19 ° / 7 ° heiter

Navigation:
GeloMyrtol: Aus Holstein in die Welt

Pohl Boskamp GeloMyrtol: Aus Holstein in die Welt

Werbung scheint die Firma Pohl Boskamp aus Hohenlockstedt (Kreis Steinburg) gar nicht nötig zu haben. Es kennt eh jeder eines ihrer beiden wichtigsten Produkte, und wer das andere braucht, hat kaum Alternativen. Die Rede ist von den Arzneimitteln GeloMyrtol und Nitrolingual Spray.

Voriger Artikel
Marianne Boskamp: Wir behaupten uns gut
Nächster Artikel
Ein Spieler und seine Strategie

Apotheker Michael Küstner, Vicelin-Apotheke Neumünster, vor der Sichtwahl mit apothekenpflichtigen Präparaten gegen Erkältungskrankheiten. „Präparate mit ätherischen Ölen sind anerkannt wirksam bei Sinusitis und Bronchitis“, erklärt er. Anders als in dem für Kunden frei zugänglichen Freiwahl-Bereich dürfen Präparate aus dem Sichtwahl-Bereich der Apotheke nur nach Beratung abgegeben werden.

Quelle: Christian Trutschel

Hohenlockstedt. Das auf Basis ätherischer Pflanzenöle wirksame GeloMyrtol forte ist seit Jahren in Deutschland unter den Top-5-OTC-Erkältungsmitteln – Präparaten, die direkt in der Apotheke über den Ladentisch gehen (over the counter = OTC), für die man nicht zum Arzt gehen muss, für die aber die Krankenkassen auch keine Erstattung leisten müssen. In China, wohin etwa ein Drittel der jährlich produzierten 30 Millionen Packungen GeloMyrtol exportiert werden, wird das pflanzliche Arzneimittel nur in Kliniken abgegeben. Dort sind vor allem wegen Smogs Erkrankungen der Atemwege viel häufiger und oft auch chronisch.

Nitrolingual Spray, der zweite Blockbuster der Holsteiner Firma, ist in vielen Ländern der Welt das Mittel der Wahl bei akuten Herzbeschwerden, wie Angina-pectoris-Anfällen, und auch in Deutschland verschreibungspflichtig. Es gehört zur Basisausstattung von Krankenhäusern und Rettungswagen. Wer es bei einem Herzanfall unter seine Zunge sprüht, erfährt in wenigen Minuten Besserung.

Wer die ausgedehnten Firmengebäude von Pohl Boskamp in Hohenlockstedt und in Dägeling, nahe der A 23 bei Itzehoe, sieht, ahnt, dass hier ziemlich Großes passiert. Auf den weiten Dachflächen sind Sonnenkollektoren montiert, das Unternehmen produziert seinen Strom selbst und hat ein eigenes Blockheizkraftwerk. Und eine eigene Forschung und Entwicklung (F&E) – für ein mittelständisches Unternehmen ungewöhnlich. Hier wurden unter der Ägide der heutigen Firmenchefin Marianne Boskamp und ihres Mannes Dr. Henning Ueck zum Beispiel GeloRevoice und NYDA entwickelt. „GeloRevoice ist eine Idee von Frau Boskamp“, erklärt Marita Schwenck, Leiterin Brand Management OTC bei Pohl Boskamp. „Sie sagte: ’Ich will eine Halstablette ohne Schmerzmittel mit einer sofort spürbaren Wirkung.’ Und die wurde dann hier entwickelt. Sie enthält ein Hydrodepot mit dem wichtigen Bestandteil Hyaluronsäure, um die Mund- und Rachenschleimhäute nachhaltig zu befeuchten. Sie wirkt direkt spürbar, betäubt aber nicht.“ Seit 2009 ist GeloRevoice am Markt, „eine der erfolgreichsten OTC-Einführungen überhaupt“, so Schwenck, mit einem Jahresabsatz von rund drei Millionen Packungen allein in Deutschland. Das Mittel NYDA hingegen sorgt nicht für gutes Atmen, sondern erstickt – es ist Marktführer unter den Kopflausmitteln in Deutschland. Bis 2006 waren diese Mittel überwiegend klassische Insektizide mit neurotoxischem Wirkprinzip. NYDA wirkt nicht chemisch, sondern physikalisch und nutzt die Kriech- und Spreiteigenschaften von Silikonölen. Eine spezifische Zwei-Stufen-Dimeticon-Lösung dringt in Sekunden in die Laus ein und legt ihr Tracheen-Atmungssystem lahm.

Vorbereitet auf die Erkältungswelle

Auf dem großen Areal hinter dem Boskamp-Hauptgebäude an der Kieler Straße 11 in Hohenlockstedt befinden sich die Labors der F&E und der Qualitätskontrolle, außerdem die Produktion von GeloRevoice und Nitrolingual. NYDA wird im nahen Dägeling produziert, GeloMyrtol wird dort vertriebsfertig gemacht und für den Export in die Welt gelagert. Um die in magensaftresistente Weichstatine-Kapseln gehüllten Wirkstoffe macht Pohl Boskamp ein Geheimnis wie Niederegger um sein Marzipan oder Coca-Cola um sein Getränkerezept. Nur so viel ist herauszubekommen: Die Bestandteile seien hochwertig – keine Billigware aus Osteuropa oder China. Die Arzneipflanzen bauen sie hier im Kreis Steinburg jedenfalls nicht an.

