17 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Marianne Boskamp: Wir behaupten uns gut

KN-Interview Marianne Boskamp: Wir behaupten uns gut

Marianne Boskamp (50) führt, zusammen mit ihrem Ehemann, dem Chemiker Dr. Henning Ueck, die Geschäfte der Firma Pohl Boskamp in vierter Generation. Ihr Vater Arthur Boskamp war im Februar 1945 aus Ostpreußen geflüchtet und hatte pharmazeutische Fabriken in Marienburg und Danzig-Langfuhr zurückgelassen. Die Firma wurde 1835 gegründet.

Voriger Artikel
Prominente Politiker und Wirtschaftsvertreter in Kiel
Nächster Artikel
GeloMyrtol: Aus Holstein in die Welt

Marianne Boskamp, Geschäftsführerin von Pohl Boskamp, auf dem Firmengelände in Hohenlockstedt

Quelle: Michael Ruff/hfr

Frau Boskamp, Sie übernahmen die Geschäftsführung von Pohl Boskamp hier in Hohenlockstedt am 3. April 1991. Hatten Sie keine Angst vor der Verantwortung?

Nein. Ich habe eigentlich vor nichts Angst.

Gab es eine gemeinsame Übergangszeit?

Ich habe zu meinem Vater gesagt: „Entweder ich, oder du machst es. Ich bin nicht einen Tag zusammen mit dir in der Geschäftsführung.“ Es hat aber ein paar Jahre gedauert, bis wir so weit waren. Mein Vater war 72 Jahre alt und ich 25, als ich übernahm.

Was taten Sie in den Jahren davor?

Ich war in Lüneburg an der Uni, studierte Wirtschaftswissenschaften, machte den Abschluss zur Diplom-Kauffrau und hatte dann eine Assistenten-Stelle in Entscheidungstheorie in Oldenburg.

Werden Sie Ihr 25-Jahre-Jubiläum in diesem Jahr begehen?

Ja, da fahren wir mit der Belegschaft, also mit mindestens 500 Mitarbeitern, nach Boltenhagen und feiern.

Haben Sie für sich schon definiert, wie lange Sie die Geschäfte führen wollen?

2024 gehe ich in Rente. Seit 1924 gibt es Nitrolingual aus unserem Hause – daher das Datum.

Aber 2024 werden Sie erst 59 Jahre alt sein.

Ja. Ich werde jedenfalls rechtzeitig Platz machen für meine Nachfolge.

Sie haben vier Kinder, die zwischen 16 und 21 Jahre alt sind. Sind Sie offen für deren Kritik?

Meine Kinder dürfen kritisieren, nur nicht das Gleiche, das ich bei meinem Vater kritisiert habe. Wir wollen mit unseren Produkten auch junge Leute ansprechen, langsam eine Markenbindung aufbauen und eine neue Generation von Kunden. Dazu dient zum Beispiel seit 2015 unser Youtube-Spot für GeloMyrtol forte „Luft für die schönste Nebensache der Welt“. Oder die Werbung für GeloRevoice, mit einem echten Heavy-Metal-Chor. Als meine Kinder gleichaltrigen Freunden erklären wollten, was wir hier so machen, haben sie als Erstes diese Youtube-Videos gezeigt. Wir haben das Wacken-Festival ja direkt vor der Haustür. Im Wacken-Festival-Magazin tauchen wir mit einer GeloRevoice-Anzeige auf, und alle Künstler, die in Wacken auftreten, bekommen von uns eine Musterpackung. Immer wieder gibt es später Nachfragen, leider dürfen wir als Hersteller nicht Medikamente in Länder schicken, in denen wir keine Zulassung haben. Medikamente sind eben besondere Güter. Die Profi-Sänger nehmen praktisch alle Gelo Revoice.

Werden Ihre Kinder das Unternehmen einmal weiterführen?

Ja. Werden sie. Aber keine näheren Angaben dazu. Wir wissen alle, wie Kinder sind.

Welches ist Ihr wichtigstes Zukunftsprojekt?

Wir haben einen sehr hohen Selbstmedikationsanteil im Moment. Unsere Entwicklungsgelder in unserer eigenen Forschung&Entwicklung-Abteilung setzen wir deshalb hauptsächlich für die Entwicklung eines Verschreibungsproduktes ein. Wir sind ein Akutspezialist. Mit dem Produkt, das wir entwickeln wollen, werden wir dem Motto treu bleiben, das die logische Klammer bildet zwischen GeloMyrtol und Nitrolingual: Spüren, wie es wirkt.

Täuscht der Eindruck, dass Sie in Schleswig-Holstein eher im Stillen wirken und nicht allzu viel für die Bekanntheit Ihres Unternehmens tun?

