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„Wir leben von der Substanz“

Protest der Landwirte „Wir leben von der Substanz“

Für Milchbauer Jan Marten aus Hardebek (Kreis Segeberg) ist die 30-minütige Fahrt nach Hohenwestedt im Kreis Rendsburg-Eckernförde Ehrensache – obwohl jede Menge Arbeit im Stall und auf dem Acker auf ihn wartete. „So geht es einfach nicht weiter, das rechnet sich nicht mehr“, sagt der 45-Jährige.

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Alle Probleme der Bauern auf einer Wand aus Kartons: Landwirte hören entspannt bei einer Kundgebung in Hohenwestedt den Rednern zu, die sich zur Absatzkrise ihrer Produkte äußern.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Hohenwestedt. Marten gehört zu etwa 200 Landwirten, die trotz besten Erntewetters gegen den drastischen Preisverfall von Agrarprodukten protestieren. „Ob Milch oder Fleisch, es ist einfach nicht absehbar, wann sich die Lage wieder stabilisiert“, sagt Bauernverbandspräsident Werner Schwarz am Freitag auf dem Marktplatz der 5400-Einwohner-Gemeinde. Dennoch dürfe jetzt beispielsweise nach dem Wegfall der Milchquote nicht sofort nach Veränderungen gerufen werden: „Wir wollen keine staatlich verordnete Mengenregulierung, sondern fordern ein Ende des Preiskampfes von Aldi & Co. und eine Wertschätzung unserer Nahrungsmittel“, sagt Schwarz.

 Viehvermarkter Temme Struck aus Schnarup-Thumby (Kreis Schleswig-Flensburg) kennt die Gründe für die Krise: „Vor 30 Jahren hieß es in der Landwirtschaftsschule immer mehr, mehr, mehr. Heute kämpfen viele Landwirte wie Tante-Emma-Läden um ihre Existenz, alles wird in Frage gestellt.“ Die Politik würde sich auf den Rücken der Bauern profilieren „das ist dann der Todesstoß besonders für kleine Betriebe“, sagt Struck. Diese seien heute kaum noch in der Lage, die vielen Auflagen („Gefühlt sind das 1000 Seiten“) zu erfüllen. Die Folge: immer weniger Betriebe, immer mehr Konkurrenz aus dem Ausland: „Die Bauern werden vom Kopf her kaputtgemacht.“

 Die schlechte Stimmung unter der Landwirten spürt auch Thorsten Ebken (Landbautechnik Nord): „In diesem Jahr haben wir etwa 30 Prozent weniger Landmaschinen verkauft – die Landwirte investieren nicht“, sagt Ebken.

 Das kann Landwirt Marten, der 150 Milchkühe hat, nur unterstreichen: „Wir schrauben alles an Kosten runter, was noch geht.“ Etwa 27 Cent erhält er derzeit für einen Liter Milch; zu wenig, um die laufenden Kosten zu decken. „Wir können auch nicht jeden Liter Milch in die Direktvermarktung geben, die Menge ist einfach da.“ Ohne das weitere Standbein, die Vermarktung von Straußenfleisch, wäre die Zukunftsperspektive noch dunkler, sagt der Milchbauer und ergänzt: „Ich mache das mit Herzblut und will es auch künftig noch tun.“ In frühestens sechs Monaten, rechnet Marten, werde der Kilopreis für seine Rohmilch wieder langsam nach oben klettern.

 Skeptischer beurteilt ein Ferkelzüchter aus dem Kreis Segeberg die Situation: „Wir leben massiv von der Substanz, das Preistief für Schweinefleisch kann noch ein Jahr andauern. Ich weiß noch nicht, wie das dann für uns ausgeht.“

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Ein Artikel von
Jan von Schmidt-Phiseldeck
Wirtschaftsredaktion

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Zum dritten Mal innerhalb von sechs Jahren treibt der aktuelle Milchpreis Landwirten im Norden den Angstschweiß auf die Stirn. Die Milch, für die sie gerade noch 27 Cent bekommen, steht für knapp 50 Cent in den Regalen der Discounter und Lebensmittelketten. Aldi und Co. jetzt aber die Schuld für die Misere zu geben, greift viel zu kurz.

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