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Über die Folgen des VW-Skandals

Interview mit Stefan Schwarz Über die Folgen des VW-Skandals

Mit dreisten Abgasmanipulationen hat Europas größter Autobauer Politik und Öffentlichkeit schockiert, vor allem aber seine Kunden vor den Kopf gestoßen. Welche Folgen hat der Skandal für Besitzer von Volkswagen-Fahrzeugen? Stefan Schwarz, Geschäftsführer des ADAC Schleswig-Holstein, beantwortet die wichtigsten Fragen verunsicherter Dieselfahrer.

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Mit dreisten Abgasmanipulationen hat Europas größter Autobauer Politik und Öffentlichkeit schockiert,

Quelle: dpa

Kiel. Muss ich fürchten, dass mein Auto seine Typenzulassung verliert und damit stillgelegt werden müsste?

Nein, diese Furcht ist zurzeit unbegründet. Die Betriebserlaubnis eines Kraftfahrzeugs erlischt nur bei Änderungen von Fahrzeugteilen, wenn dadurch die Fahrzeugart geändert wurde, eine Gefährdung zu erwarten ist oder das Abgas- und Geräuschverhalten verschlechtert wird. Ein solcher Eingriff muss nach der Zulassung erfolgt sein. Dies ist – soweit bis heute ersichtlich – gerade nicht der Fall. Allein die derzeit aus den USA bekannten Vorwürfe reichen für diesen Schritt nicht aus.

Wenn mein Auto mehr Schadstoffe ausstößt als vom Hersteller angegeben, droht mir dann eine Steuernachzahlung?

Nach derzeitigem Kenntnisstand nicht. Das liegt daran, dass als Bemessungsgrundlagen für die Kfz-Steuer der Hubraum und der CO2-Ausstoß herangezogen werden. Die Stickoxide spielen hier keine Rolle. Würde sich jedoch im weiteren Verlauf der Ermittlungen herausstellen, dass auch die CO2-Werte im Prüfzyklus betroffen sind, könnte dieses Auswirkungen auf die Kfz-Besteuerung haben.

Wenn mein Auto vom Rückruf betroffen ist, was wird dann in der Werkstatt damit passieren?

Volkswagen plant die größte Service-Aktion seiner Geschichte. Besitzer der betroffenen Fahrzeuge mit 1,2- oder 1,6-Liter-Motor müssen sich auf Umbauten an ihren Autos einstellen. Bei diesen Autos muss zusätzlich zum Software-Update die Hochdruckeinspritzpumpe ausgetauscht werden. Bei betroffenen Modellen mit 2,0 Litern Hubraum reicht voraussichtlich ein Software-Update, um die Motoren an die gesetzlichen Bestimmungen anzupassen. Nur so lässt sich sicherstellen, dass die Fahrzeuge trotz der neu programmierten Motorsteuerung mit unveränderter Laufruhe fahren.

Wird mein Auto die gleichen Leistungsdaten haben, nachdem VW Änderungen vorgenommen hat, damit die versprochenen Abgaswerte eingehalten werden? Falls nicht: Habe ich dann nicht Anspruch auf Entschädigung oder Rückgabe?

Welche Auswirkungen Änderungen haben, die VW an den Fahrzeugen durchführt, kann nur VW beantworten. Ansprüche gegen den Händler setzen aber stets voraus, dass dieser arglistig getäuscht hat; ein solcher Nachweis über das Wissen des Verkäufers ist nicht zu führen. Somit entfallen Schadensersatzansprüche wegen arglistiger Täuschung gegen den Händler. Sollte sich der Manipulationsverdacht bestätigen, stehen jedoch Schadenersatzansprüche gegen den Hersteller im Raum. Wie diese im Detail aussehen könnten, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch unklar.

Kann ich vom Kaufvertrag zurücktreten oder die Annahme eines bestellten Neuwagens vermeiden?

Einen bestellten Neuwagen raten wir zunächst anzunehmen, gleichzeitig jedoch einen Vorbehalt der Geltendmachung von Sachmängelrechten bezüglich erhöhter Abgas- oder Verbrauchswerte anzumelden. Um auf der sicheren Seite zu sein, empfiehlt sich die schriftliche Erklärung eines solchen Vorbehalts gegenüber dem Verkäufer. Ein entsprechendes Musterformular gibt es beim ADAC. Ist der Wagen bereits ausgeliefert, kann der Käufer vom Händler im Rahmen der Sachmängelhaftung zunächst kostenfreie Nacherfüllung verlangen. Eine Ersatzlieferung – also ein komplett neues Fahrzeug – dürfte wegen Unverhältnismäßigkeit abgelehnt werden können.

Das Interview führte Ulrich Metschies

Auch andere Hersteller nutzen das Steuergerät

Ein kleines graues Kästchen, das Steuergerät „Electronic Diesel Control 17“ des Autozulieferers Bosch, steht im Zentrum des VW-Abgasskandals um manipulierte Dieselmotoren. Es enthält jene Software, die dafür sorgen soll, dass Partikelfilter sowie Systeme zur Stickoxid-Reduktion stets die vorgeschriebenen Werte erreichen.

Doch nicht nur VW setzt auf eine solche Technik, weiß der Obermeister der Kfz-Innung Kiel/Neumünster, Hans W. Hansen: „Das ist gängiger Stand der Technik, die eingebaut wird.“ Auch die Diesel-Technik der Hersteller unterscheidet sich laut Hansen nur graduell: „Im Grunde funktioniert die Common-Rail-Einspritzung immer gleich.“ Ob deswegen auch andere Hersteller oder sogar Dieselmotoren, die die EU-Schadstoffnorm 6 erfüllen, ebenfalls die vorgeschriebenen Abgaswerte überschreiten, hält Hansen für möglich – „ich hoffe aber, dass das nicht so ist“.

Eine technische Möglichkeit zur Reduzierung von Stickoxiden, auf die auch VW setzt, ist der Einsatz von sogenannten SCR-Katalysatoren (Selective Catalytic Reduction), die mit einer Einspritzung von Harnstoff aus einem im Fahrzeug eingebauten Zusatztank arbeiten. Das ist ein Verfahren, das übrigens bereits seit vielen Jahren Stand der Lkw-Dieseltechnik ist. Ob nun ein mögliches Software-Update genügt, die Schummel-Diesel auf die vorgeschriebenen oder versprochene Abgaswerte zu trimmen, bezweifelt Hansen jedoch: „Das verändert vermutlich die Leistung, das Fahrverhalten und den Verbrauch solcher Fahrzeuge – Einbußen sind wahrscheinlich.“ (jan)

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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