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Bachflohkrebse im Wasserwerk

Neue Idee aus Kiel Bachflohkrebse im Wasserwerk

Bei den Berliner Wasserwerken lösen Bachflohkrebse die Moderlieschen ab. Künftig werden die Krebse das Trinkwasser in der Hauptstadt überwachen und nicht mehr die zur Familie der Kleinkarpfen gehörenden Fische. Die Idee hat eine Firma aus Kiel entwickelt, und sie stößt nicht nur in Berlin auf großes Interesse.

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Die Bewegung des Bachflohkrebses weist auf die Reinheit des Wassers hin.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Die Qualität des Trinkwassers wird in Deutschland sehr streng überwacht. Um zu verhindern, dass Keime oder Schadstoffe ins Netz gelangen, messen Wasserbetriebe stetig pH-Wert, Trübung, elektrische Leitfähigkeit, Sauerstoffgehalt und weitere Parameter online; regelmäßig werden zudem Proben entnommen und im Labor analysiert. Darüber hinaus setzen die Betriebe auch auf sogenannte Biotoximeter, das sind Behälter mit Lebewesen, durch die das Wasser strömt. Bislang nutzten die Berliner die Kleinkarpfen. Sobald sie sich aufgeregt bewegten oder sich nur in einem bestimmten Teil des Beckens aufhielten, wurde Alarm ausgelöst. Biotoximeter können auch mit Algen, Muscheln, Wasserflöhen und Bakterien betrieben werden – und mit Bachflohkrebsen. Wirbeltiere wie Fische sollen künftig nicht mehr für solche Wasseranalysen eingesetzt werden.

Die Idee wurde ganz wesentlich von der Kieler Firma Walter Tecyard entwickelt, einem Ableger des Walterwerks. Wie aber ist man beim Weltmarktführer für Waffelbackmaschinen auf den Krebs gekommen? Da habe zunächst der Zufall ein Rolle gespielt, berichtet Angelika Eule, geschäftsführende Gesellschafterin beim Walterwerk und Geschäftsführerin der Tecyard. Der kleine Ableger ist so etwas wie die Ideenschmiede des Werkes. Weil aber Entwicklungsarbeiten rund um Waffelbackmaschinen die Mitarbeiter nicht auslasten, werden auch Konstruktions- und Entwicklungsaufträge von anderen Firmen angenommen. Vor Jahren wollte eine Biologin ein Biotoximeter bei Walter Tecyard bauen lassen. Doch die Idee war nicht ausgereift und wurde daher nicht weiterverfolgt.

Vor rund vier Jahren aber griffen Angelika Eule und ihr Team das Projekt wieder auf und begannen systematisch mit der Entwicklungsarbeit. Dafür nutzten das Unternehmen ein Netzwerk und holte sich so das notwendige Know-how hinzu. Biologen des Zoologischen Instituts untersuchten beispielsweise das Verhalten von Gammarus pulex. Die Bachflohkrebse leben vor allem in sauberen und sauerstoffreichen Bächen und Flüssen und sind deshalb besonders geeignet, weil sie auf Verunreinigungen besonders sensibel reagieren. Auch die Geowissenschaftlern der Uni steuerten Know-how bei. Und mit der Kieler Firma Sensatec (Friedrichsort) fand Walter Tecyard einen Partner, der schon seit Jahren erfolgreich auch auf dem Gebiet der Biotoximeter-Überwachung tätig ist. Eine besondere Herausforderung für das Walter-Team sei es gewesen, eine Software zu entwickeln, die die Bewegungsmuster der Bachflohkrebse analysiert und erst dann einen Alarm auslöste, wenn die Tiere sich untypisch verhalten. Und schließlich mussten das Gerät und die Pflege der Tiere benutzerfreundlich sein.

Nun ist das Gerät marktreif. In jedem Gerät sind acht Krebse im Einsatz, nach einer Woche werden sie ausgetauscht und können sich in einem Sammelbecken erholen. An den Kontrollpunkten werden immer mehrere Geräte eingesetzt. Angelika Eule sieht großes Potenzial für das neue Produkt. Die Berliner Wasserwerke sind der erste große Kunde. Aber es gibt bereits zahlreiche Anfragen von anderen deutschen Wasserwerken und auch schon aus dem Ausland. Neben Wasserwerken können Fischzuchtbetriebe und Getränkehersteller das Produkt einsetzen. Und Walter ist nebenbei auch zu einem Krebszüchter geworden. Da man in ganz Europa keinen Lieferanten für lebende Bachflohkrebse gefunden habe, berichtet Angelika Eule, züchte das Unternehmen nun selbst die kleinen Tierchen.

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