordnung Milchkühe „Bitte keinen Zollstock-Tierschutz“

Die Haltung von den meisten Nutztieren ist gesetzlich geregelt. Jetzt fordern die Tierschutzorganisationen Provieh (Kiel) und die Welttierschutzgesellschaft (Berlin), auch bundesweit geltende Mindeststandards für die 4,3 Millionen Milchkühe in Deutschland im Rahmen einer eigenen Haltungsverordnung festzulegen.

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Kühe im Melkkarussell: Vor 25 Jahren waren Bauern stolz auf Tiere mit einer Lebensleistung von 100000 Litern Milch. Diese Menge produzierten sie in 15 bis 20 Jahren. Heute liegt die durchschnittliche Milchleistung in Schleswig-Holstein bei 8300 Litern pro Jahr. Es gibt Hochleistungskühe, die 30000 Liter Milch pro Jahr geben.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Kiel. Geregelt werden soll darin beispielsweise der Weidegang oder die Bewegungsmöglichkeit in einem Laufhof, die maximale Zugabe von Kraftfutter oder ein Sachkundenachweis der Tierhalter. Mehr als 200000 Menschen haben eine entsprechende Petition beider Verbände unterzeichnet, sagt Leif Koch von der Welttierschutzgesellschaft. „Wir wollen mit unserem Verordnungsentwurf helfen, die massiven gesundheitlichen Belastungen und die frühe Sterblichkeit der hochgezüchteten Milchkühe zu reduzieren.“ Die Kuh sei von Natur aus ein Weidegänger, der Trend zur ganzjährigen Stallhaltung verstärke sich aber immer weiter, ergänzt Provieh-Referentin Stefanie Pöpken. Während ein Tier auf der Weide täglich bis zu zehn Kilometer Strecke zurücklege, seien es in Laufställen maximal 700 Meter, bei Anbindehaltung kaum messbare Bewegungen. „Wir wollen keine Öko-Wünsch-Dir-Was-Verordnung, die Betriebe im Bestand gefährden, viele Landwirte machen ihre Arbeit richtig gut“, betont Pöpken. Es sei aber wichtig, ordnungsrechtlich eine Handhabe zu definieren, damit „es den Kühen grundsätzlich wieder besser geht“.

Habeck will die Punkte aufnehmen

Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) teilt viele der angesprochenen Punkte: „Wir werden uns den Vorstoß von Provieh daher anschauen und mit an den runden Tisch Tierschutz in der Nutztierhaltung nehmen und dort diskutieren.“ Die Anbindehaltung gehöre generell abgeschafft, eine immer weitere Hochleistungszüchtung der Milchkühe mache „ökonomisch keinen Sinn“, betont der Minister. Gleichwohl unternehme das Land bereits eine Menge zur Verbesserung des Tierwohls: „Wir fördern den Weidegang und wir haben eine Beratung initiiert, um Produktionskrankheiten in der Milchviehhaltung zu reduzieren.“

Der Bauernverband Schleswig-Holstein lehnt unterdessen einen weiteren Sachkundenachweis ab: „Diesen sehen wir schon mit dem Berufsabschluss Landwirt als erworben an“, sagt Sprecherin Kirsten Hess. Auch wenn jede Weiterentwicklung im Sinne des Tierwohls, die auch wirtschaftlich realisiert werden könnte, zu begrüßen sei, wäre eine Verordnung mit ordnungsrechtlicher Konsequenz „nicht zielführend“. Gerade im Bereich der Milchviehhaltung habe es in den vergangenen Jahren einen Riesenschritt zu mehr Tierwohl gegeben. „Dem Verhalten der Tiere kann in den modernen Ställen viel eher entsprochen werden“, sagt Hess.

Der Bundesverband lehnt Verordnung ab

Auch Kirsten Wosnitza, Landesteamleiterin vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM), lehnt eine solche Verordnung ab: „Wir brauchen keinen Zollstock-Tierschutz, sondern Spielraum für praxisorientierte Innovationen auf den Höfen, die ein gesundes Tier zur Folge haben.“ Wichtig sei vielmehr, dass der „hohe Druck zur Kostensenkung“ durch politische Entscheidungen und eine Unterstützung durch Molkereien und Handel abgefedert werde. Einen in der Verordnung geforderten Sachkundenachweis hält Wosnitza für sinnvoll, um ungeübte Angestellte auf den Höfen fortzubilden. Der Umgang mit Kraftfutter und das Halten von Hochleistungskühen müsse dagegen in der individuellen Verantwortung der Milchviehhalter bleiben.

Weideland Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein gibt es 4500 Betriebe, die zusammen 389000 Milchkühe halten; bundesweit sind es etwa 77700 Betriebe mit 4,3 Millionen Milchkühen. Ein durchschnittlicher Milchviehbetrieb im Norden hat etwa 90 Milchkühe, das ist der höchste Bestand im Vergleich der westdeutschen Bundesländer. Etwa 36 Prozent der Milchviehbauern halten mehr als 100 Milchkühe in ihren Herden. Während bundesweit mehr als die Hälfte aller Milchkühe keinen Zugang zu einer Weide hat, zählt Schleswig-Holstein in Sachen Weidehaltung laut Landwirtschaftszählung 2010 mit etwa 75 Prozent zur Spitzengruppe. Sechs Prozent aller Milchkühe im Norden werden laut aktuellen Zahlen des Thünen-Instituts zeitweise im Stall angebunden, bundesweit sind es etwa 27 Prozent.

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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