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Jürgen Heinemann geht von Bord

KN-Geschäftsführer Jürgen Heinemann geht von Bord

Der langjährige Chefredakteur und Geschäftsführer der Kieler Nachrichten, Jürgen Heinemann (67), geht am Mittwoch in den Ruhestand. 45 Jahre gehörte der in Cismar geborene Heinemann den Kieler Nachrichten an.

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Zusammen mit dem zweiten Geschäftsführer Sven Fricke (rechts) trieb Jürgen Heinemann die Entwicklung der KN vom Zeitungshaus zum multimedialen Medienunternehmen voran.

Quelle: Jörg Wohlfromm

Kiel. Mit ihm endet eine Ära. Wenige prägten den Verlag über mehrere Jahrzehnte so stark wie er. Er war das Gesicht der KN.

 Heinemann begann seine Karriere 1970 mit einem Volontariat und wurde anschließend Sportredakteur. Was er damals als Traumberuf angesehen hatte, erwies sich bald als kurze Übergangsstation. Denn drei Jahre später entdeckte er sein Faible für die regionale und lokale Berichterstattung.

 Er wurde Redakteur in einer Regionalausgabe, 1983 Leiter des Schleswig-Holstein-Ressorts, wechselte zwei Jahre später in gleicher Funktion in die Landeshauptstadtredaktion und wurde außerdem stellvertretender Chefredakteur. Nach vier Jahren als Chef vom Dienst beriefen die Gesellschafter Heinemann 1991 zum Chefredakteur.

 Was die Menschen in der Stadt und auf dem Dorf bewegt, darüber wollte Heinemann schreiben. Missstände und Verfehlungen aufdecken und Vorbildliches herausstreichen, Hintergründe erklären und politische Entscheidungen pointiert kommentieren, darin sah er seine Aufgabe und den Auftrag der Redaktion.

 Journalistische Unabhängigkeit und wertfreie Berichterstattung waren ihm ein hohes und nicht verhandelbares Gut. Im Zweifel für den Angeklagten: Das galt für ihn nicht nur vor Gericht, sondern auch in der Zeitung. Solange ein Angeklagter nicht verurteilt war, wurde sein Name abgekürzt und sein Gesicht auf Fotos unkenntlich gemacht – da mochten noch so viele Zeitungen im Lande es anders handhaben: Das Prinzip der fairen Berichterstattung galt für Heinemann ausnahmslos.

 Fairness forderte er nicht nur für die Menschen ein, über die seine Redakteure berichteten. Wurden diese selbst wegen kritischer Artikel Ziele von Attacken, dann stellte sich der Chefredakteur mit seiner stattlichen Statur vor die Kollegen. Jegliche Versuche von Einflussnahme auf die Redaktion wehrte er entschieden ab.

 Von diesem Verzicht auf Einflussnahme nahm er sich selbst nicht aus, wenn es ihm geboten erschien: Kommentare der Redakteure wurden selbstverständlich auch dann gedruckt, wenn sie seiner persönlichen Auffassung widersprachen. Den Lesern sollte kein Einheitsbrei, sondern Meinungsvielfalt geboten werden. Und wer als Journalist wirklich unabhängig sein wollte, der war bei dem Chefredakteur Jürgen Heinemann gut aufgehoben und angesehen. Seinem Gerechtigkeitssinn entsprach es, dass Heinemann selbst in leitenden Funktionen noch als Betriebsratsmitglied aktiv war. Sich loyal und mit ganzer Kraft für den Arbeitgeber einzusetzen und gleichzeitig die Interessen seiner Kollegen wahrzunehmen, das war für ihn kein Widerspruch. Bezeichnend ist, dass die Gewerkschaften ihn bis heute als fairen Verhandlungspartner schätzen.

 Journalisten sind gewöhnlich gehetzte Menschen. Sie jagen von einem Termin zum nächsten. Sie recherchieren und schreiben unter hohem Zeitdruck. Dem setzte Heinemann seine fast schon stoische Ruhe entgegen – weil es seine Art ist und weil ein Chefredakteur in der größten Hektik die Ruhe bewahren muss, wenn die Zeitung gelingen soll. Er ging regelmäßig durch die Büros, um mit den Kollegen in Kontakt zu bleiben. Er kannte ihre Freuden und Sorgen, er kümmerte sich um ihre beruflichen – und manche privaten – Probleme. Er tat dies nicht, weil das von einem guten Chef erwartet wird, sondern weil es ihm wichtig war.

 Seine Karriere ist nicht nur deshalb außergewöhnlich, weil er als einer der ganz wenigen Chefredakteure deutscher Zeitungen zwei Jahrzehnte lang an der Spitze stand. Während andere Chefredakteure den vorzeitigen Ruhestand genießen würden, wechselte Heinemann als Geschäftsführer an die Verlagsspitze. Zusammen mit dem zweiten Geschäftsführer Sven Fricke trieb er die Entwicklung der KN vom Zeitungshaus zum multimedialen Medienunternehmen voran. Er begleitete den Wechsel des Minderheitsgesellschafters: An Stelle des Springer-Verlages hält die Mediengruppe Madsack seit 2009 49 Prozent der Anteile.

 Vor allem aber sorgte er mit Fricke dafür, dass das Unternehmen bis heute ohne Mast- und Schotbruch durch die Zeitungskrise segelt. Dass er seine eigenen Verdienste dabei eher kleinredet, entspricht seinem Naturell. Heinemann ist die Selbstdarstellung zuwider. Zwar scheute er weder als Geschäftsführer noch als Chefredakteur den öffentlichen Auftritt. Doch ging es ihm dabei immer nur um die Sache, wo nötig auch um die Repräsentation seines Unternehmens, nie jedoch um Wichtigtuerei. Es ist deshalb konsequent, dass er auf eine öffentliche Verabschiedung verzichten möchte. Heinemann weiß, dass die Unternehmensführung auch ohne ihn in guten Händen liegt. Darauf kommt es ihm an. Die Kolleginnen und Kollegen der KN danken ihm trotzdem. Er war ein vorbildlicher Chef.

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Ein Artikel von
Klaus Kramer
Chefredakteur / Ressortleiter Nachrichten

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