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Die Billigware Milch

Preisverfall Die Billigware Milch

Die Preise für Milchprodukte stürzen weiter ab und bringen die Landwirte in Bedrängnis. Der Discount-Marktführer Aldi senkte seine Preise für den Liter Vollmilch in dieser Woche um fast 25 Prozent. Konkurrent Norma zog bereits nach, andere Lebensmittelhändler dürften folgen.

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Milch wird im Supermarkt immer günstiger. Und ein Ende des Preisverfalls ist laut Landesbauernverband nicht abzusehen.

Quelle: dpa/Peter

Kiel/Essen. „Für die ohnehin stark angeschlagene Branche ist das jetzt noch das I-Tüpfelchen,“ sagt Karsten Hansen vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) in Schleswig-Holstein. „Die Bauern stehen mächtig unter Druck.“

In Aldi- und Norma-Märkten kostet der Liter frische Vollmilch seit Montag nur noch 46 Cent, in der vergangenen Woche zahlten Verbraucher noch 59 Cent. Auch die Butter ist um fünf Cent billiger geworden und liegt nun für 70 Cent im Kühlregal. Schlagsahne, Kondensmilch, Kräuterquark und Joghurt wurden ebenso günstiger.

Bei den Bauern kommt davon viel weniger an. „Im Moment bekommen wir um die 20 Cent“, sagt Peter Lüschow, Milchwirt und Vizepräsident des Landesbauernverbandes. Anfang des Jahres hätten die Meiereien noch rund 23 Cent pro Liter Milch gezahlt. „Das wird wohl bald unter die 20 Cent fallen. Und es ist kein Ende abzusehen.“ Einzelne Landwirte könnten durch mehr Produktion vielleicht noch ihre Kosten drücken, anderen werde das aber nicht helfen, so Lüschow. „Das bedeutet für viele das Aus.“

Wer bekommt den schwarzen Peter?

„Die derzeitigen Preise spiegeln die Verwertung auf dem Weltmarkt wider“, erklärt Karsten Hansen. Nach der Abschaffung der Milchquote als Lieferbegrenzung in der EU haben viele Landwirte die Produktion ausgeweitet, doch die weltweite Nachfrage stieg nicht so stark an wie erwartet. In Deutschland und ganz Europa wird nun mehr produziert als nachgefragt. In den ersten beiden Monaten des Jahres lag die angelieferte Milchmenge Deutschlands nach Angaben der EU-Kommission bei 5,4 Millionen Tonnen und war damit um 7,8 Prozent größer als im Januar und Februar des Vorjahres. „Das Milchangebot ist zu hoch, weswegen wir eine schlechte Position im Markt haben. Der Einzelhandel hat diese Situation natürlich für sich genutzt“, sagt Hansen.

„Das ist schlicht unanständig!“, kritisiert der schleswig-holsteinische Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). „Es ist falsch, Lebensmittel zu verramschen, hinter denen harte Arbeit steckt. Der Handel sollte sich seiner ethischen Verantwortung stellen und die Landwirte gut bezahlen.“ Aldi-Nord schiebt den schwarzen Peter dagegen den Meiereien zu. Die hätten die Milch billiger angeboten, Aldi gebe den günstigeren Einkaufspreis nur an die Verbraucher weiter. Der Lebensmitteleinzelhandel sei nicht für das aktuelle Überangebot verantwortlich.

Für Lüschow haben die Meiereien tatsächlich nicht alle Möglichkeiten genutzt, um sich bei den Verhandlungen mit dem Lebensmittelhandel besser zu positionieren. „Ich fordere schon seit Langem, dass sich die großen Meiereien zusammenschließen und sagen: ,Zu so einem niedrigen Preis verkaufen wir nicht!’ Aber dann müssen alle ,Nein’ sagen.“

Habeck fordert Mengenreduktion

Um die Krise auf dem Milchmarkt zu beenden, hatten die Agrarminister der Länder vor zwei Wochen die Landwirte und Molkereien aufgefordert, die Mengen freiwillig zu reduzieren. Sollte so kein Erfolg erzielt werden, kündigten sie staatliche Sanktionen an. „Es muss jetzt etwas passieren“, so Hansen. Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) könne nicht warten, bis die Branche das unter sich regele. „Die Politik muss jetzt handeln.“

Auch Habeck fordert von seinem Bundeskollegen Schmidt, zügig die freiwilligen Maßnahmen zur Mengenreduktion voranzutreiben und sie mit Beihilfen zu unterstützen. „Die Milchmenge muss runter, sonst werden reihenweise Betriebe und damit Existenzen zerstört“, so Habeck. Sollte das nicht passieren, müsse die EU als letztmöglichen Weg eine zeitlich begrenzte obligatorische Mengenbegrenzung beschließen – „auch wenn es den milchverarbeitenden Unternehmen überhaupt nicht passt.“

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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