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Niedrigzins: Nah dran an der Immobilien-Blase

Mit Infografik Niedrigzins: Nah dran an der Immobilien-Blase

Die Zahl der Immobilien-Zwangsversteigerungen in Schleswig-Holstein ist auf einem Rekordtief. Grund dafür ist vor allem die anhaltende Niedrigzinsphase. Experten sehen diesen Trend jedoch auch als Indikator und warnen: Am Immobilienmarkt wächst die Gefahr einer Blase.

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Die Zahl der Zwangsversteigerungen ist in Schleswig-Holstein von mehr als 3000 pro Jahr auf 1334 im Jahr 2015 gesunken. Gründe sind die gute Konjunktur und die Niedrigzinsphase. Experten sehen darin aber auch ein Anzeichen für eine drohende Immobilien-Blase.

Quelle: Jens Schierenbeck

Kiel. Noch vor acht Jahren zählte das Oberlandesgericht in Schleswig-Holstein 3130 Zwangsversteigerungen. Seither ist die Zahl stetig gesunken, im vergangenen Jahr auf nur noch 1334. Der Eigentümerverband Haus & Grund berichtet von einem Rückgang der Zahl der Zwangsversteigerungen um 65 Prozent innerhalb der jüngsten zehn Jahre. Finanzexperten verwundert dies nicht. Prof. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft bestätigt: „Zwangsversteigerungen häufen sich immer dann, wenn eine Zinswende eintritt. Seit Jahren jedoch haben wir die gegenteilige Entwicklung extrem niedriger Zinsen, entsprechend seltener muss zwangsversteigert werden.“ Am 10. März nun schaffte die Europäische Zentralbank Zinsen quasi ab, sie senkte den Leitzins erstmals auf null Prozent.

Der Niedrigzins-Anreiz für den Immobilienkauf bleibt also bis auf Weiteres erhalten. Davon geht auch Jörg Bierbass, Vertriebsdirektor des Immobilien-Zentrums der Förde Sparkasse, aus: „Die allermeisten Finanzexperten rechnen damit, dass die Zinsen mindestens bis 2018 nicht steigen werden.“ Das heißt auch: Auf dem ohnehin schon angespannten Markt wird sich die Lage weiter verschärfen. Bierbass: „Wir sind der festen Meinung, dass wir in Schleswig-Holstein noch keine Blase haben. Gleichwohl hat der Markt spürbar angezogen, und die Nachfrage ist weiter hoch.“ Dieser jedoch stünde schon längst „kein ausreichendes Angebot mehr“ gegenüber. Bierbass sieht die Entwicklung zwiespältig: „Positiv ist die anhaltende Nachfrage, die ja auch mit einer hohen Liquidität verbunden ist. Negativ ist aber, dass zunehmend nicht mehr die richtigen Immobilien zum richtigen Preis gekauft werden.“ Heißt: Die Käufer machen mangels Auswahl immer mehr Abstriche und greifen trotzdem immer tiefer in die Tasche. Ein großer Profiteur ist dabei das Land, das mit seiner im Bundesvergleich extrem hohen Grunderwerbsteuer von 6,5 Prozent Rekordeinnahmen verbucht (siehe Grafik).

Es wächst die Gefahr der Überteuerung

Zwar gewähren die Kreditinstitute inzwischen langfristige Zinsgarantien über Laufzeiten von sogar deutlich über 15 Jahren hinaus, was die Risiken für Käufer an entscheidender Stelle mindert. Dennoch wächst die Gefahr der Überteuerung. Auch Hans-Henning Kujath, Verbandsdirektor von Haus & Grund in Schleswig-Holstein, berichtet: „Wir sehen seit langem eine ständige Wellenbewegung nach oben. Es geht immer weiter, die Lage ist angespannt, und sie wird es bleiben, solange wir diese niedrigen Zinsen haben und Alternativen für Investitionen fehlen.“ Von einer Blase will auch Kujath noch nicht sprechen, aber: „A-Preise für C-Lagen sind inzwischen keine Seltenheit mehr.“ Und er warnt: „Man sollte aufpassen, dass man jetzt nicht der Versuchung erliegt und etwas blindlings kauft.“

In ein paar Stunden 50 bis 100 Anfragen

Jörg Bierbass von der Förde Sparkasse schildert, dass das Institut vorhersehbar interessante Objekte inzwischen „nur noch für paar Stunden“ in dem gängigen Internet-Portalen anbiete. Das reiche, um „50 bis 100 Anfragen“ zu erhalten, aus denen sich „mit Sicherheit“ rasch ein Käufer ergebe. Ähnlich äußern sich die meisten Makler, auch Andreas Kobzik aus Gettorf. Früher habe es im Schnitt sechs Monate vom Angebot bis zum Verkauf gedauert, dies sei „bei weitem nicht mehr so“. Kobzik berichtet: „Es ergeben sich jetzt Preise, die man nicht für möglich gehalten hat – und die manchmal auch nicht gerechtfertigt sind.“ Die Preissituation in Städten für Objekte in guter bis sehr guter Lage sei „extrem“. Im ländlichen Raum sei sie „nicht so exorbitant, aber selbst dort deutlich verschärft“. Kobzik weiter: „Der Markt ist leer, es ist ein reiner Verkäufermarkt. Käufer schlucken immer mehr Kröten.“ Und: Wer sein Haus als Wertanlage kaufen wolle, laufe Gefahr, dass die Rechnung nicht mehr aufgeht. „Die Luft wird langsam dünn, es kann auch einen richtigen Knall geben.“

 Auch IfW-Experte Kooths rechnet damit, dass die Immobilienpreise „weiter anziehen“ werden. Und auch er warnt nachdrücklich: „Wenn es jetzt dazu kommt, dass viele auf die zu erwartende Preissteigerung in den nächsten Jahren spekulieren, ist dies die perfekte Zutat für eine Immobilienblase. Und die letzten, die dort einsteigen, wird es dann besonders böse treffen.“

Immobilienwirtschaft in Schleswig-Holstein
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Ein Artikel von
Oliver Hamel
Wirtschaftsredaktion

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