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Prüfen ist eine Frage der Ehre

Freiwillige gesucht Prüfen ist eine Frage der Ehre

Über 500 junge Handwerker haben in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr ihren Meisterbrief bekommen. Ohne Ehrenamtler würde das nicht funktionieren. Denn ihre Prüfer machen das neben ihrem normalen Job.

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„Niemand sollte eine Prüfung verlassen und das Gefühl haben, die haben mich fertig gemacht“, sagt Martin Seydell.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel/Lübeck. Einer von ihnen ist Martin Seydell. Der gelernte Kfz-Mechaniker und Betriebswirt des Handwerks engagiert sich schon seit fast 20 Jahren im Meisterprüfungsausschuss. Er beurteilt als kaufmännischer Beisitzer die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse der Meisteranwärter und bewertet in einer simulierten Ausbildungssituation ihre Fähigkeit, einem Lehrling etwas beizubringen. „Mich berührt es immer, wenn es gelingt, bei den Menschen hinter die Fassade zu schauen und heraus zu fördern, was für Potenzial dahintersteckt“, sagt der 50-Jährige, der hauptamtlich beim Landesverband des Kfz-Gewerbes als Teamleiter für die Abteilung Berufsbildung zuständig ist. „Niemand sollte eine Prüfung verlassen und das Gefühl haben: Die haben mich fertig gemacht“, sagt er. Seydell ist es wichtig, den zukünftigen Meistern in der angespannten Testsituation das Gefühl zu geben, auf einer Ebene mit ihnen zu sein: „Früher hatte eine Prüfung oft etwas von Unterwerfung. Das sollte nicht so sein.“

 Die Aufwandsentschädigung, die jeder Prüfer bekommt, sei sicher nicht der Grund, warum sich Handwerker für das Ehrenamt entscheiden. „Es ist eine sinnstiftende Arbeit. Wenn ich gute Dinge mit Menschen tue, gibt mir das ein tiefes inneres Gefühl von Zufriedenheit“, sagt der 50-Jährige. Im Handwerk sei es zudem eine Tradition, sein Wissen an den Nachwuchs weiterzugeben. „Von allen, die sich im Ausschuss engagieren, wird das als sehr ehrenwerte Aufgabe gesehen. Es ist eine sehr hohe Verantwortung für die nächste Generation zu sorgen“, berichtet Seydell.

 Natürlich ist der Job mit einem gewissen Zeit- und Arbeitsaufwand verbunden. Der hält sich laut Seydell aber in Grenzen. Im Schnitt sei er etwa fünf Mal im Jahr im Einsatz. Als er als Prüfer anfing, habe ihn die Vorbereitung noch viel Zeit gekostet. „Ich konnte ja nicht immer das Gleiche fragen, sondern brauchte ein großes Fragenrepertoire“, sagt Seydell.

 Inzwischen habe er einen breiten Fragenkatalog zusammen, den er nur aktuell halten müsse. Dass man als Prüfer immer neue Entwicklungen im Blick haben müsse, um auf dem aktuellen Stand für die Prüfungen zu sein, begreift er als Vorteil. Ebenso wie den Austausch mit Kollegen: „Es gibt heute kein Gewerbe, wo die Innovationsrate nicht hoch ist. Da ist jedes kollegiale Zusammentreffen immer auch eine Tauschbörse.“ Im Kfz-Gewerbe sei es kein Problem, neue Prüfer zu finden, so Seydell. „Es wäre schön, wenn das in anderen Branchen auch so toll klappen würde.“

 Derzeit sucht die Handwerkskammer Lübeck wieder Fachkräfte aus allen Handwerken, die Freude daran haben, ihr Fachwissen in der beruflichen Bildung weiterzugeben. Dringender Bedarf bestehe derzeit im Maurer- und Betonbauer-Handwerk, bei Segelmachern, Schornsteinfegern sowie Malern und Fahrzeuglackierern.

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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