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Kieler Wirte befürchten Disko-Sterben

GEMA-Gebühren Kieler Wirte befürchten Disko-Sterben

Mit ihrer Tariferhöhung ab 2013 hat die GEMA ein heftiges Gewitter in der Club- und Diskoszene ausgelöst. Die Betreiber müssen zum Teil Steigerungen von mehreren hundert Prozent hinnehmen. Nun stehen Existenzen auf dem Spiel - auch in Kiel.

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Durch die Erhöhung der GEMA-Tarife stehen die Existenzen mancher Club- und Diskobetreiber auf dem Spiel.

Quelle: dpa

Berlin/Kiel. Ü30 in der Traum GmbH, „All styles!“ im Weltruf. Zwei Beispiele dafür, was so geht auf der Kieler Piste am kommenden Sonnabend. Zwei Beispiele dafür, was nicht mehr weggedacht werden soll aus der Kieler (Sub-)Kultur. Hier könnten noch mehr stehen: stellvertretend die Bergstraße, die Pumpe, die Schaubude, Prinz Willy, Blauer Engel und und und. Irgendwo dort werden am Sonnabend die Black Eyed Peas ihr „I Gotta Feeling“ singen. Darüber, dass diese Nacht eine gute Nacht werden wird. Und dann wird es still um 23.55 Uhr, weil es für viele Club- und Diskobetreiber nicht nur sprichwörtlich fünf vor Zwölf ist.

Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) hat zu diesen fünf Minuten der Stille aufgerufen, weil auf seine Tanztempel eine Lawine mit bedrohlichem Ausmaß zurollt. Eine Lawine, die Traum-GmbH-Geschäftsführerin Johanna Günther „nicht so einfach wegstecken“ wird. Für die Kieler Traditionsdisko, die früher den Namen Traumfabrik trug, erhöhen sich die jährlichen GEMA-Gebühren um 53.000 Euro von 9000 Euro auf 62.000 Euro. Acht Stunden wird im Grasweg meistens am Mittwoch, Freitag und Sonnabend getanzt, der durchschnittliche Eintritt liegt bei sechs Euro. „Besonders fies ist, dass die Gebühren mit jeder Stunde länger und jedem Euro mehr steigen. Darauf werden wir irgendwie reagieren müssen.“

Irgendwie reagieren muss auch Jens Lause. Der 43-Jährige betreibt das Weltruf, den Club mit den Rettungsbooten über der Tanzfläche. Irgendwie symbolisch: Will sich Lause nicht im Rettungsboot abseilen müssen, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die steigenden GEMA-Gebühren auf seine Gäste umzulegen. Aber ab wann bleiben die weg? Welche Erhöhung der Getränke- oder Eintrittspreise machen sie mit? Jetzt zahlt Lause 638 Euro im Monat an die GEMA, fast 1700 werden es künftig sein. Von Donnerstag bis Sonntag ist das Weltruf geöffnet. „An einem Donnerstag, an dem ich nur zwei Euro Eintritt nehme, wären die ersten 50 Gäste nur für die GEMA“, rechnet Lause vor. Bei 200 Gästen ist kein Platz mehr im Rettungsboot zu kriegen. „Umsatzverluste sind programmiert.“ Doch was Lause am meisten nervt, ist das fehlende Service-Verständnis der GEMA: „Wir hatten den Club noch nicht einmal eröffnet, da war damals die GEMA schon auf der Matte. Aber jetzt hat noch niemand mit uns gesprochen.“

Eine Lösung für Lause könnte sein, seinen Laden nur noch für fünf Stunden ab Mitternacht zu öffnen, weil die Gebühren pauschal um 50 Prozent steigen, wenn länger als fünf Stunden geöffnet ist. Aber ob das der richtige Weg ist? Gebühren für die Urheber findet der Clubbetreiber richtig, sieht bei den neuen Tarifen jedoch nicht alle Faktoren fair berücksichtigt. „Die Leute sollen von ihrer Kunst leben. Aber wer denkt denn daran, dass die Künstler auch viel verkaufen, weil wir ihre Musik bei uns im Club spielen und bekannt machen? Wir sitzen doch alle im gleichen Boot.“ Auch Henning Puls sitzt in diesem Boot, Inhaber des ease Clubs in der Bergstraße. Tariferhöhungen um mehr als 100 Prozent empfindet er „generell als Unding“. Hamed Abdolkarim, Gesellschafter der Kieler MAX-Disco, muss ein Gebühren-Plus von 465 Prozent verkraften: „Im Zweifel müssen wir schließen.“

Mehr als 800 Millionen Euro sammelt die GEMA jährlich von denen ein, die die Werke von Komponisten, Textern und Musikverlegern öffentlich abspielen. Die damit verbundene Verwaltungsarbeit verschlingt allein 120 Millionen Euro. Jens Lause vom Weltruf nennt das „Wasserkopf“. Bei ihm stehen am Sonnabend „All styles!“ auf dem Programm. Der Stil der GEMA, das glauben er und viele andere Clubbetreiber, könnte ein Diskothekensterben in Deutschland auslösen.

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Ein Artikel von
Tamo Schwarz
Sportredaktion