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Bares als Auslaufmodell?

Schleswig-Holstein Bares als Auslaufmodell?

Ein Leben ohne Bargeld? Im Portemonnaie nur noch diverse Karten und kein Schein, keine Münzen mehr? Das scheint kaum vorstellbar. Auch Banken und Einzelhandel winken ab.

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Jede Form elektronischen Zahlens verursacht digitale Spuren, warnt Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragter Thilo Weichert.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Noch. Denn die Forderungen aus der Wirtschaft, das Bargeld abzuschaffen, werden lauter. Und hinter den Kulissen wird längst daran gearbeitet, das Bezahlen mit Plastikgeld so bequem zu machen, dass Bares mehr und mehr an Attraktivität verliert.

Die Deutschen gelten als Kartenmuffel. Fast 80 Prozent der Geschäfte werden noch mit Bargeld abgewickelt. Das Bezahlen mit Karte ist für viele immer noch die Lösung für den Urlaub, für Notfälle und für hochpreisige Einkäufe. Wirtschaftswissenschaftler wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger halten das für überholt. Sie sind sicher, dass Bares ein Auslaufmodell ist. Begründung: Es diene vor allem Kriminellen und Steuerhinterziehern, weil es ihre Taten verschleiere. Außerdem sei das Vorhalten von Scheinen und Münzen für den Staat, Banken und Handel enorm teuer. Hört sich nachvollziehbar an, und wer kann schon etwas dagegen haben, wenn Bankräubern und Steuerflüchtlingen das Handwerk gelegt wird? Doch ein wesentlicher Grund für die Bargeld-Gegner ist wohl ein anderer.

Das Bargeld gibt den Bürgern Macht. Sind sie mit den Zinsen unzufrieden, dann heben sie das Gesparte ab, legen es in Immobilien, Kunst und Co. an oder packen es einfach zuhause in den Tresor oder in die Keksdose. Das aber sind die letzten Orte, an denen sich die Wirtschaft das Geld wünscht. Besonders stark ist dieser Effekt in Zeiten von Negativzinsen: Ehe man für sein Guthaben bei der Bank noch draufzahlen muss, hortet man es lieber zuhause. Dem Wirtschaftskreislauf kann der Bürger so Geld entziehen und die Konjunktur schwächen. Ein Risikofaktor, den die Wirtschaft gerne mit dem Bargeld eliminieren würde. Denn würde sich dann das Sparen nicht mehr rentieren oder gar kosten, bliebe dem Bürger nur eine Alternative: Ausgeben.

Aber für die Bürger gibt es noch weitere Gründe für die Treue zum Bargeld. Erstens lässt sich vieles nur bar bezahlen: das Brötchen zum Frühstück, die Zeitung oder das Eis am Kiosk, das Trinkgeld... und wie steht es mit Kindern? Muss für das Taschengeld oder den Euro von Oma ein Kinderkonto eingerichtet werden? Zweitens ist es immer noch umständlich und langwierig, die Karte zu zücken, die PIN einzugeben oder die Unterschrift zu leisten und kontrollieren zu lassen. Vor allem aber wollen die Bürger nicht, dass all ihre Transaktionen nachvollziehbar sind.

Auch Thilo Weichert, der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, warnt: „Jede Form elektronischen Zahlens verursacht digitale Spuren.“ Und die könnten für Werbezwecke oder zur Bewertung der Bonität genutzt werden und um umfassende Verhaltens-, Konsum- und Interessenprofile zu erstellen. Dass sich mit rein elektronischem Zahlungsverkehr Geldwäsche und andere Kriminalität bekämpfen lässt, hält er für einen Trugschluss. „Wir wissen, dass professionelle Kriminelle – beinahe als Einzige – wissen, wie sie beim ePayment ihre Identität verschleiern.“ Und Weichert geht noch weiter: Er hält eine Abschaffung des Bargeldes für verfassungswidrig – aus Gründen des Datenschutzes, aber auch der Diskriminierung, weil nicht alle Menschen eine Karte haben oder damit umgehen können.

Diplomatisch äußert man sich beim Einzelhandelsverband Nord. „Das Thema Bargeld wird natürlich auch im Handel diskutiert. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, dem Kunden vorzugeben, wie er seine Einkäufe bezahlen will“, sagt Hauptgeschäftsführer Dierk Böckenholt. Wichtiger als die Abschaffung des Bargeldes sei es, die Gebühren für Kartenzahlungen einzudämmen. Die Freigabe, kein Bargeld mehr annehmen zu müssen, kann sich Böckenholt nur in weiter Ferne vorstellen: „Solange der Verbraucher Bargeld beim Einkauf nutzen will, sollte er die Möglichkeit dazu haben.“

Auch bei Banken und Sparkassen ist man der Überzeugung, dass sich erst das Verhalten der Verbraucher ändern müsste. „Die Diskussion ist praxisfern. Was ist mit Fremdwährungen? Was machen Menschen mit Handicap, die sich keine PIN merken können? Wie sollen Kinder das Sparen lernen, wenn sie Geld nicht mehr in die Hand nehmen, einzahlen und ausgeben können?“, sagt Reinhardt Hassenstein vom Sparkassen- und Giroverband für Schleswig-Holstein.

Sinnvoll fände er es, die 500- und auch 200-Euro-Scheine abzuschaffen. Und wie beim Bundesverband Volks- und Raiffeisenbanken setzt man auf das kontaktlose Bezahlen: Dabei hält man die Girocard oder sein Smartphone nur kurz vor ein Lesegerät. „Beträge bis zu 25 Euro können so bezahlt werden, bei höheren Beträgen muss eine PIN eingegeben werden“, erklärt Cornelia Schulz vom Bundesverband. Das Verfahren sei bis zu 25 Prozent schneller als eine herkömmliche Kartenzahlung und doppelt so schnell wie eine Barzahlung und werde in absehbarer Zeit etabliert. Auch beim Sparkassenverband heißt es: „Wir wären startklar. Aber der Einzelhandel muss noch die Voraussetzungen für das kontaktlose Bezahlverfahren schaffen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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