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Frieda ist das Gesicht des Handwerks

Nachwuchskampagne Frieda ist das Gesicht des Handwerks

Die Buchbinder-Auszubildende Frieda Härtel aus Kiel wirbt ab Herbst in einer bundesweiten Imagekampagne des Deutschen Handwerks für eine Ausbildung im Handwerk. Den Job hat sie ihrer Chefin Stefanie Tönnis verdanken, die sie für die Kampagne vorgeschlagen hat.

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Frieda Härtel hat Übung im Lächeln in die Kamera: Die junge Buchbinderin ziert bald Plakatwände mit Werbung für eine Ausbildung im Handwerk.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Vorsichtig klebt Frieda Härtel ein weißes Band in die Mitte einer vergilbten Doppelseite mit hebräischen Schriftzeichen, streicht es mit ihrem Zeigefinger fest. Hinter dem rechten Ohr steckt eine Haarsträhne, hinter dem linken ein schwarzer Bleistift. Vor ihr liegt eine alte Bibel, bei der sich mit den Jahren einige Blätter aus der Bindung gelöst haben. Sorgsam repariert die 23-Jährige das abgegriffene Buch. „Das beruhigt, es ist fast meditativ“, sagt sie. Restaurieren gehört zu den täglichen Arbeiten der Auszubildenden in der Kieler Universitätsbuchbinderei Fritz Castagne.

 So ruhig ging es vor knapp einem Monat nicht zu, als ein zehnköpfiges Kampagnenteam das Geschäft auf den Kopf stellte. Denn Frieda ist eine von zehn Auszubildenden aus ganz Deutschland, die für die neue Imagekampagne des Deutschen Handwerks als Model vor der Kamera standen. Einen ganzen Vormittag räumte damals das Team rund um den Berliner Fotografen Peter Rigaud die Werkstatt für das Shooting um. Sogar ein Make-up-Artist und ein Stylist waren dabei, um Frieda zurechtzumachen. „Das war ganz schön aufregend, wenn so viele Leute um einen herumwuseln.“ Vier bis fünf Stunden dauerte ihr Modeljob. „Am Ende taten mir die Mundwinkel weh vom vielen Lächeln“, erinnert sie sich. „Aber es war schon sehr spannend, ich hatte so etwas vorher ja noch nie gemacht.“

 Zu ihrem Job als Fotomodell kam Frieda dank ihrer Chefin Stefanie Tönnis. Die Handwerkskammer hatte Ausbilder im Land angeschrieben, ob sie Lehrlinge im Betrieb haben, die sie für die Kampagne vorschlagen würden. „Ich fand, Frieda eignet sich hervorragend“, sagt Tönnis. „Sie ist so begeisterungsfähig.“ Frieda ist nicht das einzige Gesicht aus dem Norden, auch ein Steinmetz-Azubi aus Lübeck ist bei der Werbeaktion dabei.

 Ins Handwerk wollte Frieda immer. „Ich bin kein Akademikertyp“, sagt sie. Eigentlich zog es sie aber ans Theater, wo sie Bühnenbildnerin werden wollte. Doch nach einigen Praktika merkte sie, dass sie sich dort nicht wohlfühlte. Über ihre Vorliebe zum Material Papier kam sie dann zur Buchbinderei. Bewusst ging sie nicht in die Industrie, sondern in einen kleinen Betrieb. „Hier drücke ich nicht nur auf Knöpfe, sondern ich arbeite mit den Händen und kann kreativ sein.“

 Sie mag die Arbeit mit den alten Maschinen wie der Prägepresse „Prägnant“ aus dem Jahr 1967. Damit lassen sich Buchumschläge mit Schrift oder Ornamenten verzieren, zum Beispiel für personalisierte Fotoalben oder Gästebücher. Und Frieda mag es, wenn sie ein verschlissenes Märchenbuch oder ein abgenutztes Gesangsbuch wieder reparieren kann. „Es ist toll, wenn man erst ein zerfleddertes Exemplar in der Hand hat, und später ist das wieder ein kompaktes Buch.“

 Oft höre sie den Satz: „Buchbinder? Der Beruf ist noch nicht ausgestorben?“ Natürlich merke man die Digitalisierung und die starke industrielle Konkurrenz, vor allem Fotoalben würden heute eher im Internet bestellt, als bei ihnen in Auftrag gegeben. Und trotzdem sei die Nachfrage noch da. „Es gibt so viele Leute, die bibliophile Bände lieben.“

 Tatsächlich existieren in Deutschland laut dem Bund Deutscher Buchbinder nur noch rund 850 Buchbinderbetriebe, lediglich 35 Prozent von ihnen bilden aus. „Aber wenn man nicht ausbildet, geht der Beruf irgendwann verloren“, sagt Stefanie Tönnis. „Und damit auch der Erhalt des Kulturguts Buch.“ Neben Frieda arbeitet eine zweite Auszubildende und eine fertige Gesellin in der Werkstatt – ein reiner Frauenbetrieb. „Frauen haben mehr Geduld für das filigrane Arbeiten“, glaubt Frieda. „Und man braucht nicht so viel Kraft.“ Vielen Männern werfe der Beruf auch zu wenig Geld ab, sagt ihre Chefin.

 Frieda blickt trotzdem optimistisch in ihre Zukunft. Im Juli ist sie mit der Ausbildung fertig, dann will sie erst mal auf Walz gehen. Wenn also ab September die Plakate mit ihr im gesamten Bundesgebiet hängen und mit dem Slogan „Ich hab was Besseres vor“ für eine Ausbildung im Handwerk werben, dann ist die 23-Jährige vielleicht schon ganz weit weg.

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