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Niedrigzinsen und die Folgen

Kieler Institut für Weltwirtschaft Niedrigzinsen und die Folgen

Die Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) freut den Staat – und kostet Privathaushalte Milliarden. Nach Berechnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft spart der Bund bis 2030 rund 160 Milliarden Euro Zinsen ein.

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 Die deutsche Bankenbranche steht einer Umfrage zufolge vor einer neuen Sparwelle.

Quelle: Oliver Stratmann/dpa

Kiel/Frankfurt. Die Kehrseite der Medaille präsentierte am Donnerstag die DZ Bank: In den vergangenen fünf Jahren sind Sparern Zinseinkünfte in Höhe von 190 Milliarden Euro durch die Lappen gegangen.

Die Untersuchung, die der Kieler IfW-Ökonom Jens Boysen-Hogrefe am Donnerstag der Öffentlichkeit präsentierte, dürfte dem Bundesfinanzminister mit tiefer Freude erfüllen. Danach spart der Bund wegen der historisch niedrigen Zinsen mit seinen Anleihen bis zum Jahr 2030 insgesamt 160 Milliarden Euro Kreditzinsen. Im laufenden Jahr werde die größte Wirkung in einem einzigen Jahr mit Minderausgaben von knapp 20 Milliarden Euro erzielt, sagt der stellvertretende Leiter des IfW-Prognosezentrums. Zum Vergleich: Der Solidaritätszuschlag dürfte nach Berechnungen Boysen-Hogrefes im laufenden Jahr rund 15 Milliarden Euro in die Staatskasse spülen. Wie jeder Häuslebauer versucht auch der Finanzminister, sich die niedrigen Zinsen langfristig zu sichern. Die Finanzagentur des Bundes, so beobachtet es der IfW-Experte, sei in jüngster Zeit offenbar bemüht, die Laufzeiten der öffentlichen Schuldtitel zu erhöhen und somit einen Teil des Niedrigzinsumfelds zu konservieren. Der Anteil der 30-jährigen Anleihen steige, zugleich sänken die Anteile der zweijährigen Bundesschatzanweisungen und der Schatzanweisungen mit Laufzeiten von bis zu zwölf Monaten.

 Doch wie für manchen Immobilienkäufer könnt es auch für den Bund ein böses Erwachen geben. Denn ab 2017, so erwartet der Kieler Finanzwissenschaftler, wird das Zinsniveau wieder ansteigen und in den 2020-er Jahren auf historische Mittelwerte klettern. Und in dieser Entwicklung sieht Boysen-Hogrefe ein enormes Risiko für die öffentlichen Haushalte: „Es ist wahrscheinlich, dass gerade dann die Zinslast deutlich steigen wird, wenn zeitgleich die Demografie die öffentlichen Haushalte stark belasten dürfte.“ Die aktuell „sehr gute“ Lage der öffentlichen Haushalte dürfe daher nicht darüber hinwegtäuschen, dass mittel- bis langfristig spürbare Haushaltsrisiken bestünden.

 Und die Sparer? Ihnen sind nach Berechnungen der genossenschaftlichen DZ Bank in den vergangenen fünf Jahren Zinseinkünfte in Höhe von 190 Milliarden Euro entgangen. Der Einbruch dieser Einkünfte bei der Geldanlage zähle damit zu den gravierendsten Folgen der immer weiter sinkenden Zinsen, erklärte DZ-Bank-Chefvolkswirt Stefan Bielmeier. Den Zinsverlusten stünden zwar auch Einsparungen infolge geringerer Kreditzinsen im Wert von 78 Milliarden Euro gegenüber. Unter dem Strich bleibe aber ein erheblicher Verlust — von durchschnittlich 1366 Euro pro Bundesbürger.

 Diese Zahlen sind allerdings rein hypothetisch und bedeuten nicht, dass die Menschen wirklich Vermögen verloren haben: Wie auch die Kieler Kollegen vergleichen die DZ-Experten das tatsächliche Zinsniveau mit einem unterstellten (höheren) „Normalzinsniveau“, also einem langjährigen Durchschnittszins. Zudem sind die Aktienkurse in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen — unter anderem befeuert durch die Niedrigzinspolitik. Das Problem: Nur wenige der traditionell eher vorsichtigen deutschen Anleger profitieren davon, wie Bielmeier betont. „Lediglich rund zehn Prozent des gesamten privaten Geldvermögens besteht hierzulande aus Aktien.“ Das sei nicht einmal die Hälfte des Anteils, den private Haushalte in anderen europäischen Ländern halten.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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