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Logistik-Unternehmen im Stress

Bahn-Streik Logistik-Unternehmen im Stress

Verprellte Pendler, volle Autobahnen, verunsicherte Unternehmen: Die Endlos-Welle von Lokführerstreiks hinterlässt im Norden schmerzhafte Narben. Vor allem die Logistikbranche leidet – und zieht Konsequenzen: Immer mehr Transport-Unternehmen verlagern Lieferungen von der Schiene auf die Straße.

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Die Endlos-Welle von Lokführerstreiks hinterlässt im Norden schmerzhafte Narben. Vor allem die Logistikbranche leidet – und zieht Konsequenzen: Immer mehr Transport-Unternehmen verlagern Lieferungen von der Schiene auf die Straße.

Quelle: Soeren Stache/dpa

Kiel/Neumünster. „Unsere Betriebe haben erhebliche Schwierigkeiten, Termine und Verträge einzuhalten“, sagt Thomas Rackow. Der Geschäftsführer der Fachvereinigung Spedition und Logistik Schleswig-Holstein berichtet von Unternehmen, die „den ganzen Tag damit beschäftigt sind, Kunden zu beruhigen“. Einige Speditionen, die bislang regelmäßig Güter auf die Schiene brachten, haben sich bereits in Teilen aus dem kombinierten Lkw-Schienen-Verkehr verabschiedet.

Auch der Groß- und Außenhandel im Land mit seinen rund 3300 Betrieben und 43000 Beschäftigten sieht sich von dem Arbeitskampf massiv getroffen. Zwar haben sich viele Unternehmen auf einen neuen Bahnstreik vorbereitet, jedoch nicht erwartet, dass es sie so schnell erneut treffen würde. „Anders als bei den Streiks zuvor wurden die Betriebe diesmal kalt erwischt, viele Logistikketten sind unterbrochen“, sagt Martin Schnitker, Sprecher des Branchenverbandes AGA Schleswig-Holstein. Weitaus gravierender aber wirkt sich aus, dass ein Streik-Ende diesmal nicht absehbar ist, Kunden somit auch keine Nachliefertermine angeboten werden können. Schnitker: „Es gibt keine Planbarkeit – für unsere Betriebe ist das verheerend.“

Für den Fall eines länger andauernden Streiks haben viele Unternehmen Vorsichtsmaßnahmen getroffen, darunter auch Bayer in Brunsbüttel: „Wir haben unsere Tanks gut gefüllt, noch ist die Lage beherrschbar“, sagt Unternehmenssprecher Günter Jacobsen. Auf die Dauer sei der Ausfall der Bahn jedoch „kein Zustand“: „Da muss schnellstens eine Lösung her.“ Auch das Kieler Gemeinschaftskraftwerk, das Kohle und Ammoniak per Bahn aus Brunsbüttel bezieht, will eine Einschränkung des Betriebes auf jeden Fall vermeiden. Um für den Ernstfall gerüstet zu sein, hat das Unternehmen bereits vier Binnenschiffe geordert.

Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) appellierte erneuert an die Tarifparteien, insbesondere an die GDL, in die Schlichtung zu gehen, „statt den Schaden weiter zu vergrößern“. Allein durch die Tatsache, dass es „enorme“ Verzögerungen im Güterverkehr gebe und immer mehr Unternehmen ihren Güterverkehr von der Schiene auf die Straße verlagerten, entstünden „erhebliche Probleme“. Das wirke sich bereits spürbar auf den Autobahnen A 7 und der A 1 aus. Massive Schäden drohten auch dem Tourismus: Zehn Prozent der Schleswig-Holstein-Urlauber, also fast 700000 Menschen pro Jahr, kämen mit der Bahn ins Land: „Auch die werden sich genau überlegen, ob sie ihre Reisen antreten oder nochmals mit der Bahn kommen.“

Gestern dehnten die Lokführer ihren Streik auf den Personenverkehr in ganz Deutschland aus. Millionen Fahrgäste mussten ihre Reisepläne ändern. Zugleich bemühten sich die Deutsche Bahn und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) um eine Entschärfung ihres Tarifkonflikts.

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Ein Artikel von
Ulrich Metschies
Wirtschaftsredaktion

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Kommentar

Aus dramaturgischer Sicht funktioniert die Arbeitskampfmaschinerie der Lokführergewerkschaft ziemlich mustergültig. Durften Fahrgäste und Güterverkehrskunden sich in der Vergangenheit noch über mehrwöchige Streikverschnaufpausen, gnädige Vorwarnzeiten und eine verlässliche Ankündigung der Arbeitskampfdauer freuen, stellt Bahnstreik Nummer neun ganz neue Anforderungen an die Improvisationskünste von Reisenden, Pendlern und Betrieben. Mit einem kurz vor knapp angekündigten, unbefristeten Streik nach lediglich zehn Tagen Ruhe ist die GDL auf der Arbeitskampf-Eskalationsskala schon ganz schön weit oben angekommen.

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