21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Leuchtturm in der Bio-Szene

Landwirtschaft Leuchtturm in der Bio-Szene

Das Netzwerk Ökolandbau Schleswig-Holstein hat seine Arbeit aufgenommen. Bei der Übergabe eines Förderbescheides in Höhe von 192000 Euro im „Dörpshus“ in Wisch bezeichnete Landwirtschafts-Staatssekretärin Silke Schneider dies als „wichtigen Tag für die ökologische Landwirtschaft in Schleswig-Holstein“.

Voriger Artikel
Stromnetz Hamburg nach Übernahme neu aufgestellt
Nächster Artikel
Wagner Pralinen insolvent

Packen auf dem Bioland-Hof Koch an (v.li): Azubi Benjamin Schimpf, Chef Andreas Koch, sein Sohn Ante sowie Malte Ellekotten sind ein eingespieltes Team.

Quelle: Sonja Paar

Wisch. Wisch. Mit der Förderung des Netzwerkes solle der Standort Schleswig-Holstein für alle Akteure im Ökosektor gestärkt werden. „Ich hoffe, dass die Zahl der Betriebe, die auf ökologische Landwirtschaft umstellen, dadurch weiter wachsen wird“, sagte Peter Boysen, Vorsitzender der Landesvereinigung Ökologischer Landbau Schleswig-Holstein und Hamburg, einem Zusammenschluss verschiedener Öko-Anbaubetriebe. Sowohl Erzeuger, Verarbeiter, Vermarkter und Forschung sollen von dem Netzwerk profitieren, sagte Projektleiterin Monika Friebl. Insgesamt bis zu 15 Betriebe „mit Leuchtturmfunktion“ sollen neben dem Betrieb von Landwirt Andreas Koch aus Wisch gefunden werden, um als Kommunikatoren die Anforderungen von ökologischer Landwirtschaft nach Außen zu vertreten.

Wichtige Themen seien dabei zum Beispiel das Tierwohl und die natürliche Verbesserung der Bodenfruchtbarkeit. „Wir müssen die regionale Wertschöpfungskette verstärkt in den Mittelpunkt stellen, weil das viele Verbraucher möchten“, sagte Friebl.

Ein Landwirt will helfen

„Ich war immer konventioneller Landwirt aus Leidenschaft“, sagt Andreas Koch aus Wisch (Kreis Plön). Erst eine Krankheit und die Erkenntnis, wie fragil das exportorientierte Geschäft mit landwirtschaftlichen Produkten sein kann, ließen Koch umdenken. Seit 1991 führt er gemeinsam mit seiner Frau Antje den Bioland-Pachtbetrieb Fernwisch – und dieser soll jetzt als Leitbetrieb im Auftrag des Netzwerkes Ökolandbau für ein Umdenken in der Landwirtschaft werben.

Doch der Reihe nach: Als zweitgeborener Landwirtsohn wollte Andreas Koch nach absolvierter höherer Landbauschule in die Fußstapfen seines Vaters treten. Nach einer Anstellung am Lehr- und Versuchszentrum Futterkamp der Landwirtschaftskammer arbeitete er Jahre im Außendienst des Landhandels – bis sich 1988 die Chance bot, neuer Pächter des Hofes Fernwisch in der Nähe von Heidkate zu werden. Koch begann auf 90 Hektar Fläche mit einer Bullenmast (100 Tiere). „Damals habe ich erlebt, wie durch Düngung spektakuläre Ertragssteigerungen erreicht werden konnten, das war schon sehr spannend“, erzählt der schlanke und hochgewachsene 53-Jährige. Drei Jahre ging das gut, dann hatte Koch sein „Schlüsselerlebnis“: Seine Bullen waren auf dem Exportmarkt durch einen Preisabsturz plötzlich nicht mehr gefragt, erzählt er.

