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Verdi Bsirske will’s wissen

Der Verdi-Chef ruft einen Streik nach dem anderen aus – und erforscht selbstbewusst die Grenzen des Möglichen

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Verdi-Chef Frank Bsirske ist bei vielen Streiks vor Ort.

Quelle: Boris Roessler/dpa

Mag sein, dass seine Gewerkschaft gerade den heftigsten Arbeitskampf ihrer Geschichte ausficht. Frank Bsirske findet dennoch Ruhe zum Lesen. Neulich stieß er bei der Lektüre auf einen Ausdruck des französischen Historikers Fernand Braudel, der vom „Inventar des Möglichen“ schrieb. Das „Mögliche“ waren Kostbarkeiten aus fernen Weltgegenden, die europäische Seefahrer in ihren Lagerhäusern bunkerten, wie ein Versprechen auf eine rosige Zukunft. Der Ausdruck hat dem Verdi-Chef gefallen.

 Bsirske greift ihn häufig auf, als er in der Berliner Verdi-Zentrale vor Gewerkschaftern auftritt. Es geht um die digitale Gesellschaft, auch um Computer, Roboter, Sensoren, die den Menschen Arbeit wegnehmen. Trotzdem spricht Bsirske vom „Inventar des Möglichen“. Da schwingt keine Angst mit, sondern der Anspruch auf eine rosige Zukunft, der Anspruch auf Gestaltung der Arbeitswelt, wie sie Bsirske gefällt. Er will jetzt sehen, was möglich ist.

 Derzeit eröffnet die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi immer neue Streikfronten. Kaum waren die Erzieher nach langen Wochen des Ausstands in die Kitas zurückgekehrt, traten die Postboten in den Streik, unbefristet. Im Frühjahr gab es Warnstreiks im öffentlichen Dienst, beim Lufthansa-Bodenpersonal, im Einzelhandel, bei den Versicherungen. Und in den Versandzentren des Onlinehändlers Amazon reiht sich seit gut zwei Jahren Streikaktion an Streikaktion.

 Wo in diesen Tagen Trillerpfeifen schrillen und Banner in Kameras gehalten werden, ist Bsirske nicht weit. Man fragt sich schon, woraus er das Selbstbewusstsein und den Tatendrang für seinen Konfrontationskurs schöpft. Denn es ist ja nicht so, dass Verdi Erfolg für Erfolg einfahren würde. Genau genommen spricht sogar sehr wenig dafür, dass die Gewerkschaft in absehbarer Zeit als Sieger aus all diesen Auseinandersetzungen hervorgehen wird. Und dann will sich der 63-Jährige auch noch im September zur Wiederwahl stellen. Warum also jetzt der Klassenkampf, Herr Bsirske? „Weil wir uns selbst und das, was wir sagen, ernst nehmen.“

 Bsirske hat seine festen Überzeugungen. Er hat aber auch für einen Gewerkschaftsfunktionär eine recht abwechslungsreiche Vita. Nach dem Politikstudium war er Bildungssekretär der Sozialistischen Jugend Deutschlands, arbeitete dann für die Grünenfraktion in Hannover, bevor seine Gewerkschafterkarriere 1989 bei der ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) begann. Als Sekretär, als Vize-Geschäftsführer, als Stellvertreter des Landeschefs. Dann wechselte er die Seiten: Hannovers Grüne hievten ihn 1997 ins Personaldezernat, Bsirske war drei Jahre lang Arbeitgeber, Chef von 10000 Mitarbeitern. Er weitete die Öffnungszeiten der Bürgerämter aus, von Privatisierungen oder Stellenstreichungen hielt er aber nichts. Das ebnete ihm auch den Weg zurück zur Gewerkschaftsseite, bis an die Bundesspitze der ÖTV, die er 2001 mit vier weiteren Einzelgewerkschaften zu Verdi verschmolz. Seither steht er der Potpourri-Gewerkschaft mit heute zwei Millionen Mitgliedern vor. Er ist ihr Gesicht, ihre Stimme. Ohne Kompromissbereitschaft ist der Job nicht zu machen. Wie sonst soll man Archivare, Bankangestellte, Feuerwehrleute, Pfleger, Friedhofsgärtner unter einen Hut kriegen?

 Bsirske gilt manchem als leibhaftiger Widerspruch. Doch es sind oft nur scheinbar Widersprüche. Sie erklären sich aus den vielen konträren Interessen in seiner vom Mitgliederschwund geplagten Jedermann-Gewerkschaft. Da befürchtet man schon, dass sich der Verdi-Chef im Klein-Klein der Organisation verheddert – und irrt. Bsirske hat das große Ganze im Blick. Er spricht davon, dass „Weichen gestellt“ werden und „paradigmatische Auseinandersetzungen“ geführt werden müssen. Er sagt: „Wir tragen einen Kulturkampf in der Arbeitswelt aus.“ Über dessen Gelingen würden nicht so sehr Prozentzuwächse und Tariflaufzeiten entscheiden. Es gehe um Grundsätzliches, betont Bsirske, kommt auf die Erzieher zu sprechen und gerät ins Schwärmen. „Der Arbeitskampf war überfällig. Nie im Leben hätte ich so eine Resonanz für möglich gehalten. Zu den Großkundgebungen kamen jedes Mal Tausende mehr, als wir erwartet hatten – da ist eine richtige Bewegung entstanden“, sagt er und ballt die Faust. „Die Frauen haben ein Berufsethos entwickelt, einen Facharbeiterstolz.“

 Der Kampf der Erzieherinnen beflügelt Verdi. Aber es ist doch etwas anderes, ob eine Gruppe Lust auf mehr hat, wie die Erzieher, oder ob sie den Verlust von Standards fürchtet, wie die Paketzusteller. „Stimmt“, sagt Bsirske, „bei der Post führen wir einen Abwehrkampf, hier und bei Amazon geht es um die Frage, welche Kultur unsere Arbeitsbeziehungen prägen soll. Amazon steht für die Abkehr von der Sozialpartnerschaft, und die Post sucht ihresgleichen: Ich habe noch nie erlebt, dass ein Unternehmen mit einer so großen Kapital- und Marktmacht wie die Deutsche Post die Löhne derart drückt.“

 Bsirske ist fest entschlossen, einer kämpferischen Gewerkschaft vorzustehen. Überzieht er? „Nein“, sagt der Jenaer Gewerkschaftsforscher Prof. Klaus Dörre. „Bsirske zwingt seinen Leuten die Streiks ja nicht auf, sie schätzen ihn dafür, dass er die Stimmung in den Betrieben aufgreift. Dort registrieren wir eine zunehmende Bereitschaft zum Arbeitskampf in Bereichen, wo wir dies noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten: in Dienstleistungs-, Frauen- und Sozialberufen, selbst bei prekär Beschäftigten.“ Es scheint, dass Frank Bsirske sein Inventar des Möglichen noch aufstocken kann.

Von Marina Kormbaki

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