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Als Kiel noch Industriestadt war

IG Metall Als Kiel noch Industriestadt war

Fast 90 Jubilare, mehr als 4000 Jahre Mitgliedschaft und jede Menge Erinnerungen: Die IG Metall Kiel-Neumünster ehrte am Donnerstag im Kieler Legienhof ihre treuesten Mitglieder. Vor 60 Jahren unterschrieb Lena Schult ihre Beitrittserklärung.

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Als Lena Schult vor 60 Jahren in die IG Metall eintrat, bot die Metallbranche in Kiel noch weit mehr als 30 000 Menschen eine Beschäftigung, heute sind es noch rund 12 000.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Erinnerungen liegen in der Luft und der Geruch nach lecker Grünkohl. Man begrüßt sich herzlich mit Umarmung und Küsschen und teilt die innere Gewissheit, dass Metaller auch künftig zusammenhalten müssen. Auch wenn der Gastredner später betont, dass Gewerkschaften nach vorne blicken und nicht zurück – die Vergangenheit darf keine Statistenrolle spielen an diesem Donnerstagabend im prall gefüllten Legiensaal des Kieler Gewerkschaftshauses. Schließlich gilt es, 89 Jubilare zu ehren: 39 sind 40 Jahre dabei, 29 kommen auf 50 und 21 auf 60 Jahre. Macht zusammen 4270 Jahre Mitgliedschaft in der IG Metall Kiel-Neumünster. „Ich verneige mich vor Ihnen und Ihrer Treue zu Ihrer Gewerkschaft“, sagt Frank Hornschu, DGB-Chef der Kiel-Region, der in seiner Rede Revue passieren lässt, was sich 1955, 1965 und 1975 in der Welt so alles zugetragen hat an Schönem und weniger Schönem.

Persönlicher Glücksfall IG Metall

Auch Lena Schult lässt an diesem Tag Erinnerungen an sich vorbeiziehen, aber es sind weniger der Tod von James Dean (1955), der Meistertitel von Werder Bremen (1965) oder der Auftakt des Baader-Meinhof-Prozesses (1975), die die agile 80-Jährige beschäftigen, sondern die Erinnerung an ihre Arbeit als politisch engagiertes Mitglied der mächtigsten Einzelgewerkschaft Deutschlands. Als Lena Schult 1955 in die IG Metall eintrat, da gab es noch keine 40-Stunden-Woche, und Arbeiter, die krank wurden, bekamen keinen Lohn. So empfand es die damals 20-Jährige mit ihrem Gerechtigkeitssinn als Glücksfall, bei der IG Metall einen Job zu ergattern, erst in der Verwaltung, später als Politische Sekretärin.

Metaller streikten 16 Wochen

„Es war eine komplett andere Zeit damals“, sagt die Jubilarin. „Es ging den Menschen zwar schon besser nach dem Krieg, aber vieles war noch im Aufbau.“ Bereits kurze Zeit nach ihrem Eintritt wurde die Kampfkraft der IG Metall auf die Probe gestellt: 16 Wochen lang streikten die Metaller im Norden für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Im Februar 1957 konnte die Streikleitung in Kiel den Sieg vermelden, ein Sieg, der ohne den starken Organisationsgrad der Metaller nicht möglich gewesen wäre. „Wir waren eben sehr viele“, sagt Lena Schult und erinnert daran, dass damals bei HDW noch 14000 Menschen arbeiteten, oder dass bei längst untergegangenen Unternehmen wie Hagenuk und AEG Tausende in Lohn und Brot waren, vor allem Frauen. Auch eine noch so starke Gewerkschaft konnte nicht verhindern, dass in Kiel unter dem Einfluss von Automatisierung, wachsender Konkurrenz aus dem Ausland und Schifffahrtskrisen bis heute mehr als 20000 Arbeitsplätze in der Metallwirtschaft verloren gingen. Doch Lena Schult nutzte den Gestaltungsspielraum, den sie 1978 als Gewerkschaftssekretärin bekam, prägte die so wichtige Bildungsarbeit, kämpfte für die Chancengleichheit von Frauen und arbeitete 14 Jahre als ehrenamtliche Sozialrichterin.

 Doch nun kann Lena Schult nicht weiter plauschen, sonst verpasst sie ihre Ehrung. In Gruppen ruft Peter Seeger, Geschäftsführer der IG Metall Kiel-Neumünster, die Jubilare nach vorne, verteilt Urkunden, Ehrennadel und kleine Präsente. „Ich danke Euch, denn nur gemeinsam sind wir stark.“ Und so sicher wie die nächste Ehrung ist der nächste Tarifkonflikt. Doch bevor man an den denkt, bittet Seeger zum Essen: „Wie heißt es so schön: ohne Mampf kein Kampf.“

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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