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„Auf der Werft war tote Hose“

Vor 60 Jahren „Auf der Werft war tote Hose“

Es war sechs Uhr morgens und leicht neblig, als vor 60 Jahren in Kiel der längste Streik in der deutschen Geschichte begann. Für 114 Tage legten Metaller in Schleswig-Holstein ihre Arbeit nieder, um Lohnfortzahlungen im Krankheitsfall, mehr Urlaub und zusätzliches Urlaubsgeld durchzusetzen.

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Immer wieder gingen die Metaller auf die Straße, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. „Zusammenstehen in Rat und Tat, bis man uns mehr zu bieten hat“, hieß es in einem damaligen Streikgedicht. Die Arbeiter zogen auch in einem nächtlichen Fackelzug durch die Kieler Innenstadt, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Quelle: IG Metall

Kiel. „Die Angestellten kriegten die Lohnfortzahlung, wir nicht. Der Ärger über diese Ungerechtigkeit hatte sich hochgeschaukelt“, erinnert sich Ernst Bergmann (83), der zu jener Zeit als Maschinenbauer bei den Kieler Howaldtswerken arbeitete.

 Mit Beginn der Frühschicht gingen er und rund 25000 Metallarbeiter im Land am 24. Oktober 1956 in den Ausstand. Elf Werften – darunter die Howaldtswerke und die Rendsburger Nobiskrug-Werft – und fünf größere Betriebe der Metallindustrie wie MaK in Kiel waren betroffen. Auch in Lübeck, Flensburg, Elmshorn und Lauenburg wurde gestreikt.

 „Auf der Werft war tote Hose. Sonst waren wir ja 11000 und mehr Arbeiter, die wie die Ameisen herumliefen“, sagt Bergmann. Die Auftragslage sei gut gewesen, häufig habe er Überstunden machen müssen und auch sonnabends und sonntags „geknüppelt“. „Während des Streiks haben nur noch die Meister und die Lehrlinge gearbeitet.“

 350,30 Deutsche Mark netto verdiente ein verheirateter Arbeiter mit zwei Kindern im Schnitt im Monat. Wurde er krank, so erhielt er an den ersten drei Tagen – der Karenzzeit – gar kein Geld und erst danach Haus- und Krankengeld. Lag er vier Wochen im Bett, so bekam er 175,18 DM, also die Hälfte seines normalen Einkommens. Weil der Mann meist Alleinernährer war, bedeutete jede längere Erkrankung für Familien einen enormen Einschnitt.

 Die Arbeitgeberverbände erklärten damals, eine Lohnfortzahlung vergrößere die Neigung zum Krankfeiern erheblich. Sie schalteten in Zeitungen eine Anzeige, auch in den Kieler Nachrichten. Die gewerkschaftlichen Forderungen seien nicht tragbar, hieß es: „Ihre Verwirklichung gefährdet die heimische Wirtschaft und damit die Arbeitsplätze der Arbeitnehmer und die wirtschaftliche und soziale Lebensleistung der gesamten Bevölkerung in Schleswig-Holstein.“

 Nach und nach dehnte die Gewerkschaft den Arbeitskampf auf weitere Unternehmen wie die Nordischen Stahlwerke in Neumünster oder Sauer & Sohn in Eckernförde aus, sodass am Ende 38 Betriebe mit rund 34000 Mitarbeitern bestreikt wurden. Laut der IG Metall gab es nur rund 800 Streikbrecher. „Denen haben wir später alle die kalte Schulter gezeigt“, erzählt Bergmann.

 „Die Werft war ganz schön unter Druck. Die Schiffe wurden ja gebraucht, und Termine mussten gehalten werden.“ Die Geschäftsleitung der Howaldtswerke schätzte den Umsatzverlust durch den Arbeitskampf damals auf rund 100 Millionen DM. Streikleiter Herbert Sühring sorgte sich derweil um den Einfluss der Ehefrauen auf die Streikmoral. „Manche lieben es nicht, wenn der Mann den ganzen Tag in der Küche herumsteht“, zitierte ihn der „Spiegel“ im November 1956. Um die Männer und ihre Familien bei Laune zu halten, organisierte die IG Metall Streikrevues in der Ostseehalle, mietete Lichtspieltheater und zeigte kostenlos Filme oder veranstaltete Hausfrauennachmittage.

 Bergmann war zwar verlobt, wohnte aber noch bei seinen Eltern. „Ich hab die Zeit gut rumgekriegt“, sagt er. „Ich bin dreimal die Woche im Kino gewesen.“ Regelmäßig war der damals 23-Jährige als Streikposten eingeteilt und stand vorm Werfttor Wache. Einmal in der Woche ging er in sein Streiklokal in Gaarden. „Dort haben wir abgestempelt und es gab Geld.“ Etwa 50 bis 60 DM erhielten die Streikenden als Unterstützung. In der Weihnachtszeit erfuhren sie große Solidarität, aus der ganzen Republik schickten Menschen Päckchen an die Küste, damit ihr Gabentisch nicht leer blieb.

 Die Arbeiter hielten durch. Schlichtungsversuche von Ministerpräsident Kai-Uwe von Hassel scheiterten. Auch als sich Kanzler Konrad Adenauer einschaltete, kam es zu keiner Einigung, die die Arbeiter zufriedenstellte. Erst ein überarbeiteter Vorschlag des Bonner Abkommens schaffte es durch die vierte Urabstimmung. Das Ergebnis nach 16 Wochen Ausnahmezustand: Die Höhe des Lohnausgleichs im Krankheitsfall betrug 90 Prozent des Nettolohns. Ein Durchbruch auf dem Weg zur Gleichstellung mit Angestellten.

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