Weg vom Exportgeschäft, hinein ins Abenteuer Bio-Landwirt: Mit einer Umstellungsbeihilfe, Fachberatung und guten Kontakten zu Verarbeitern aus der Region begann Koch, seinen Betrieb auf einen geschlossenen Betriebskreislauf umzukrempeln. Eine wichtige Rolle spielte dabei von Anfang an die Hofschlachterei von Rainer Muhs aus Krummbek, gerade mal fünf Kilometer entfernt. Und auch mit der Bioland-Erzeugergemeinschaft Neumünster gelang es Koch, plötzlich auskömmliche Preise für seine Produkte zu vereinbaren. „Die Umstellung war ein Prozess, ich musste in den ersten fünf Jahren viel hinzulernen und auch Rückschläge hinnehmen“, sagt Koch.

Während in der konventionellen Landwirtschaft die Fruchtfolge durch mineralischen Dünger ergänzt wird, spielt im Öko-Landbau insbesondere die Bindung von Stickstoff für Bodenfruchtbarkeit und Pflanzenwachstum die entscheidende Rolle. Siebengliedrig ist derzeit die Fruchtfolge bei Andreas Koch, „die Erträge konnten so linear gesteigert werden“.

320 Hektar groß ist jetzt die Gesamtbetriebsfläche, 220 Hektar sind Ackerland, der Rest Grünland. „Dadurch habe ich die Chance, jeweils auf etwa 30 Hektar eine Frucht anzubauen, so rechnet sich das auch bei der Ernte“, sagt Koch. Und auch insgesamt hat sich die Umstellung ausgezahlt, berichtet Koch, der zwei Angestellte und einen Azubi beschäftigt: „Wir wollen und können gut verdienen. Das will ich auch anderen Landwirten vermitteln.“

Ökolandbau in Schleswig-Holstein

Etwa 250 Limousin-Rinder, 75 Mutterschafe, 16 Galloways, dazu eine breite Palette von Getreide bis zu Ölfrüchten: „Damit kann ich auch auf Marktschwankungen besser reagieren. Ich halte es für sehr gefährlich, wenn sich Landwirte heute nur auf ein Erzeugnis spezialisieren.“ Und viele Bauern hätten es „verlernt“, aktiv mit regionalen Verarbeitern zusammenzuarbeiten – „ich dagegen habe Einfluss auf Strukturen und Preise, träume sogar von Direktvermarktung“. Dass aber nun alle Landwirte seinem Beispiel folgen könnten, glaubt Koch keinesfalls: „Das schaffen nur einige Betriebe, die nicht durch Investitionen belastet sind.“ Die derzeitige Entwicklung in der Landwirtschaft mache ihn „traurig“, sagt Koch: „Deswegen will ich mit meinem Wissen weiterhelfen.“

In Schleswig-Holstein gibt es nach Zahlen des Landwirtschaftsministeriums von 2014 etwa 13300 landwirtschaftliche Betriebe; rund 490 davon (3,7 Prozent) wirtschaften ökologisch auf etwa 37000 Hektar Fläche. Das entspricht etwa 3,8 Prozent der insgesamt landwirtschaftlich genutzten Fläche. Damit nimmt Schleswig-Holstein im Ranking der Bundesländer den drittletzten Platz ein. Zum Vergleich: Mehr als zwölf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird im Saarland ökologisch bewirtschaftet. Deutschlandweit gab es 2014 laut Statistikamt 23937 Bio-Erzeugerbetriebe (8,4 Prozent aller Betriebe), die ökologisch bewirtschaftete Fläche entsprach 6,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

Veranstaltung in...

Aktuelle
Veranstaltungen
und Tagestipps!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
Mehr zum Artikel
Agrar
Die Studie wurde zur Agrarmesse Grüne Woche in Berlin vorgestellt. Die Veranstaltung findet vom 15. bis zum 24.01.2016 statt.

Vor der Grünen Woche flammt die Debatte über mehr Tierschutz in deutschen Ställen wieder auf. Verbraucherschützer setzen auf die Macht des Supermarktkunden. Und ein neues Siegel.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Wirtschaft 2/3