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Nein zur „Bullerbü-Landwirtschaft“

Schleswig-Holstein Nein zur „Bullerbü-Landwirtschaft“

Robert Habeck knetet die Hände, tritt von einem Fuß auf den anderen und macht aus seinem Unbehagen keinen Hehl. „Ich rechne mit Buhrufen und Pfiffen“, sagt der grüne Umwelt- und Landwirtschaftsminister und blickt auf den Eingang der Deula-Halle in Rendsburg. Dort beginnt gleich der Landesbauerntag und die Lage ist ernst: Viele Landwirte kämpfen um ihre Existenz.

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Robert Habeck umringt von Journalisten: Von den Landwirten wurde der Minister auf dem Landesbauerntag mit Protestplakaten empfangen.

Quelle: Jan Koehler-Kaeß

Rendsburg. Habeck spricht sich Mut zu, erzählt von guten Gesprächen auf der Norla, ist sich aber nicht sicher. Zu tief sitzt die Sorge, dass es in der Halle so zugehen könnte wie am Dienstag vor dem Landeshaus. Dort hatten rund 600 Bauern, Jäger und Fischer den Grünen und sein neues Naturschutzgesetz ausgepfiffen. Habeck atmet durch, geht in die Halle. Einige Bauern mustern den Grünen, alle bleiben ruhig. Mehr als 1300 Landwirte und Promis drängen sich im Saal, darunter die alte und neue Spitze der Nord-CDU von Ex-Regierungschef Peter Harry Carstensen über Ex-Bauernminister Christian von Boetticher bis hin zum neuen Parteichef Ingbert Liebing.

 Die Stimmung ist gespannt, aber freundlich. Im Saal hängt kein einziges Protestplakat, der Musikzug Alt Duvenstedt hängt noch ein Stück dran, weil sich Bundes-Landeswirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) verspätet. Dann geht es Schlag auf Schlag: Schmidt läuft ein, begrüßt Carstensen herzlich und Habeck kühl. Der Präsident des Bauernverbandes, Werner Schwarz, geht ans Rednerpult, begrüßt beide Minister. Schmidt bekommt etwas mehr Beifall als Habeck. Keine Pfiffe. Habeck lehnt sich zurück.

 Schwarz liest seine Rede ab, beschreibt die dramatische Lage vieler Bauern, fordert Hilfe von Bund und Land. Für mehr Stimmung sorgt der Vorsitzende der Landjugend, Hendrik Lassen. Er schimpft über die „Polemik aus Berlin“. Gemeint sind die Grünen. So darf man mit Landwirten nicht umgehen, legt Lassen nach: „Für eine Bullerbü-Landwirtschaft stehen wir nicht zur Verfügung.“ Stürmischer Beifall.

 Schmidt übernimmt. Der Bundesminister verweist auf das Krisentreffen am Montag in Brüssel, macht keine konkreten Versprechen und bemüht sich, Zuversicht zu verbreiten. Die Nachfrage nach Milch werde in Deutschland steigen, meint der Minister. Grund seien die vielen Flüchtlinge und ihr Nachwuchs. „Bei Kindern gehört Milch dazu.“ Hier und da Kopfschütteln. Schmidt eilt nach höflichem Applaus zum nächsten Termin.

 Schwarz redet erneut und dreht diesmal richtig auf. Nach deftiger Medienschelte für Skandalberichte knöpft sich der Präsident die Politik vor, warnt sie, immer neue Vorgaben zu machen. „Dann haben sie in zehn Jahren vielleicht auch eine super Umwelt, gutes Wasser saubere Luft; aber die Bauern sind weg, das Land ist leer auf Wiesen und Äckern wächst das Jakobskreuzkraut oder Birken-Jungwalt.“ Die Halle johlt. Schwarz heizt die Stimmung nicht weiter an, fordert stattdessen Optimismus in der Krise.

 Jetzt ist Habeck dran. Der Vize-Ministerpräsident beginnt vorsichtig, stellt sich an die Seite der Bauern. „Ich weiß, welch großer Druck auf den Betrieben lastet.“ Nach dem ersten Applaus wird Habeck mutiger, macht deutlich, dass es auf dem Weltmarkt zu viel Milch gibt, die Bauern ihre Produktion drosseln und dafür aus dem Topf der Superabgabe entschädigt werden sollten. Murmeln im Saal. Habeck spricht frei und streift sogar sein heikles Naturschutzgesetz. „Es zielt nicht darauf, die Bauern zu knechten.“ Jubel erntet er nicht. Aber es gibt auch keine Buhrufe, zum Schluss einen ordentlichen Applaus.

 Der Musikzug spielt die Landeshymne. Schwarz und Habeck singen mit und sind zufrieden. „Der Minister hat den Bauern ein Stück weit aus der Seele gesprochen“, sagt der Präsident. Der Minister freut sich, dass es in Rendsburg besser gelaufen ist als gedacht: „Die Krise bringt die Bauern offensichtlich zum Nachdenken.“

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Ein Artikel von
Ulf B. Christen
Landeshaus-Korrespondent

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