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Schlechte Noten für die Politik

Familienunternehmen Schlechte Noten für die Politik

Sie sind größer als ein Handwerker, aber kleiner als börsennotierte AGs: familiengeführte Unternehmen. Zu ihnen zählt der Eckernförder Spirituosen-Hersteller Behn. Dessen Geschäftsführer Rüdiger Behn, Landeschef des Verbandes Die Familienunternehmer, ist auf die Politik nicht gut zu sprechen.

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Rüdiger Behn (rechts), gemeinsam mit Waldemar Behn Chef des Eckernförder Spirituosenherstellers Waldemar Behn, sieht Familienunternehmen als wichtigsten Jobmotor der Wirtschaft.

Quelle: Christoph Rohde

Eckernörde. Frage: In Deutschland gibt es keinen Mangel an Wirtschaftsverbänden, auch für den Mittelstand gibt es einige. Warum brauchen Familienunternehmen einen eigenen Verband?

Rüdiger Behn: Weil diese Unternehmen ganz andere Interessen haben als börsennotierte Aktiengesellschaften oder kleine Handwerksbetriebe und Einzelhändler.

 
Welche Interessen sind das vor allem?

Wir haben zum Beispiel ganz andere Anforderungen an die Steuergesetzgebung, um Familienunternehmen über die Generationen hinweg in ihrer Selbstständigkeit zu erhalten.

 
Und warum muss es Familienunternehmen überhaupt geben?

Sie sind die Stütze unserer Wirtschaft. Wenn man vom deutschen Exportwunder spricht, oder auch von sogenannten ‚hidden champions‘, dann verbergen sich dahinter ganz maßgeblich Familienunternehmen. So haben die 500 größten Familienunternehmen seit 2006 deutlich mehr Mitarbeiter eingestellt als die nicht familiengeführten DAX-Konzerne.

 
Hilft oder schadet die Reform der Erbschaftssteuer den Familienunternehmen?

Mit dieser Reform können wir ganz schlecht leben. Familienunternehmen leiden unter der Erbschaftssteuer, vor allem aber leiden sie unter der fehlenden Planungssicherheit. Denn auch gegen den jetzigen Stand wird es mit Sicherheit wieder Klagen geben.

 
Warum sollte es keine Erbschaftssteuer für Familienunternehmen geben?

Andere Länder, wie etwa Österreich, haben gar keine Erbschaftssteuer und damit auch nicht die Probleme, die sich daraus ergeben. Und trotzdem sind die sozialen Unterschiede dort nicht größer als in Deutschland. Die USA haben eine Erbschaftssteuer, aber die sozialen Unterschiede sind dort viel größer als bei uns. Die Erbschaftssteuer ist also erwiesenermaßen kein notwendiges Instrument, um sozialen Ausgleich sicherzustellen. Und sie ist eine Steuer, die Familienunternehmen im Wettbewerb benachteiligt. Denn eine börsennotierte AG bleibt von der Erbschaftssteuer verschont. Die Erbschaftssteuer entzieht den Familienunternehmen Liquidität gerade in der relativ gefahrvollen Phase, in der sich die nächste Generation nämlich erst beweisen muss. Die Schwierigkeiten dieser Steuer sind darüber hinaus immer wieder Bewertungsfragen. Auch das neue Gesetz ist ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Richter.

 
Wie geht es den Familienunternehmen in Schleswig-Holstein?

Das ist ein Spiegelbild der wirtschaftlichen Entwicklung insgesamt. Es läuft auch im Norden einigermaßen ordentlich. Am besten geht es den ‚hidden champions‘, Unternehmen also, an denen man nicht vorbeikommt, wenn man ein entsprechendes Produkt oder eine entsprechende Dienstleistung sucht.

 
Nennen Sie doch mal ein paar versteckte Champions.

Nehmen Sie etwa Gisma aus Neumünster – ein absoluter Top-Spezialist für Unterwasser-Steckverbindungen. Oder die Walterwerke aus Kiel mit ihren Waffelback-Automaten. Oder Köster aus Heide mit ihren Wellenmaschinen für Schwimmbäder. Oder unseren Nachbarn Punker, mit seinen Ventilatorrädern einzigartig in Europa. Und das sind nur einige. Aber natürlich wäre es schön, wenn wir mehr davon hätten.

 
Was bereitet den Familienunternehmen in Schleswig-Holstein am meisten Kummer?

Das, was allen Unternehmen Kummer bereitet. Vor allem: Wir haben eine fatale Infrastruktur, eine fatale Anbindung an den Rest der Republik. Hamburg ist für uns nicht mehr das Tor, sondern der Pfropfen zur Welt. Wir kommen einfach aus dem Land nicht heraus, weil man die Prioritäten in der Vergangenheit völlig falsch gewählt hat. Man hätte erst die Westumgehung im Rahmen der A 20 bauen müssen, dann hätte man all das, was im Moment in Hamburg passiert, gar nicht investieren müssen. Dann würde ich mir eine etwas dynamischere Verwaltung wünschen. Da wird mir auch landespolitisch zu viel dampfgeplaudert und zu wenig getan.

 
Auf was bezieht sich das „Dampfgeplauder"?

Es wird sehr viel geredet über Industriepolitik, gute Arbeit und Gerechtigkeit. Das ist mir alles zu unkonkret.

 
Welche Note geben Sie denn der Landesregierung?

Eine Drei minus vielleicht. Wir haben zwei Ministerien, die funktionieren, und in denen auch Dynamik drin ist: das Wirtschafts- sowie das Landwirtschafts- und Umweltministerium. Alle anderen finden so richtig sichtbar gar nicht statt. Zumindest nicht positiv. Einen richtigen Wow-Effekt hat diese Regierung nicht erzielt. Das wäre für mich, wenn man im Süden sagen würde: Schleswig-Holstein ist im Norden wirklich ganz oben. Und das nicht nur in geografischer Hinsicht.

Interview: Ulrich Metschies

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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