Mein Vater war in der Region extrem präsent. Einmal als Unternehmer. Dann mit seiner Kunst – er hat ja 1963 die Aktion „Aesculap malt“ ins Leben gerufen, die ich noch bis 2006 fortgeführt habe, er hat Ärzte und andere Heilberufler aufgefordert zu malen und dann Ausstellungen gemacht, und er hat selbst Kalender gemalt und in Spitzenzeiten 220.000 dieser Kalender an Ärzte und Apotheker verschickt. Und schließlich war er politisch sehr präsent. Das alles hat mich als Schülerin wahnsinnig gestört. Deshalb habe ich es mit meinen Kindern anders gehalten, solange sie jung waren, und mir meine Aktivitäten, für die sich möglicherweise in der Schule Sprüche würden anhören müssen, vorher von ihnen freigeben lassen. Aber sie fanden das gut, und es gab ihnen gegenüber keine Sprüche.

Für welche Partei engagierte sich Ihr Vater?

Mein Vater hat die Grünen mitgegründet. Petra Kelly, Gert Bastian, Joschka Fischer, Herbert Gruhl, Baldur Springmann – die waren alle in unserem Wohnzimmer. Und am Telefon.

Unterstützt Pohl Boskamp politische Parteien?

Nein.

Sind Sie oft im Ausland unterwegs?

In den meisten Ländern, in die Pohl Boskamp Produkte verkauft, war ich noch nicht. Von meiner Seele her bin ich sesshaft. Mein Mann hat viel mehr Länder als ich gesehen, allein durchs Segeln. Ich verliere immer, wenn es um diese Scratchkarten geht, auf denen man die Länder freikratzt, die man schon bereist hat. Aber nächste Woche zum Beispiel muss ich wieder nach China.

Welche Länder sind für Pohl Boskamp am bedeutsamsten?

China und die USA. Die USA sind ein überschaubarer Markt mit einer attraktiven Preisstruktur. China ist ein Riesenmarkt, aber die Preise sind eine Herausforderung. Wir sind stolz darauf, dass wir es schaffen, uns aus Hohenlockstedt und Dägeling heraus auf den Märkten der beiden größten Volkswirtschaften der Welt gut zu behaupten.

Läuft dieses Geschäft, bezogen auf GeloMyrtol, in berechenbaren Zyklen, oder gibt es Überraschungen?

Es gibt gute und schlechte Jahre, das gilt für die anderen Hersteller aber genauso. Wir beurteilen deshalb unsere Außendienst-Mitarbeiter im Prämiensystem nach Marktanteilen, nicht nach Absatz. Jährlich liefern wir von etwa 30 Millionen Packungen GeloMyrtol forte etwa ein Drittel nach China. In China gibt es bei den Atemwegserkrankungen viel mehr Chroniker als in anderen Ländern. Normalerweise geht ein Container nach dem anderen dorthin, aber neulich erst mussten wir auf einen Schlag die Menge für zwölf Sattelzüge bereitstellen, mit der dann ein Frachtflugzeug befüllt wurde. Das war außergewöhnlich. Aber wir sind auf solche Schwankungen vorbereitet.

Produziert Pohl Boskamp auch im Ausland?

Nein. Wir produzieren nur im Kreis Steinburg.

Sie haben noch einen Zweitberuf….

Ja. Ich bin Nebenerwerbsgastronomin. Ich habe einen Landgasthof direkt an der Stör, „Zur Erholung“ in Heiligenstedten. Mit Gaststube, Restaurant, Clubraum, Festsaal, Biergarten und Terrasse mit altem Baumbestand, Kegelbahnen. Dort lerne ich die Abhängigkeit vom Endverbraucher, der kommt, wenn er kommen will und dadurch den aktuellen Arbeitsaufwand bestimmt. Das ist in der Industrie anders.

Ebenfalls in Hohenlockstedt befindet sich die 2003 gegründete Arthur Boskamp-Stiftung M1 zur Förderung und Vermittlung junger, zeitgenössischer Kunst. Das Kunsthaus, das umgebaute frühere Militärlager, bietet 500 Quadratmeter Ausstellungsfläche sowie zwei Wohnungen für Stipendiaten und Kuratoren. Kümmern Sie sich auch darum?

Nein. Ich bin Anti-Künstler. Das merkte ich neulich wieder, als ein Künstler sagte, er habe die Musik aus ihrer Zweidimensionalität befreit. Die Kulturstiftung macht meine Schwester. Sie ist Kunsthistorikerin. Das Spannende ist, dass ich über meine Schwester eine Welt kennenlerne, die mir sonst total verschlossen geblieben wäre.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr zum Artikel
Pohl Boskamp
Foto: Apotheker Michael Küstner, Vicelin-Apotheke Neumünster, vor der Sichtwahl mit apothekenpflichtigen Präparaten gegen Erkältungskrankheiten.

Werbung scheint die Firma Pohl Boskamp aus Hohenlockstedt (Kreis Steinburg) gar nicht nötig zu haben. Es kennt eh jeder eines ihrer beiden wichtigsten Produkte, und wer das andere braucht, hat kaum Alternativen. Die Rede ist von den Arzneimitteln GeloMyrtol und Nitrolingual Spray.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Wirtschaft 2/3