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Mütter, die keine sein wollen

Tabubruch Mütter, die keine sein wollen

Muttersein soll glücklich machen – das erwartet zumindest die Gesellschaft.  Für Charlotte (44) ist das Muttersein jedoch „die Auseinandersetzung mit dem Unvermeidbaren“. Die 45-jährige Atalya empfindet es als eine Bürde, und Tirtza (57) sieht in ihrer Rolle als Mutter eine Katastrophe und sagt „Ich habe sofort verstanden, dass das nichts für mich ist.

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Schwierigkeiten, Sorgen, Albtraum: Diese Skulptur des Australiers Ron Mueck spiegelt das Gefühl vieler Mütter aus einer aktuellen israelischen Studie wider, die es bereuen, Mutter geworden zu sein.

Quelle: dpa

Kiel. Mehr noch: Es ist der Albtraum meines Lebens.“ Das Muttersein habe ihrem Leben nichts hinzugefügt, außer Schwierigkeiten und ständige Sorge. Auch Doreen (38) hat drei Kinder und ist sich sicher: „Ich würde sie aufgeben, absolut. Wirklich. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und es ist schwer für mich, das zu sagen, weil ich sie liebe. Sehr sogar.“

 Zitate aus der Studie von Orna Donath, Soziologin am Institut für Gender-Forschung an der Ben Gurion Universität in Tel Aviv: Unter dem Titel „Regretting Motherhood“ (übersetzt: „Die Mutterschaft bereuen“) hat sie insgesamt 23 Frauen in Israel zu ihren Gefühlen zum Mutterdasein befragt. Die Ergebnisse sind nicht repräsentativ – aber das war auch nicht das Ziel. Die Soziologin wollte auf ein Tabuthema aufmerksam machen und führte dafür stundenlange Interviews mit Frauen zwischen 20 und 70 Jahren. Alle Mütter kommen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten, ihre Namen wurden geändert, und trotzdem haben sie eine Gemeinsamkeit: Auf die Ausgangsfrage der Studie „Wenn Sie in der Zeit zurückreisen könnten – mit all dem Wissen und der Erfahrung von heute – würden Sie dann noch einmal Mutter werden?“ antworten alle mit Nein.

 In der Öffentlichkeit führt die Untersuchung zu großer Entrüstung, insbesondere im Internet wird das Tabuthema kontrovers diskutiert. Diese Ambivalenz zwischen Abneigung und Liebe zu den Kindern widerspricht dem weitverbreiteten traditionellen Bild von einer Mutter. Demnach ist das Mutterwerden den Frauen per se in die Wiege gelegt worden, eine aufopfernde Hingabe für den eigenen Nachwuchs regelrecht angeboren. Wer dieses Bild im Kopf hat, ist geschockt über die offenen Zweifel der israelischen Mütter.

 Aber die Ergebnisse sind auch ein Spiegel für die heutige Zeit – viele Mütter haben sich in den Aussagen der Studienteilnehmerinnen wiedergefunden. „Von Frauen wird heute viel mehr verlangt als früher. Es reicht nicht mehr aus, eine gute Mutter und tüchtige Hausfrau zu sein. Heute sollen Mütter gleichzeitig noch gut aussehen und ihre Karriere vorantreiben“, sagt Anne Schilling, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerkes in Berlin. Entwickeln die Frauen bestimmte Erwartungen an das Muttersein, die dann nicht erfüllt werden, kann die Frustration hoch sein – bis hin zum Bereuen der Mutterschaft.

 Über die Ursachen für dieses Gefühl, sich falsch entschieden zu haben, kann bisher nur spekuliert werden. „Das kann von einer schlechten Partnerschaft, finanziellen Problemen, dem Ignorieren der eigenen Bedürfnisse über eine unpassende Vorbildrolle der eigenen Mutter bis hin zu einem Gefühl von mangelnder Wertschätzung reichen – die Gründe sind ganz individuell“, sagt Psychologin Juliane Dürkop von der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe in Kiel und sieht in der Debatte auch ein modernes Phänomen. „Es gab schon immer Mütter, die ihre Kinder am liebsten weggeben würden oder nicht zufrieden mit dem Muttersein sind. Es wird nur jetzt durch das Internet öffentlicher diskutiert.“

 Dennoch geben sich viele Mütter dem gesellschaftlichen Erwartungsdruck hin: Sobald ein Kind da ist, stellen viele Frauen ihre Bedürfnisse zurück, kümmern sich sorgsam um ihren Nachwuchs, stecken alle Energie in dessen Erziehung und Ausbildung, schmeißen nebenbei den Haushalt und vergessen sich schnell selbst dabei. In der Öffentlichkeit wird diese Idealvorstellung von der perfekten Frau und Mutter dann noch potenziert. „Die Darstellungen von der Schwangerschaft über die Geburt bis hin zum Familienleben sind durchweg positiv. Das entspricht nicht immer der Realität. Die menschlichen und finanziellen Anstrengungen der Mutterschaft werden häufig unterschätzt“, sagt Professor Nicolai Maass, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Uniklinikum Kiel. Durch dieses durchweg positive Bild entsteht für viele Mütter automatisch ein enormer Anpassungsdruck. Ein Raum für Schwächen bleibt dabei kaum und die Hemmschwelle, offen über Zweifel zu sprechen, ist entsprechend hoch.

 Gesteigert werden die eigenen Ansprüche an das Muttersein zusätzlich durch eine permanente Vergleichbarkeit in sozialen Netzwerken und dem Internet. „Mütter vergleichen sich untereinander und auch ihre Kinder, das kann schnell zu einem überzogenen Selbstoptimierungs-Drang führen“, erklärt Juliane Dürkop. Zudem fiele es Müttern immer wieder schwer, zu akzeptieren, dass auch sie Zeit für sich beanspruchen dürfen. „Viele Mütter haben ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich hin und wieder Zeit für ihre eigenen Bedürfnisse nehmen.“ Pathologisieren möchte Dürkop das Phänomen #regrettingmotherhood allerdings nicht: „Viele dieser Frauen werden vermutlich in zehn Jahren bereuen, was sie dort gesagt haben.“

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#regrettingmotherhood

Im Internet sorgte die Studie für geteilte Reaktionen. Bei Twitter wird unter dem Hashtag #regrettingmotherhood seit Veröffentlichung der Studie fleißig diskutiert. Userin Lilli Marlene Marlene bereitet das Thema „einen dicken Kloß im Hals“. Sie schreibt „#regrettingmotherhood – Ich kann dazu nur sagen: Keine einzige Sekunde meines Lebens!“

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