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Der Sparschrank stirbt aus

Nordia Feinblech Der Sparschrank stirbt aus

Der größte Hersteller von Sparschränken, die Nordia Feinblech GmbH, sitzt an der Westküste Schleswig-Holsteins. Weil die Nachfrage sinkt, will das Unternehmen die Sparschränke aus dem Sortiment nehmen.

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In der Kieler „Gaslaterne“ in Kiel hängt noch ein Sparschrank: Wirt Volker Herrmann füttert ihn mit Scheinen.

Quelle: Uwe Paesler

Meldorf/Kiel. Fach eins gehört Astrid, Fach acht Volker: Was an der Wand der Kieler Gaststätte „Gaslaterne“ aussieht wie ein Miniatur-Briefkasten, ist nicht etwa für Nachrichten unter Kneipenbesuchern bestimmt, sondern für Bares. Wirt Volker Herrmann beherbergt in seinem Lokal einen Sparclub. Doch nicht mehr alle 24 Fächer des kleinen Sparschranks sind besetzt. Denn was einst an jeder Kneipenwand, in vielen Büros und Tante-Emma-Läden hing, ist heute ein Auslaufmodell. Noch kommen die bunten Metallkästen von der schleswig-holsteinischen Westküste, wo die Meldorfer Firma Nordia Feinblech GmbH sie produziert. Doch im kommenden Jahr will das Unternehmen die Sparschränke aus dem Sortiment nehmen. Die Nachfrage ist zu gering.

 In guten Zeiten verkaufte die Nordia 10000 Sparschränke im Jahr, inzwischen sind es gerade mal 400 bis 500. „Wir machen nur noch zwei Prozent unseres Umsatzes mit den Sparschränken“, sagt Geschäftsführer Sven Ulrich. Der Aufwand, die Produktion und die Infrastruktur vorzuhalten sei im Verhältnis zu den Erträgen zu groß geworden. „Deswegen habe ich mich nach reiflicher Überlegung dazu entschieden, mich davon zu lösen.“

Produktion zeitweise eingestellt

 Keine leichte Entscheidung für Ulrich, der 2010 das Geschäft übernahm. Denn er blickt auf eine lange Unternehmenstradition zurück. Die guten Zeiten, das waren die Goldenen Zwanziger, als 1922 die Nordia in Berlin gegründet wurde. Weil während des Zweiten Weltkrieges das Material fehlte, stellte die Firma zwar zeitweise die Produktion ein, nach 1945 brummte das Geschäft aber wieder. Bis 1980 stellte der Betrieb ausschließlich Sparschränke her, damals begann das Geschäft mit den Kästen schlechter zu werden. Außer der Nordia gibt es noch den Hersteller HMF im Sauerland und Paul Siepermann aus Wuppertal. „Wir waren aber immer der Platzhirsch“, sagt Ulrich.

 Das letzte Design stammt aus dieser Zeit. Das kleinste Exemplar hat zwölf Fächer, das größte 132. Die Preise liegen zwischen 60 und 460 Euro. Das Gehäuse ist aus massivem, pulverbeschichtetem Blech. „Alte Schränke haben vielleicht Gebrauchsspuren und der Lack ist ein bisschen ab, aber sie sind eigentlich unzerstörbar“, sagt Ulrich. Was eigentlich als Qualitätsmerkmal und damit Verkaufsargument diente, macht dem Unternehmen nun zu schaffen. Denn weil die Sparschränke lange halten, brauchen die Gaststätten selten neue und das Geschäft stagniert.

Zeitgeist hat sich verändert

 Sven Ulrich hat sich viele Gedanken darüber gemacht, wie er das Produkt wiederbeleben könnte, gab sogar an der Fachhochschule Westküste eine Marktanalyse in Auftrag. „Es ist der Zeitgeist, der sich verändert hat“, sagt der Geschäftsführer. Zu Zeiten seiner Erfindung traf der Spar-schrank einen Nerv. „Die Leute haben damals ihren Lohn bar auf die Hand bekommen und sich nach der Arbeit in der Kneipe getroffen“, sagt Ulrich. Die Deutschen hatten im Krieg viel verloren und legten sich nun gerne Geld zurück. Die Sparkassen unterstützen damals die Sparvereine, anders als heute lockten gute Zinsen. „Früher haben die Leute eher gespart und sich dann etwas gekauft“, sagt Ulrich. Inzwischen finanzierten sich viele ihren Konsum auf Pump, ein Großteil der Geschäfte läuft bargeldlos.

 „Der Sparschrank ist zu einem Retro-Produkt, einer Liebhaberei geworden“, sagt Ulrich. „Das ist nicht mehr das richtige Produkt für die Firma Nordia.“ Er könnte sich vorstellen, die ganze Spar-schrank-Produktion samt Kundenkartei an einen Liebhaber zu verkaufen. Seine Firma hat sich inzwischen anders positioniert, liefert nun hauptsächlich als Dienstleister Blechteile an die Industrie und übernimmt Auftragsarbeiten für Medizintechnik oder Luftfahrt.

 Nur noch zweimal im Jahr werden in Meldorf die Maschinen zur Sparschrank-Produktion angeschmissen. Drei Wochen dauert der Durchlauf vom Start mit einer Blechtafel bis zum fertigen Schrank. An den 30 bis 40 Jahre alten Geräten stanzen, schneiden und kanten dann drei altgediente Mitarbeiter ab. Von Hand drucken sie per Siebdruck die Zahlen auf die Sparfächer. „Die reden gerne noch von der alten Zeit“, sagt Ulrich. Sie seien schon sehr wehmütig gewesen, als Ulrich sich entschied zur Saison 2016/2017 die Produktion zu beenden. Bis heute hat die Firma nach eigenen Angaben rund eine Millionen Sparschränke verkauft.

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