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Endlich ein Neustart nach der Flucht

Kieler Unternehmen Endlich ein Neustart nach der Flucht

Hassan Karro hat es geschafft. Elf Monate nach seiner Ankunft in Deutschland hat der Syrer eine Beschäftigung gefunden – beim Kieler Unternehmen Zöllner Signal, sozialversicherungspflichtig, nach Tarif bezahlt.

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Hassan Karro (vorn) an einem Arbeitsplatz bei der Zöllner Signal GmbH. Bei Schwierigkeiten helfen Kevin Gutjahr (Foto) oder andere Kollegen.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Der 32-Jährige ist der erste, der vom Projekt „Perspektive für Flüchtlinge“ der Kieler Arbeitsagentur profitiert, und er weiß, dass er noch die große Ausnahme ist. In seinem Deutschkursus ist er der Einzige mit einem Arbeitsvertrag.

„Ich bin jung. Ich kann arbeiten“, sagt der Kurde. „Es wird zehn, 20 Jahre dauern bis wir nach Syrien zurückkönnen. Solange wollen wir Teil dieser Gesellschaft sein, und der beste Weg zur Integration ist, uns die Chance auf Arbeit zu geben.“ Hassan Karro hat in Syrien sein IT-Studium mit einem Master abgeschlossen und in der Computerbranche gearbeitet. „Wie die meisten Flüchtlinge, die mit mir gekommen sind, habe ich mich sehr geschämt, dass ich vom deutschen Staat leben musste.“ Als er über die Erstaufnahme in Neumünster nach Kiel kam, gab es noch keine Integrationskurse, vieles war ungeklärt, Bestimmungen änderten sich fast im Wochentakt.

Mit der Arbeitskraft Dankbarkeit zeigen

Auch Philipp Murmann, Geschäftsführender Gesellschafter der Zöllner Signal GmbH, erinnert sich, wie man bei der IHK-Vollversammlung Ende 2015 diskutierte, welchen Beitrag die Unternehmen zur Integration beitragen könnten, und feststellen musste: Zu viele Regularien sind noch unklar. Doch Karro wie Murmann ließen sich davon nicht abhalten. Karro stand immer wieder bei der Arbeitsagentur auf der Matte. Der Firmenchef durchforstete sein Unternehmen nach einem geeigneten Arbeitsplatz für einen Flüchtling. „Wir wollten ihn ja nicht den Hof fegen lassen, sondern eine reguläre Stelle bieten. Das ist ohne Deutschkenntnisse aber schwierig in einem Unternehmen, das für absolut zuverlässige Sicherheitstechnik steht.“

Parallel hatte die Arbeitsagentur Kiel das Projekt „Perspektive für Flüchtlinge“ mit zusätzlichen Stellen aus der Taufe gehoben. Kristin Köpcke sollte Flüchtlinge mit hoher Bleibeperspektive schnell in Lohn und Brot bringen. Einer der ersten Teilnehmer: Hassan Karro. „Es sagte mir: ’Ich möchte mit meiner Arbeitskraft Deutschland meine Dankbarkeit zeigen’“, sagt Kristin Köpcke. Karro wurde in dem Projekt sprachlich und thematisch auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, erhielt dann ein dreimonatiges Praktikum bei Zöllner Signal – und anschließend einen Arbeitsvertrag. Das funktionierte aber nur, weil Karro inzwischen seine Aufenthaltserlaubnis bekommen hatte. „Dass es so reibungslos klappt, ist noch selten, jeder Fall liegt anders“, sagt Michael Knapp, Leiter der Arbeitsagentur. Viele bräuchten noch eine Ausbildung."

"Die Qualität ist beeindruckend"

Hans Joachim Beckers von der IHK zu Kiel betont die große Bereitschaft der Betriebe, Flüchtlinge auszubilden. „Aber dazu müssen der Status geklärt und das B2-Sprachniveau erreicht sein. Sonst können die Auszubildenden in der Berufsschule nicht folgen. Und: Das Ausländeramt muss die Fragen der Betriebe schneller beantworten.“

30 Wochenstunden arbeitet Hassan Karro in der Endmontage der automatischen Warnsysteme. „Das macht mir Freude, vor allem bin ich von der Qualität der Produkte beeindruckt“, sagt Karro, der morgens um halb sieben die Wohnung des Bruders oder von Freunden verlässt, nach der Arbeit vier Stunden Deutsch lernt, um 20 Uhr zurückkehrt und meist nur noch essen und schlafen will. Zeit für seine Hobbys wie Schwimmen und Volleyball oder für Kontakte zu Deutschen bleibt nicht. Deshalb ist er froh, dass er mit den Kollegen deutsch reden und auch mal den Freitagabend mit ihnen verbringen kann. Was er sich noch wünscht? „Eine kleine Wohnung.“

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