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Der Globalisierung auf der Spur

Kiel Centre for Globalisation Der Globalisierung auf der Spur

Das hört sich gewaltig an: „Kiel Centre for Globalisation“. Wer bei diesem Namen an eine Forschungseinrichtung mit repräsentativer Zentrale, Großraumbüros, Konferenzräumen und eigener IT-Infrastruktur denkt, der sieht sich getäuscht.

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Er ist ein Freund der Globalisierung, will aber auch deren Schattenseiten ausleuchten: Prof. Holger Görg. Sprecher des Kiel Center for Globalisation.

Quelle: Prof. Holger Görg

Kiel. Denn das KCG ist – wie vieles in der heutigen Welt – ein virtuelles Konstrukt. Doch das stört Prof. Holger Görg (46) nicht. Denn dem Kieler Ökonomen mit dem Spezialgebiet Außenwirtschaft geht es als Sprecher des KCG nicht um Selbstvermarktung, sondern um Forschungsergebnisse, die sich nicht nur in wissenschaftlichen Veröffentlichungen niederschlagen, sondern in handfesten Politikempfehlungen. Sein 16-köpfiges, interdisziplinär zusammengestelltes Team aus Professoren, Doktoranden und promovierten Wissenschaftlern hat vor allem ein Ziel: zu erforschen, wie Globalisierung funktioniert – und wie Handel und weltweite Arbeitsteilung künftig gerechter ablaufen, als sie es heute tun.

 Im Mittelpunkt der KCG-Forschung stehen weltweite Lieferketten. Sie sind ein Kern der Globalisierung und beschreiben den kompletten Weg eines Produkts, von der Herstellung bis zum Kauf durch den Endkunden. Das hört sich erst mal ziemlich theoretisch an. Doch in der globalisierten Welt haben diese Lieferketten nicht nur einen enormen Einfluss auf das Wachstum von Industrie- und Entwicklungsländern, sondern auch auf die Verteilung von Gewinnen. Früher, da galt der freie Handel aus Sicht des IfW noch als rundum segensreiche Veranstaltung. Doch heute ist die Sicht der Kieler Ökonomen sehr viel differenzierter: „Handel und Produktion auf internationaler Ebene bringen nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer und unerwünschte Nebeneffekte hervor“, sagt Görg, der am IfW den Forschungsbereich „Internationale Arbeitsteilung“ leitet und an der CAU die Professur für Außenwirtschaft innehat.

 Im KCG arbeiten Betriebswirtschaftler, Umwelt- und Verhaltensökonomen und Ethikforscher Hand in Hand – auch um die dunklen Seiten der Globalisierung auszuleuchten. Ein trauriges Beispiel ist der Einsturz der achtstöckigen Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, bei dem 2013 mehr als 1100 Menschen ums Leben kamen. „Im Wettbewerb um Investitionen und Produktionsstandorte unterbieten sich Länder wie Bangladesch gegenseitig auf Kosten von Arbeits- und Sicherheitsbedingungen und letztlich auf Kosten ihrer eigenen Wohlfahrt“, sagt Görg. Begleiterscheinung einer globalen Produktion seien zudem lange Transportwege, die Energie und Ressourcen verschlingen und damit den Klimawandel befeuern.

 Um öffentlichen Debatten und politischen Entscheidungen bessere Grundlagen zur Verfügung zu stellen, will das KCG besonders als unfair wahrgenommene Lieferketten in den Blick nehmen. Wie gehen Konsumenten und Produzenten mit vermeintlich unfairen Produktionen um? Welche moralische Verantwortung tragen auch Konsumenten, die über das Monstrum Globalisierung schimpfen und nicht begreifen, dass sie selbst Teil davon sind, wenn sie freudig zum Fünf-Euro-T-Shirt greifen? Antworten auf Fragen wie diese sollen Grundlage für neue ökonomische Modelle sein, mit deren Hilfe Defizite wie fehlende Nachhaltigkeit, geringe Investitionen oder Gehaltsunterschiede systematisch dargestellt werden können.

 Muss man nicht fürchten, dass die Arbeit des KCG am Ende doch nur Wissenschaftszeitschriften füllt? Görg, der sich selbst als Anhänger der Globalisierung bezeichnet, schüttelt den Kopf: „Mitte kommenden Jahres werden wir erste handfeste Ergebnisse liefern.“ Und was wird die Ära Donald Trump für die Globalisierung bedeuten? Obwohl der künftige Präsident mit knallhart protektionistischen Tönen Wahlkampf gemacht hat, glaubt Görg nicht, dass sich die USA wirtschaftlich abschotten, denn das hätte einen Handelskrieg mit China und Europa zur Folge, an dem auch Trump kein Interesse haben könne. Was Görg bedauert, die Kritiker des transatlantischen Handelsabkommens jedoch erfreut: Für TTIP sieht der Kieler Ökonom unter US-Präsident Trump keine Chance mehr.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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