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„Ein trauriger Tag für Neumünster“

Karstadt Warenhaus „Ein trauriger Tag für Neumünster“

Jetzt ist es offiziell: Der angeschlagene Kaufhauskonzern Karstadt schließt zum 30. Juni 2016 sein Warenhaus in Neumünster. Die etwa 100 Beschäftigten wurden darüber am Dienstagvormittag auf einer Betriebsversammlung informiert. Neumünsters OB Olaf Tauras bedauert die Pläne.

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Viele Neumünsteraner wollten gestern Vormittag wissen, ob das Karstadt-Warenhaus tatsächlich geschlossen wird: Wegen einer Betriebsversammlung mussten sie vor der Eingangstür warten. Später wurde bekannt, dass das drittälteste Karstadt-Haus am 30. Juni 2016 endgültig seine Pforten schließen wird.

Quelle: Carsten Rehder

Neumünster. Schwerer Schlag für Neumünster: Das Karstadt-Warenhaus am Großflecken mit etwa 100 Beschäftigten soll zum 30. Juni 2016 geschlossen werden, teilte der Essener Warenhauskonzern gestern nach einer Sitzung des Aufsichtsrates mit. Auf der Streichliste stehen neben Neumünster weitere Standorte in Recklinghausen, Bottrop, Dessau und Mönchengladbach-Rheydt. Als Begründung für die Schließung der fünf von derzeit noch 83 Warenhäuser mit etwa 16000 Beschäftigten nannte Karstadt-Vorstandsvorsitzender Stephan Fanderl die „seit Jahren negative Umsatzentwicklung“, die sich auf die Gesundung des Gesamtunternehmens negativ auswirke. „Wir müssen schnell die Filialrentabilität verbessern, dazu gehören die schmerzlichen Entscheidungen, Standorte zu schließen“, sagte Fanderl. Der steigende Wettbewerbsdruck durch neue innerstädtische Einkaufszentren ließen laut Fanderl eine positive Geschäftsentwicklung in weite Ferne rücken.

Neumünsters frisch wiedergewählter Oberbürgermeister Olaf Tauras (parteilos) bedauerte die Entscheidung des Unternehmens: „Auch wenn es eine Nachricht ist, die uns alle traurig stimmt, bin ich guter Hoffnung, dass die Mitarbeiter aufgrund ihrer guten Qualifikation neue Beschäftigungsmöglichkeiten im derzeit wachsenden Einzelhandel Neumünsters finden werden“, sagte Tauras optimistisch. Mit den Eigentümern der Immobilie befinde er sich bereits in Gesprächen, „so dass ich davon ausgehe, dass wir eine Nachnutzungsmöglichkeit finden werden“, erklärte er.

Mit den Tränen kämpfen musste dagegen Barbara May, seit 13 Jahren Betriebsratsvorsitzende von Karstadt Neumünster: „Die Kollegen sind geschockt.“ Bereits am Montagnachmittag sei sie über die Schließungspläne vom Unternehmen informiert worden, auf zwei Versammlungen am Montagabend und gestern Vormittag wurden dann die Beschäftigten im Haus informiert. „Ganz überraschend kam das für uns nicht, Neumünster wurde ja schon länger als Streich-Kandidat genannt“, sagte die 54-Jährige, die seit 1978 im drittältesten Karstadt-Haus Deutschlands (eröffnet 1888) arbeitet. Insgesamt würden, so May, 150 Mitarbeiter ihren Job verlieren, weil auch ein Restaurant und eine Eisdiele im Karstadthaus schließen müssten. Als Chance betrachtete sie die im Herbst geplante Eröffnung der Holsten-Galerie des Projektentwicklers ECE in direkter Nachbarschaft: „In dem neuen Einkaufszentrum werden hoffentlich Arbeitsplätze geschaffen, auf die wir uns bewerben können.“

Scharfe Kritik kommt von Verdi: „Das ist ein trauriger Tag für die Beschäftigten und Neumünster“, sagte Sprecher Frank Schischefsky. Dazu beigetragen habe die „verfehlte Ansiedlungspolitik“ der Stadt, die zum „Ausbluten der Innenstadt“ beitrage. „Wir haben immer davor gewarnt, dass die Holsten-Galerie oder das DOC Arbeitsplätze gefährden“, betonte Schischefsky. Neumünsters Ex-Bürgermeister Thomas Michaelis kritisierte die Politik des Karstadt-Konzern: „Es wäre besser gewesen, wenn Karstadt schon vor Jahren von Kaufhof gekauft worden wäre.“ Es sei aber gut, dass nun mit dem erweiterten Designer Outlet und der Holsten Galerie zahlreiche neue Arbeitsplätze im Einzelhandel entstünden. Auch die Industrie- und Handelskammer zu Kiel bedauert die Schließungsabsichten. „Die Vorstellung, dass eine derart große Einzelhandelsfläche auf Jahre ungenutzt bleiben könnte, erfüllt uns mit Sorge“, sagte Lutz Kirschberger, Leiter der IHK-Zweigstelle Neumünster. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt sprach von einem „bitteren Tag“ für die Beschäftigten von Karstadt: „Mit dem heutigen Tag ist Vertrauen in die Eigentümer und die Geschäftsführung von Karstadt verloren gegangen.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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Kommentar

Um Karstadt muss es wirklich schlecht stehen. Die Ankündigung, Mitte 2016 die Filiale in Neumünster zu schließen, passt vor Ort derzeit so gar nicht ins Bild. Nur 100 Meter entfernt von dem Kaufhaus entsteht gerade die Holsten-Galerie. ECE investiert dort rund 140 Millionen Euro. Das Center mit 90 Geschäften soll vor allem neues Publikum in die kreisfreie Innenstadt locken. Den Karstadt-Machern fehlt wohl die Fantasie, dass ihre Filiale von dem potenten Nachbar profitieren könnte, oder es herrscht sogar nackte Angst vor drohender Konkurrenz.

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