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Das Wunder von Friedrichsort

Lindenau-Werft Das Wunder von Friedrichsort

Massenentlassungen, Kampf um Kredite und schließlich Insolvenz: Die Kieler Lindenau Werft schien dem Untergang geweiht. Anfang 2013 tauchte das Unternehmen wieder auf – mit einem starken Investor im Rücken und besten Aussichten im Reparaturgeschäft.

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Liegt zur Wartung und Rostbekämpfung im Lindenau-Dock 2: Die „Ex Köln“, eine ehemalige Fregatte, auf der die Marine heute Brandbekämpfung trainiert.

Quelle: Volker Rebehn

Kiel. Vergangenheit und Zukunft prallen hier so hart aufeinander wie nirgendwo sonst in der deutschen Werftenlandschaft. Wer die Vergangenheit von Lindenau sehen will, braucht nur durch den Zaun auf die stillgelegte Helling blicken. Nie wieder dürfte hier ein Stapellauf wie ein großes Volksfest gefeiert werden.

Noch eindrucksvoller stößt auf die Vergangenheit, wer der riesigen Sektionsfertigungshalle einen Besuch abstattet. Betreten kann man sie durch eine blaue Stahltür mit einer kleinen Treppe davor, die bereits erfolgreich von großblättrigem Unkraut umzingelt wird. „Die Natur holt sich zurück, was der Mensch nicht mehr braucht“, sagt Bernd Wittorf, ein Mann mit 26 Jahren Schiffbauerfahrung, der für das Reparaturgeschäft aller drei Standorte des Werftenverbundes German Naval Yards verantwortlich ist. Hinter der blauen Stahltür offenbart sich Industrie-Tristesse auf der Fläche eines Fußballfeldes. Wo früher bis zu 170 Schweißer, Schlosser und Zimmerer unter Zischen und Hämmern die Sektionen von Doppelhüllentankern zusammensetzten, herrscht jetzt gespenstische Stille. Schräg über den Boden verlaufen Eisenschienen als Erdung für die Schweißanlagen. Die Schweißtrafos hängen noch an der Wand – arbeitslos und von einer Staubschicht überzogen.

Fast 800 Menschen haben in guten Zeiten bei Lindenau gearbeitet, die Hälfte davon war direkt bei der Werft angestellt. Wie viele Mitarbeiter Lindenau heute hat, lässt sich so ganz genau nicht sagen, weil seit dem Neustart 2013 gleich drei Werftstandorte ihr Personal so flexibel austauschen, wie es die Auftragslage nun einmal erfordert. Viel mehr als 20 Kollegen stehen nicht mehr auf dem Gehaltszettel der Lindenau Werft GmbH. Aber wenn das Geschäft brummt, sind hier mehr als 100 Kräfte im Einsatz.

Die von der Werft belebte Fläche ist auf einen kleinen Kern zusammengeschrumpft: Gerade ein Drittel des 70 000 Quadratmeter großen Areals in Friedrichsort wird von Lindenau genutzt. Von den übrigen zwei Dritteln ist ein kleiner Teil vermietet: an eine Tischlerei etwa, an ein Start-up, das 3-D-Drucker entwickelt, und an das Kieler IT-Systemhaus Consist. Der Rest: Industriebrache.

Wer aber die Zukunft von Lindenau sehen will, sollte sich Richtung Pier begeben. Auf der linken Seite liegt der kleine Mehrzweckfrachter „Egon W“, den ein Getriebeschaden außer Gefecht gesetzt hat. Auf der rechten Seite schwimmt ein stolzes weißes Schiff, so stolz wie die Werft, bei der es nun auf sein neues Leben als Kreuzfahrer im Besitz eines texanischen Milliardärs vorbereitet wird: die „Deutschland“, TV-Traumschiff und einstiges Aushängeschild der untergegangenen Deilmann-Reederei. Vor seiner geplanten Rückkehr auf den deutschen Kreuzfahrtmarkt wird das 1998 bei HDW gebaute Schiff Mitte September unter dem Namen „World Odyssey“ von Southampton aus mit rund 600 Studenten an Bord zu einer 220 Tage langen Weltreise aufbrechen – als schwimmende Uni sozusagen. Große Umbauten muss Lindenau dafür nicht stemmen, stattdessen kümmert sich die Werft um die Instandsetzung des kompletten Rohrleitungssystems an Bord und um die Überprüfung der Rettungsboote. „Wir sind sehr froh, dass wir diesen Auftrag an Land gezogen haben“, sagt Standortleiter Frank Hildebrandt. Jeden Morgen um neun heißt es für ihn in diesen Tagen: Besprechung auf der „Deutschland“. 

