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Der Spion unter dem Fahrersitz

Telematik Der Spion unter dem Fahrersitz

Der sanfte Fahrstil wird belohnt: Mit einer elektronischen Box im Auto wollen die Versicherer künftig Daten zum Fahrverhalten sammeln. Der Clou der sogenannten Telematik: Wer weniger rasant fährt, bekommt einen Rabatt auf seinen Kasko-Tarif. Datenschützer warnen aber vor zu großer Euphorie.

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Auch das Navi speichert Daten, deren Auswertung etwa Bewegungsprofile ergeben kann.

Quelle: dpa

Kiel. Die Kurve kommt näher. Langsam drosselt der Fahrer die Geschwindigkeit, gleitet sanft hindurch und beschleunigt wieder, ganz gemächlich, ohne Vollgas. Für manch einen Autofahrer klingt dieses Szenario so gar nicht nach Fahrspaß. Doch diese Fahrweise könnte sich bald auszahlen. Denn die Versicherungskonzerne wollen umsichtiges Fahren künftig belohnen – mit günstigen Tarifen für die Kasko-Versicherung. Die Testversuche laufen bereits auf Hochtouren.

 Telematik lautet das Zauberwort, das einerseits Autofahrer, Versicherungen und Hersteller frohlocken lässt und andererseits Datenschützern große Sorge bereitet. Denn eine kleine Box, etwa so groß wie eine Zigarettenschachtel, zeichnet den individuellen Fahrstil auf. Sie registriert Fahrstrecke, Fahrtzeit, Geschwindigkeit, Vollbremsungen oder Tempoverstöße. Per Funk werden die Daten über das Handynetz an den Versicherer geleitet, der dann einen persönlichen Tarif errechnet nach dem Prinzip: Wer riskant fährt, zahlt mehr. Umgekehrt gilt: Vorsichtige Fahrer werden belohnt.

 Die Versicherungen wittern durchaus einen Markt für dieses Tarifmodell. „Die Kunden werden darauf anspringen“, glaubt Sebastian Kaltofen von der Itzehoer Versicherung. Ein individuelles Profil könne für viele Fahrer einen Vorteil haben. Dazu zählen gerade die Führerschein-Neulinge, die bislang nach der alten Struktur grundsätzlich in einen hohen Tarif eingruppiert werden – unabhängig von ihrer tatsächlichen Unfallquote.

 „Wenn es ums Geld geht, gibt es beim Deutschen oft kein Halten mehr“, sagt Thilo Weichert. Der frühere schleswig-holsteinische Datenschutzbeauftragte warnt allerdings die Kunden vor zu großer Euphorie. „Am Ende zahlt man vielleicht mehr, als man gewinnt“, sagt er. Denn man werde mit seinem Bewegungsprofil überwachbar.

 Der Datenschützer kritisiert die Verfahren als „intransparent“. Viele Rechtsfragen seien bislang ungeklärt. Welche Daten genau werden gesammelt? Wie werden die Kriterien wie Geschwindigkeit oder Kurvenverhalten gewichtet? Was passiert, wenn das Auto an einen anderen Fahrer verliehen wird? Wo werden die Daten gespeichert – und was noch viel wichtiger ist: Wer alles hat Zugriff darauf? So könnten die Versicherer die Daten zum Beispiel bei einem externen Dienstleister speichern lassen. „Vieles ist denkbar und muss nur zwischen Anbieter und Kunden vereinbart werden“, sagt Weichert. Ob der Versicherungsnehmer dabei allerdings so genau den Überblick behalte, sei fraglich.

 Insgesamt ist für Datenschützer das Telematikmodell noch nicht ausgereift. Denn laut Weichert führt es unfreiwillig zu neuen Benachteiligungen. Wenn sich etwa Nachtfahrten negativ für den Tarif auswirken, werden die bestraft, die nicht tagsüber arbeiten. Und wer in Bayern in den Bergen wohnt und viele Kurven fahren muss, kommt vielleicht auf weniger Preisnachlässe als ein Fahrer auf dem platten Land in Ostfriesland. „Am Ende“, so warnt Weichert, „wird die Solidargemeinschaft aufgeteilt.“

 Die Versicherungskonzerne wiegeln allerdings ab. Für Schwarzmalerei sei es viel zu früh. „Wir testen noch und sind mitten in der Planungsphase“, sagt eine Sprecherin der Huk-Coburg, Deutschlands größtem Autoversicherer mit mehr als zehn Millionen Fahrzeugen. Gerade finde erst einmal ein Test mit eigenen Mitarbeitern statt.

 Viel weiter ist man bei der Itzehoer Versicherung in Schleswig-Holstein auch noch nicht. Eine erste Testphase sei abgeschlossen, eine zweite soll folgen. „Im Moment geht es nur darum, Erfahrungen zu sammeln“, sagt Sprecher Kaltofen. „Schließlich wollen wir nicht hinten anstehen.“

 Die Konkurrenz ist groß zwischen den Versicherern. „Die Branche bekämpft sich gerade“, sagt Datenschützer Weichert. Denn in einem Zeitalter, in dem sich die Fahrzeuge mehr und mehr automatisierten und vernetzten, gebe es einen großen Wettbewerb um die Daten. Dass sich trotz der damit verbundenen Bedenken ein großer Kundenkreis erschließen lässt, davon geht der Datenschützer fest aus. Widerstandslos hinnehmen will er die Entwicklung aber dennoch nicht. „Wenn am Ende die spurenlose, anonyme Fahrt ohne Telematikbox mit einem höheren Normaltarif bestraft wird“, so Weichert, „dann wäre der Gesetzgeber gefordert.“

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Ein Artikel von
Jens Kiffmeier
Wirtschaftsredaktion

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