Im Industriegebiet von Dägeling leitet Jörg Bröker die Herstellung. Eine seiner wichtigsten Aufgaben liegt bereits hinter ihm: die Winterbevorratung. Frühzeitig muss so viel GeloMyrtol forte versandfertig verpackt im Hochregallager stehen, dass Bestellungen und Apothekenwünsche unverzüglich erfüllt werden können. „Meine Bestände müssen so gut sein, dass wir auf eine Erkältungswelle vorbereitet sind. Wenn in kurzer Zeit mehrere hunderttausend Packungen das Lager verlassen, und wenn dann nichts mehr da wäre, sähe es schlecht aus.“ Dass in dieser groben Rechnung mehrere Unbekannte sind – früh besorgte Apotheker, große Entfernungen, plötzliche Ausbrüche in vielen Ländern, lange Winter – lässt ahnen, auf wie vielen Erfahrungen und über Jahre optimierten Prozessen Brökers Statement gründet. Um zu erfahren, wo es gerade richtig losgeht, seien die Google-Suchanfragen nach Erkältungen ergiebiger als Bulletins des Robert-Koch-Instituts. Im März, April, Mai jedenfalls knickt hier die Produktionslinie leicht nach unten.

In der Verpackungshalle, in die Besucher nur blicken, aber nicht gehen dürfen, herrscht relativ ruhiger Ein-Schicht-Betrieb. Vorne, wo die Weichstatine-Kapseln stehen – in Beuteln mit je 11.000 – und dann in den ersten Trichter der langen Maschine überführt werden, tragen die in sauberes Hellgrau gewandeten Mitarbeiter Häubchen, Mundschutz und Handschuhe. In der Halle verteilt stehen die säulenförmigen Luftqueller, eine Klimaanlage mit besonderem Wirkmechanismus: „Wir schieben damit die Luft bis auf den Boden, wo sie sich langsam erwärmt, und vermeiden dadurch starke Luftbewegungen“, erklärt Bröker. Alle Mitarbeiter betreten und verlassen die Halle durch eine Schleuse. Einmal im Monat kämen, sagt Bröker, ohne Ankündigung Mitarbeiter des firmeneigenen Mikrobiologie-Labors, um die Einhaltung bakterieller Grenzwerte auf den Handflächen der hier Tätigen zu überprüfen. Auch die Raumluft werde vom Labor überwacht. Brökers Aufgabe ist es, die Hygiene-Überprüfungen zu dokumentieren, auf mögliche Veränderungen – sind Trends erkennbar, steigen Werte Richtung Grenzwerte an? – zu reagieren und auch dies wiederum zu dokumentieren. „Die gesetzlichen Auflagen sind streng“, sagt er. Alle zwei, drei Jahre gebe es ein Behörden-Audit. Dann prüft das für die Arzneimittelaufsicht zuständige Landesamt für soziale Dienste (LSD) in Neumünster, eine nachgeordnete Behörde des Gesundheitsministeriums in Kiel, ob alles erfasst und richtig reagiert wurde. „Das Unternehmen Pohl Boskamp wird seit vielen Jahren erfolgreich zertifiziert“, heißt es im zuständigen Dezernat für Arzneimittelüberwachung im LSD.

Qualitätsanforderungen an Produkte

Auch Vertreter südkoreanischer und chinesischer Behörden besuchen Dägeling, auch auf deren Qualitätsanforderungen muss reagiert werden. Nach Hohenlockstedt kommen alle zwei, drei Jahre Vertreter der US-amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Federal Drug Administration), um die Herstellung des Nitrolingual Sprays zu auditieren. Denn schon zu Arthur Boskamps (1929-2000) Zeiten wurde Nitrolingual von Hohenlockstedt in die USA exportiert. „Man muss das ganze Jahr über seine Sachen so machen, dass sie einem Audit standhalten, und kann sich nicht erst ein paar Tage vorher dafür fein machen“, erklärt Bröker. „Man erwartet von mir, dass ich Korrektur- und Vorbeugemaßnahmen ergriffen habe. Schlimm wäre es nämlich zu hören: ’Ihr habt nicht vernünftig reagiert, holt die Ware aus dem Markt zurück!’ Das wäre ein finanzieller Schaden, aber auch ein Imageschaden.“ Bisher habe es so etwas nicht gegeben, keine groben GMP-Mängel zum Beispiel (GMP = Good Manufacturing Practice).

