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Mode nach Maß aus Kiel

Schneiderhandwerk Mode nach Maß aus Kiel

Angela Ziemer ist eine von 1975 eingetragenen Maßschneidern in Deutschland, bei denen Blazer, Hosen oder Kleider noch passgenau nach Kundenwunsch entstehen. Die meisten von ihnen sitzen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern. In Schleswig-Holstein gibt es laut Handwerkskammer Lübeck 240 Damen- und Herrenschneider-Betriebe.

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Angela Ziemer, Obermeisterin der Landesinnung, in ihrem Atelier. Sie begrüßt heute 220 Maßschneider zum Bundeskongress in Kiel.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Die Schneiderpuppe trägt ein grünes Wickelkleid, daneben ist ein pinker Blazer drapiert, dem noch die Ärmel fehlen. Auf einem hohen Tisch in der Mitte des Ateliers im Kieler Grasweg liegen Schnittschablonen aus braunem Papier für ein Hochzeitskleid. „Wir machen die Skizzen noch in Handarbeit, obwohl man das auch mit dem Computer machen könnte“, sagt Angela Ziemer. „Das geht einfach schneller.“

Zukunft habe ihre Zunft „unbedingt“, glaubt Ziemer. „Die Mode entwickelt sich wieder mehr hin zum Individualismus. Die Menschen möchten sich abheben und nicht tragen, was jeder hat. Jeans und T-Shirt, Barbour-Jacke und Perlenohrringe: Das ist ja fast schon wie eine Uniform.“ Die Menschen, die ins Schneider-Atelier kommen, schätzten es, sich in den kreativen Prozess einbringen zu können. „Im Geschäft ziehe ich etwas an und bekomme ein Wohlgefühl, wenn mir etwas gefällt“, sagt die Obermeisterin der Landesinnung. „Hier bin ich bei der Entstehung dabei und empfinde das Wohlgefühl schon währenddessen.“

Jeder Kunde hat ihren eigenen Schnitt. Nach dem Maßnehmen fertigt Ziemer aus Nesselstoff erst einen Rohling an, bevor sie mit dem eigentlichen Stoff arbeitet, rund 20 davon hängen auf einer Kleiderstange neben ihr. „So bekommen die Kunden einen Eindruck davon, wie das fertige Kleid später aussieht.“ Manche Dame wisse zwar sehr genau, was sie wolle, habe aber keine Vorstellung, wie der Schnitt später wirkt. „Wenn ich das Gefühl habe, eine Farbe oder ein Schnitt passt nicht zum Kunden, dann sage ich das auch.“

Einen Anspruch an Nachhaltigkeit

Sowohl gestandene Businessfrauen als auch junge Bräute oder Abiturientinnen, die sich ein Einzelstück für ihren Abi-Ball wünschen, kommen ins Atelier. „Wir hatten schon ein Mädchen hier, dass das ganze Jahr gejobbt hat, um sich den Traum vom maßgeschneiderten Kleid zu erfüllen“, erzählt Ziemer. Denn beim Preis liegen die Unikate natürlich über den Modellen von der Stange, sind aber vergleichbar mit Designerroben. Die Abi-Ball-Kleider liegen zwischen 300 und 700 Euro. „Hochzeitskleider fangen bei uns bei 750 Euro an, nach oben sind wenig Grenzen gesetzt.“ Was ein Kleid kostet, hängt von Material und Aufwand ab. Rund vier bis sechs Wochen Zeit braucht die Schneiderin von der ersten Vorbesprechung bis zum fertigen Stück.

„Wir haben einen Anspruch an Nachhaltigkeit“, sagt Ziemer. „Nehmen Sie den Blazer da vorne, der ist aus einer unverwüstlichen Wolle. So einen kann man jahrelang tragen.“ Jahrelang im Dienst sind auch schon die vier alten Eisenmaschinen von Singer, Pfaff und Dürkopp, an denen Ziemer und ihre Auszubildende arbeiten. Eine Maschine ist mehr als 50 Jahre alt, sie sei weniger „anfällig“ als neue Modelle.

In vielen Haushalten stehen heute wieder Nähmaschinen, die Zahl der Hobby-Schneider nimmt zu. Einen Trend, den Ziemer eigentlich positiv findet. „Aber viele setzen Nähen und Schneiderei gleich und vergessen, dass wir als traditionelles Handwerk über fundiertes Wissen verfügen.“ Problematisch sei zudem der Verkauf auf Online-Plattformen wie Dawanda, wo viele Hobbyisten ihre Produkte zu niedrigen Preisen „verschleudern“. „Denen geht es nicht um Gewinn, aber wir müssen unser Geld damit verdienen und Löhne zahlen“, sagt Ziemer. So verliere das Geschneiderte an Wertigkeit.

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