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Das Problem hinter der Schweinefleisch-Debatte

Landwirtschaft Das Problem hinter der Schweinefleisch-Debatte

Der Vorstoß der schleswig-holsteinischen CDU, die Landesregierung möge sich für den Erhalt von Schweinefleisch in Kantinen einsetzen, sorgte bundesweit für Spott. Doch fernab der religionspolitischen Stoßrichtung weist er auf ein ernsthaftes Problem hin: Das sagt ein Mäster zur Absatzkrise von Schweinefleisch.

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Des Deutschen liebstes Fleisch: Die konventionellen Mastbetriebe für Schwein sehen sich dennoch enormer ethischer Kritik ausgesetzt.

Quelle: dpa

Kiel. Aus mehreren Gründen werden die Bauern ihre Produktion nicht mehr los: Schweinefleisch verschwindet zurzeit nicht zwangsläufig von den Tellern unserer Kantinen, sondern vor allem qualitativ aus der Wahrnehmung der Endkunden. Konventionell produziertes Schwein ist seit Jahren einem Preisverfall ausgesetzt. Noch im September 2012 erhielt der Erzeuger für ein Tier der Klasse E (55 bis 60 Prozent Muskelfleischanteil) 1,90 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht. Seitdem ist der Preis rasant gesunken, lag im Februar 2015 nur noch bei rund 1,30 Euro.

Foto: Die Zahlen zum Thema Schweinefleisch und Konsum stammen von: Fleischatlas, Thünen-Institut, AMI.

Die Zahlen zum Thema Schweinefleisch und Konsum stammen von: Fleischatlas, Thünen-Institut, AMI.

Quelle: dpa/Grafik: Niklas Wieczorek

Woran liegt das? Zwar wird Schweinefleisch seit jeher als günstig wahrgenommen und so gekauft, während Rindfleisch das Potential hat als hochwertig zu gelten. „Schweinefleisch hat immer als billiges Fleisch gedient“, sagt Dietrich Pritschau, konventioneller Mäster aus Westerrade (Kreis Segeberg). Zusammen mit seiner Frau Catrin führt er einen Betrieb, der ein geschlossenes System darstellt. Catrin ist Sauernhalterin von 70 Tieren, Dietrich mästet Ferkel. Für Pritschau stehen die Produzenten aber nicht durch das Image des Schweinefleisches unter Druck.

Konventioneller Mäster sieht Politik Habecks kritisch

Vielmehr litten die Betriebe unter ständig neuen Auflagen wie im Emissions- und Feuerschutz, die sich darüber hinaus zwischen den Bundesländern unterschieden. „Selbst innerhalb Deutschlands besteht somit keine Chancengleichheit“, moniert Pritschau. Seiner Meinung nach treffe das vor allem kleine Betriebe, die sich Nachbesserungen nicht leisten könnten. Er sieht Äußerungen von Schleswig-Holsteins Umweltminister Robert Habeck (Grüne) kritisch, der jene kleinen Bauern eigentlich stützen wolle. Tatsächlich ist die Anzahl der Schweinehalter in Schleswig-Holstein in den vergangenen 15 Jahren laut vom BUND und der den Grünen nahen Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebenen Fleischatlas zwischen 60 unf 80 Prozent gesunken.

Fleischatlas 6,33 MB

Dazu komme der Druck aus dem Einzelhandel, den auch Habeck kritisiert: „Über Fleischwaren einen Dumpingwettbewerb zu führen, ist schlicht eine Schweinerei.“ Der Konsument kann sich dort leicht für Billigschwein entscheiden. Der Preis sinkt ebenfalls kontinuierlich. Die Abnehmer aus dem Einzelhandel versuchten, laut Pritschau, die in Erzeugergemeinschaften zusammengeschlossenen Betriebe über die Schlachthöfe gegeneinander auszuspielen. Bauern aus Schleswig-Holstein müssen im EU-Markt außerdem mit Ländern wie Spanien konkurrieren, an denen das Fleisch billiger produziert werden kann.

„Wir möchten dennoch nicht als jaulende Bauern herüberkommen“, stellt Pritschau klar. Sein Wunsch sei lediglich eine Konsolidierungsphase, in der sie sich ohne dauernde Veränderung der Auflagen „dem Markt stellen“ können. Der besteht allerdings auch daraus, dass in Deutschland preisbewusst eingekauft wird. 48 Prozent der Konsumenten gaben 2014 in einer Forsa-Umfrage an, bei Lebensmitteln im Alltag zu sparen.

Ethische Kritik trifft Landwirte

Gleichzeitig muss sich die Mastwirtschaft einer in der Bundesrepublik harten ethischen Kritik stellen. Pritschau „nimmt Tierwohlaspekte sehr ernst“, würde sich eine schrittweise hygienischere Haltung von Geflügel und Schwein wünschen, grundlegend werde sich in den nächsten Jahren aber nichts ändern. Stattdessen wünscht er sich eine „gewisse Honorierung“ vom Verbraucher: „Er darf gerne alles fordern, muss aber auch bereit sein, den höheren Aufwand zu bezahlen.“

Die Vorwürfe der "Massentierhaltung", der sich viele Bauern Deutschlands ausgesetzt sehen, habe zuvor lediglich die dänische Landwirtschaft erlebt. Im Norden ist die Kritik mittlerweile allerdings abgeebbt. Das ist aus zwei Gründen pikant: Zum einen ist die dänische Fleischproduktion ausgerechnet extrem auf Schweine ausgerichtet. Im Königreich leben 5,6 Millionen Menschen, dem gegenüber stehen allein 18,5 Millionen Schweine, die 2014 geschlachtet wurden.

Darüber hinaus hat sich auch die schleswig-holsteinische CDU aus Dänemark inspirieren lassen. Wie berichtet, wurde eine Schweinefleischpflicht für Kantinen im jütländischen Randers erdacht und dort vom Stadtrat verabschiedet. Den CDU-Vorstoß hätte Pritschau übrigens gerne genauer interpretiert: „Wir sehen lediglich eine Erziehung zum generellen Schweinefleischverzicht als falsch an. Jeder sollte frei entscheiden dürfen.“

Schweinepreisverfall
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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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Schweinefleisch-Debatte
Der CDU-Abgeordnete Hauke Göttsch griff am Mittwoch gezielt zur Kochwurst – wollte dies aber nicht als politisches Statement verstanden wissen.

12 Uhr mittags. Vor der Essensausgabe in der Kantine im Kieler Landeshaus bilden sich lange Schlangen. Auf dem Speiseplan: Hähnchenbrust, Kabeljau, Kichererbsengemüse, Steckrübenmus mit Kochwurst – vom Schwein.

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