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Sein Zug ist noch lange nicht abgefahren

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Jahrelang hat er als Geschäftsführer von Reedereien wie Color Line und Stena Line riesige Verkehrsunternehmen geführt. Dann hat sich Stefan Mathias mit 52 Jahren ein eigenes geschaffen: Er verkauft jetzt Modelleisenbahnen.

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20 Jahre lang waren Schiffe die große Leidenschaft von Stefan Mathias – mittlerweile kann er die Begeisterung für die Eisenbahn gut nachvollziehen und startet mit dem Modellbahn-Handel beruflich neu durch.

Quelle: Michael Kaniecki

Kiel. Die Wände im Büro sind kahl, der Schreibtisch hinter Schachteln und Paketen versteckt, die drei angrenzenden Zimmer bis zur Decke mit Regalen, der Fußboden mit Kisten vollgestellt. Wohin man auch blickt: Schienen, kleine Häuser, Züge in jeder Farbe, Größe und Funktion. Stefan Mathias verkauft in einem Onlineshop Modelleisenbahnen und Zubehör. Zu jedem Modell kann er etwas erzählen. Er weiß, welcher Hersteller welche Sonderedition produziert hat und welche Lok wie viel wert ist. Dabei waren Modelleisenbahnen nie Mathias’ Hobby und vor drei Jahren hat er noch etwas ganz anderes gemacht.

 Stefan Mathias ist in Düsseldorf geboren, hat in Köln BWL studiert und ist gleich nach dem Studium in die Touristikbranche eingestiegen. „Das war mein Ding. Da wollte ich Karriere machen. Das war von Anfang an der Plan“, sagt er. 1994 kommt er zur Schifffahrt. Und Schiffe werden seine große Leidenschaft. Diese Leidenschaft führt ihn von Bremen über Kiel, wieder nach Bremen und zurück nach Kiel. Er macht Karriere – unter anderem als Geschäftsführer namhafter Reedereien wie Color Line und Stena Line. Doch 2012 ist es schlagartig aus. Seine Position bei Stena fällt Kürzungen zum Opfer, Mathias steht mit 52 vor dem Nichts. Zu jung, um nur noch seinem großen Hobby, dem Gitarrespielen, nachzugehen. Zu alt, um noch einmal in ähnlicher Position in einer anderen Branche einzusteigen.

 „In der Schifffahrt gab es hier in der Gegend keinen Platz für mich. Und andere Unternehmen trauen sich nicht, jemand branchenfremdes einzustellen“, erzählt er. Um sich die Zeit zu vertreiben, verkauft er über Ebay ein paar Modelleisenbahnen für einen Freund – und merkt ganz schnell: „Da ist ja Musik drin.“ Schon bald geht er mit einer einfach gestalteten Website an den Start. Er kauft private Sammlungen auf und verkauft sie weiter. „Ich habe mich da reingefuchst“, sagt Mathias. Er liest viel, kalkuliert die Bestände, macht Angebote, präsentiert die Ware. Das sei besonders wichtig: professionell zu wirken. Als überzeugter Dienstleister, wie er sich selbst beschreibt, habe er einen gewissen Vorsprung, was den Umgang mit Kunden angeht. Gerade bei einem Artikel wie Modelleisenbahnen seien jede Menge Emotionen im Spiel, bei Käufern und Verkäufern gleichermaßen.

 Der Onlinehandel blüht, der Keller im Haus wird für die vielen Pakete schnell zu klein. Matthias mietet Ende vorigen Jahres Lagerräume in Kiel an. Auch einen Proberaum für sein Hobby, die Band, gibt es hier. Ein Hobby ist der Modelleisenbahnverkauf nicht. Sieben Tage die Woche verpackt er Pakete, schreibt Rechnungen, beantwortet Anfragen. Die Artikel werden überprüft, fotografiert, beschrieben und im Netz eingestellt. Mathias arbeitet mehr als früher, verdient dabei weniger. Ein Umstand, den er so nicht erwartet, mit dem er aber Frieden geschlossen hat. Mehr noch. „Etwas auf die Beine zu stellen, das dann auch funktioniert und dafür selbst verantwortlich zu sein. Das ist eine große Freude und sehr erfüllend.“

 Nur die sozialen Kontakte im Beruf vermisse er. Er sei es gewohnt gewesen, im Team zu arbeiten, jetzt sei er eine One-Man-Show. Aber wer weiß wie lange noch. Mathias will das Geschäft weiter ausbauen. Irgendwann auch jemanden einstellen, der mit anpackt. Die Konkurrenz im Modellbahnhandel ist da, Mathias ungebremster Ehrgeiz aber auch. „Mein Ziel: Die Nummer eins im Norden zu sein.“ Um dieses Ziel zu erreichen, ist er ins kalte Wasser gesprungen. Er hat, weil die Kreditinstitute ihm ein Gründungsdarlehen versagten, sogar seine Eigentumswohnung in Düsseldorf verkauft. Ein Risiko, das seine Familie immer mitgetragen hat.

 Seit 2013 verkauft Mathias mit seinem Freund zudem auch Neuware über das Portal modellbahnplanet.de. Für den Handel seien Modellbahnen der perfekte Artikel, sagt Mathias: Ein modernes Hobby für technisch interessierte Erwachsene, die Zeit, Platz und Kaufkraft haben. Zudem ein Hobby mit Tiefgang, er sinniert: „Draußen brennt die Welt, aber hier kann ich mich zurückziehen, meine Welt so gestalten, wie ich sie haben will. Mein eigener Chef sein und selbst entscheiden: der Zug fährt genau jetzt los.“

Von Sarah Jehle

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