Lindenau: dieser Name hat im internationalen Geschäft nach wie vor einen guten Klang. Doch Image allein sichert keinen einzigen Auftrag. Fast 100 Jahre Werftgeschichte sind zwar ein wichtiges Kapital, doch damit überzeugt man auf einem knallhart umkämpften Markt keinen Reeder. Wittorf: „Wir müssen stets aufs Neue beweisen, dass wir alles können – und das maximal flexibel: Reparatur, Klassifikation, Umbau und Modernisierung von Jachten, Handels-, Behörden- und Marineschiffen.“ Und das schaffe diese Werft nur im neuen Verbund unter dem Namen German Naval Yards (GNY). Dazu zählt neben Lindenau als reinem Reparaturstandort die auf Superjachten spezialisierte Werft Nobiskrug in Rendsburg sowie GNY in Kiel, also der einstige Überwasserschiffbau von HDW. Wittorf ist ganz zufrieden, wie das Geschäft derzeit läuft. Bis Ende des Jahres ist die Auslastung gesichert – im Reparaturgeschäft eine ansehnliche Zeitspanne. Mit Blick auf preisaggressive Konkurrenz in Polen und dem Baltikum wünscht sich Wittorf jedoch von manchem Reeder ein etwas klareres Bekenntnis zum Schiffbau-Standort Deutschland: „Von Notfällen allein können wir nicht leben.“ 

Die Zukunft von Lindenau zeigt sich auch im Dock 2, selbst wenn das gelegentlich mal einen neuen Anstrich vertragen könnte. Hier liegt die „Ex Köln“ auf dem Trockenen, eine außer Dienst gestellte Fregatte, die der Marine als Trainingsschiff für die Brandbekämpfung dient. Ziemlicher Krach herrscht hier. Lauter noch als das Brüllen des Lüftungsgebläses, das die Arbeiter im Innern des Rumpfes mit Sauerstoff versorgt, ist das Kreischen der Flex, mit der Schiffbauer Andreas Dybowsky die Außenhaut der „Ex Köln“ bearbeitet. Der 47-Jährige gehört zu dem Teil der Mannschaft, der zwar in diesen Tagen in Friedrichsort arbeitet, dafür jedoch von der Schwesterwerft Nobiskrug ausgeliehen wurde. Diese Symbiose im Verbund zählt für Wittorf – neben der idealen Lage der Werft an der Einfahrt zum Nord-Ostsee-Kanal – zu den entscheidenden Überlebensfaktoren: „Ich habe hier eine schlanke Truppe, mit der ich jederzeit auf eine neue Situation reagieren kann.“ Klar, dass man sich in der Gruppe auch mit Dock-Kapazitäten gegenseitig aushilft: Wenn es in Kiel eng wird, hat Rendsburg Platz – und umgekehrt. Auch den engen Zusammenhalt in der gesamten Seefahrtsbranche am Kanal wertet Wittorf als wichtigen Standort-Vorteil – zum Beispiel die enge Zusammenarbeit mit den Schiffsmaklern oder die Beteiligung an der Initiative Service Point Kiel Canal.

Einer der wenigen Ur-Lindenauer ist Maschinenschlosser Axel Kusch (49), bereits seit seiner Ausbildung im Unternehmen. 33 Jahre sind das inzwischen. Die glorreichen Zeiten hat er miterlebt, mit den vielen Taufen, die für die ganze Stadt ein Ereignis waren. Und den Niedergang hat er durchlitten, mit etlichen Entlassungswellen, der Insolvenz 2008, dem Hoffen auf neue Aufträge und der 2012 drohenden endgültigen Pleite, die die Abwicklung der Werft bedeutet hätte. Natürlich ist Axel Kusch froh, dass er hier noch Arbeit hat. Aber die Tatsache, dass Lindenau nie wieder ein Schiff bauen wird, schmerzt ihn schon. Und natürlich vermisst er die vielen Kollegen von damals, die gemeinsame Arbeit und den Schnack beim Essen in der Kantine, die es heute nicht mehr gibt: „14 Kollegen waren wir früher hier in der Abteilung, heute sind es noch vier.“ 

Reparatur-Chef Wittorf kann die Traurigkeit nachvollziehen. Aber er ist eben auch Geschäftsmann: „Wir müssen nun einmal unser Geld verdienen.“ Er sei heilfroh, dass diese Werft von einem Investor gerettet wurde, der keine zweistellige Rendite verlangt. „Eine intakte Werftindustrie innerhalb der maritimen Branche ist für die Exportnation Deutschland ebenso von Bedeutung wie die Produktion von Maschinen und Anlagen im Binnenland.“ Auch wenn es noch so schön wäre: „Einen Doppelhüllentanker wird keine Werft in Deutschland mehr wirtschaftlich bauen können.“

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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Foto: Die "World Odyssey" und Ex-"Deutschland" wird 2016 auch wieder mehrfach den Nord-Ostsee-Kanal passieren.

Der deutsche Seereiseveranstalter Phoenix Seereisen verjüngt seine Flotte. Im nächsten Jahr wird ab Mitte Mai das jetzt als "World Odyssey" verkehrende ehemalige Fernsehtraumschiff „Deutschland“ zur Flotte des Bonner Veranstalters stoßen, gab das Unternehmen am Mittwoch bekannt.

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