In den beiden Linien für die 20er- und die 50er-Packung GeloMyrtol forte rotieren die Maschinenteile schnell, in der 100er-Linie geht es gemächlicher zu. In groben Zügen passiert hier Folgendes: Die Gelo-Kapseln, via Vakuum in einen weiteren Trichter befördert, fallen in einen Bürstenkasten, während die Maschine bereits eine Formfolie abgewickelt und Näpfe ausgeformt hat, dann vom Bürstenkasten in die Näpfe und werden danach bereits einzeln kontrolliert. Ist eine Kapsel verunreinigt? Raus. Deformiert? Raus. Ein Napf ist leer? Raus. „Solche Kapseln werden aussortiert, und der Blister wird nicht verschlossen“, sagt Bröker. Läuft alles gut, wird der Blister mit Alufolie verschlossen und danach ausgestanzt. Was jetzt kommt, rotiert in der 20er-Linie so schnell, dass ein Erkennen unmöglich ist. Allerdings bekommt man Respekt vor den Leistungen der Maschinenbauindustrie. Auch in der 100er-Linie geht es flott zu: das präzise Auffalten der grün-weißen Schachtel, die später in den Apotheken-Regalen liegen wird. Wichtig ist, dass die passende Schachtel für das jeweilige Land mit dem richtigen Beipackzettel (Gebrauchsinformation) zusammenkommt. „Ein großer Schaden wäre es, wenn Schachtel oder Gebrauchsinformation oder beide die falsche Sprache haben“, sagt Bröker. Österreich, Schweiz, Namibia ausgenommen? Nein. Es gebe da schon einen hohen Deckungsgrad, aber keine völlige Harmonisierung: Bestimmte Textpassagen unterscheiden sich, weil sie den Bestimmungen des jeweiligen Landes genügen müssen.

Bis so eine Packung GeloMyrtol im Regal oder der Schublade einer Apotheke ankommt, sind jedenfalls viele Kontrollen zu passieren. „Ich muss die Herstellungspapiere sauber haben“, sagt Bröker. Die Fälschungssicherheit muss gewährleistet sein. Und der Transportweg muss nach GDP-Richtlinien (Good Distribution Practice) qualifiziert sein: „Man kann hier nicht mit offener Pritsche vorfahren und die Packungen aus dem Lager abholen. Eine Temperaturüberwachung während des Transports und ein Zugriffsschutz müssen gegeben sein. Wir sind verantwortlich bis zur Apotheke.“

Pohl Boskamp liefert Arznei in 50 Länder

Pohl Boskamp liefert in ungefähr 50 Länder, von den skandinavischen bis in die südamerikanischen, von China bis in die USA, von Dubai über Indien bis nach Australien. „Wir beliefern generell keine Drogerien“, erklärt Marita Schwenck. „Unsere Partner sind in erster Linie der pharmazeutische Großhandel und der stationäre Apothekenhandel.“

Und natürlich, auch wenn das Unternehmen auf eine hohe Zahl von „Stammverwendern“ baut, investiert Pohl Boskamp in Werbung. Noch geht der größere Teil des Etats in Anzeigen in Printmedien, darunter keine Tageszeitung, sondern diverse hochauflagige Publikumszeitschriften. Doch der wachsende Part ist das Online-Marketing. Die Marketing-Abteilung setzt Energien und Ideen in informative Webseiten und Youtube-Videos. In TV-Werbung investiert Pohl Boskamp nicht mehr – zu teuer, haben sie entschieden, sollen das doch die ganz Großen der Branche machen. Nach einer aktuellen Umfrage des internationalen Marktforschungs- und Beratungsinstituts YouGov nahm kurz vor Weihnachten jeder zweite Deutsche TV-Werbung für Erkältungsmittel wahr, und jeder Vierte davon, bei den 25- bis 34-Jährigen sogar jeder Dritte, kaufte daraufhin in der Apotheke das entsprechende Mittel ein. Die laut YouGov Top-5-Erkältungsmittelmarken mit der größten Werbewahrnehmung im TV waren Grippostad (55 Prozent), Wick Medinait (54 Prozent), Wick DayMed (30 Prozent), BoxaGrippal (27 Prozent) und Aspirin Complex (24 Prozent), gefolgt von Nasic (15 Prozent), Dobendan, Meditonsin, Nasivin und Neo-Angin. Etwas abgeschlagen folgen Olynth, Centrum und Cetebe.

Auch ohne diese TV-Werbung mischt nach Angaben der Apothekerkammer Schleswig-Holstein das bewährte Phytotherapeutikum GeloMyrtol seit Jahren bei den Verkaufsmengen immer ganz vorne mit.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

Veranstaltung in...

Aktuelle
Veranstaltungen
und Tagestipps!

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Anzeige
Mehr zum Artikel
KN-Interview
Foto: Marianne Boskamp, Geschäftsführerin von Pohl Boskamp, auf dem Firmengelände in Hohenlockstedt

Marianne Boskamp (50) führt, zusammen mit ihrem Ehemann, dem Chemiker Dr. Henning Ueck, die Geschäfte der Firma Pohl Boskamp in vierter Generation. Ihr Vater Arthur Boskamp war im Februar 1945 aus Ostpreußen geflüchtet und hatte pharmazeutische Fabriken in Marienburg und Danzig-Langfuhr zurückgelassen. Die Firma wurde 1835 gegründet.

  • Kommentare
Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Wirtschaft 2/3