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So viel Wohlwollen, so viel Kritik

Kieler Start-up-Talk So viel Wohlwollen, so viel Kritik

Wie bekommt man ein Start-up so in Schwung, um Geldgeber zu gewinnen? Um sich auszutauschen, trafen sich Kieler Start-Up-Unternehmer zum Austausch.

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Er baut einen superleichten Segel-Kompass, sie will Frauen beim Kauf von Businessmode helfen: Fabian Gielen (2. v. l.) und Laura Cordes (re.) im Gespräch mit Wirtschaftsjunioren im Kieler Zentrum für Entrepreneurship (ZFE). Links neben Laura Cordes ZFE-Leiterin Anke Rasmus..

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Laura Cordes denkt groß. Die 28-Jährige spricht von einem Milliardenmarkt, sieht sich bereits als CEO eines innovativen, wachstumsstarken Unternehmens, das nicht nur modebewusste Geschäftsfrauen überzeugt, sondern auch Investoren: „Wir wollen der Online-Spezialist für Damen-Businessmode werden.

Gardoré heißt das Unternehmen, das Laura Cordes gemeinsam mit Partnern gründen will. Derzeit existiert unter diesem Namen eine Online-Beratung, die Frauen bei der Wahl des perfekten Business-Outfits unterstützt. Wie es nun weitergehen soll, dazu hat Laura Cordes konkrete Pläne. Sind die aber realistisch? Und wie bringt man ein Start-up ohne riesige Summen auf „Flughöhe“, damit Geldgeber aufspringen und die Sache richtig groß wird? Um auf diese und andere Fragen Antworten aus der Praxis zu bekommen, ist die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Unternehmertum und Strategieberatung sowie Berufserfahrung bei Telekom, McKinsey und Otto Group heute zum Kieler Start-up-Talk gekommen.

 Der Ort des Geschehens versprüht Arbeitsatmosphäre. Es gibt Wasser, kein Naschi, kein Klimbim. Die Tische im Seminarraum des Zentrums für Entrepreneurship (ZFE) an der Kieler Uni sind zu einem U angeordnet. Platz genommen haben ZFE-Leiterin Anke Rasmus, Dorothee Thomanek, Vorsitzende des Vereins Mentoren für Unternehmen in Schleswig-Holstein, und fünf Wirtschaftsjunioren. Gespannt lauscht die Gruppe der Präsentation von Laura Cordes, die mit Anglizismen nicht geizt und auch in ihrem grauen Kleid plus eleganter Hochsteckteckfrisur deutlich macht, selbst zur Zielgruppe ihres Unternehmens zu gehören. „Frauen betrachten das Einkaufen von Business-Kleidung als schwierig, anstrengend und unerfreulich“, sagt Laura Cordes auch mit Blick auf eigene Erfahrungen. Natürlich gebe es zahllose Händler, die Mode für Geschäftsfrauen verkaufen, doch die meisten würden dieses Segment quasi nebenher bedienen: „Es fehlt an Orientierung, viele Webseiten sind ziemlich unattraktiv“, sagt Laura Cordes. Wenn also der Markt riesig, das Angebot aber eher mau ist, dann tut sich da eine ziemlich interessante Nische auf. Und genau in die will Gardoré stoßen. Mit individueller Beratung und einem Marken-Angebot, das über die bekannten Modelabels weit hinaus geht. In der ersten Stufe soll Gardoré allerdings noch nicht selbst als Händler auftreten, sondern als Orientierungshelfer, der nach individueller Stil-Beratung die passenden Produkte aussucht und die Kunden dann zu den jeweiligen Shops weiterleitet.

 Das Publikum ist beeindruckt von dieser Idee – und vom Selbstbewusstsein der Präsentation. Doch was dann folgt, sind viele zwar wohlmeinende aber kritische Fragen. Reichen die Provisionseinnahmen aus, um den Anspruch individueller Beratung zu finanzieren? Wenn Businessmode für Frauen tatsächlich eine lukrative Marktnische ist, warum sollen das die großen Player noch nicht erkannt haben? Online-Marketing ist unglaublich teuer – wo soll das Geld dafür herkommen? Doch es kommen auch Tipps. Zum Beispiel, wie sich die Besuchszahlen auf der Seite mit Social Media steigern ließen. Oder dass Laura Cordes ihr Konzept direkt bei einem Risiko-Kapital-Geber wie den Samwer-Brüdern vorstellen sollte, den Gründern des Start-up-Inkubators Rocket-Internet. Nach einer Stunde ist Laura Cordes eine Spur nachdenklicher geworden. Doch ihre Idee wird sie weiterverfolgen. „Dafür brenne ich“, sagt sie. Das glauben alle in der Runde.

 Fabian Gielen hat keinen Milliardenmarkt im Visier. Dafür gibt es schon ein Produkt, das der Profisegler über Händler in sieben europäischen Ländern, in Australien, den USA und Südamerika verkauft: einen ultraleichten, kleinen und stabilen Carbon-Kompass speziell für Boote der Laser-Klasse. Noch produziert die Zwei-Leute-Firma Carbonparts die Kompasse im Keller von Gielens Elternhaus. Kann daraus ein Geschäft werden, von dem man leben kann? Oder sollte der 24-Jährige Volkswirtschaftsstudent nach dem Bachelor erst mal seinen Master machen? Gielen prallen manche Zweifel entgegen, dafür aber auch eine Fülle von Optimierungsvorschlägen: dringend die Produktionskosten senken, den Verkaufspreis erhöhen, nicht nur Profis als Zielgruppe ansprechen, sondern auch Freizeitsegler. Doch dafür muss Gielen unbedingt die eigene Kompetenz als Profisegler stärker herausstellen – und überhaupt erst mal ein substanzielles Marketing aufbauen. Es muss eben richtig cool sein, diesen Kompass zu besitzen. Auch Gielen ist am Ende dankbar für den freundlichen Gruß aus der Praxis. Auf jeden Fall wird er jetzt das tun, was jeder Existenzgründer tun muss: einen Businessplan schreiben.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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