7 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Watteweiches Wunder am Stäbchen

Marktführer produziert in Schleswig-Holstein Watteweiches Wunder am Stäbchen

Schleswig-Holstein ist nicht nur das Land zwischen den Meeren, sondern auch Heimat für Weltmarktführer. Einer davon ist der Wattestäbchenproduzent Pelz aus Wahlstedt. Seine Q-Tips werden von den Kunden nicht nur zum Ohrenausputzen geschätzt.

Voriger Artikel
Greenpeace protestiert an Shell-Tankstellen gegen Arktis-Bohrungen
Nächster Artikel
Industrieflächen in Hamburg knapp - Anbieter ziehen ins Umland

Geschäftsführer Dr. Nikolas P. Bastian achtet auf die Qualität der Q-Tips aus dem Hause W. Pelz GmbH & Co. KG.

Quelle: Schaller

Wahlstedt. Die Platte leiert, beim CD-Abspielen knackt und springt es, und auch das Tonbandgerät gibt komische Töne von sich: Viele dieser technischen Fehler sind mit einer einfachen Handbewegung zu erledigen – dem Griff zum Wattestäbchen. „Davon habe ich immer Dutzende in Reichweite“, erzählt Andreas Linnemann (55) von der Reparaturwerkstatt des Hi-Fi-Geschäfts. „Hauptsache, die sind schön wattig.“ Seit 26 Jahren repariert der Elektrotechnikingenieur täglich fünf Geräte aus ganz Deutschland, mehr als 30000 Geräte sind bereits durch seine kundigen Hände gewandert – die meisten davon als hoffnungslose Fälle. „Mit etwas Öl für die Antriebsachsen auf dem Q-Tip oder Reinigungsmitteln für die staubigen Linsen, und die Geräte sind im Nu sauber und die Antriebsriehmen gehen wieder wie geschmiert.“

 Alles Dank eines kleinen Helfers – dem Q-Tip. Und genau dieser Helfer ist in Schleswig-Holstein Zuhause, genauer gesagt bei der Firma Pelz in Wahlstedt bei Bad Segeberg. Zwischen den beiden Weltkriegen entdeckte Firmengründer Willy Pelz die Verbandswatte als zukunftsträchtige Branche und baut seitdem seine Geschäfte auf Watte. 1948 als Familienunternehmen in Wahlstedt neu gegründet, produzierte Pelz von Polsterwatte, kosmetischer Watte, bis zu Wattekugeln und Wattepads als eines der ersten Unternehmen in Deutschland auch Wattestäbchen – jedoch nicht das Original, sondern für Discounter und die eigene Produktlinie Jean Carol. Vor neun Jahren erwarb die Firma die Rechte des amerikanischen Urwattestäbchens für ganz Europa, dem Q-Tip. Seither werden von Oslo bis Lissabon die Ohren mit dem Markenprodukt aus Wahlstedt gesäubert. 1926 von dem Amerikaner Leo Gerstenzwang erfunden, als er sah, wie seine Frau normale Watte an ein Holzstäbchen wickelte, um ihrem Baby die Ohren zu säubern. Nach anfänglichen Startschwierigkeiten unter dem Namen Baby Gays entwickelte sich das Q-Tip zu dem Weltmarktführer (Q meint dabei Quality, Tip das Ende aus Watte) und steht mittlerweile als Synonym für eine ganze Produktsegment.

Aber vor der Produktion müssen zuerst die riesigen Baumwollberge gesäubert werden. Die Firma Pelz ist dabei hauptsächlich an den Kämmlingen interessiert – kurzen Fasern, die nicht für die Textilherstellung geeignet sind. „Man denkt, man nimmt ein Abfallprodukt, aber die Geldscheinindustrie ist ebenfalls sehr an diesem kurzen Flaum interessiert“, verrät Dr. Nikolas Bastian, Geschäftsführer der Firma Pelz und als Schwiegersohn in dritter Generation des Familienunternehmens tätig. Der gelblichen und fetthaltigen Baumwolle aus der Türkei, Indien oder Pakistan wird durch ein internes Bleichverfahren das Fett entzogen, um die Fasern saugfähig für den kosmetischen Bereich zu machen. Denn neben Q-Tips gehören auch Wattepads und Damenbinden zum Sortiment der Wahlstedter.

350 Tonnen Baumwolle gehen pro Monat durch die riesige Waschküche, um zu strahlend weißen Wollballen verarbeitet zu werden. Durch Kämmen und Spulen wird aus den meterlangen Ballen flauschiges Garn, das in der Q-Tip-Maschine abgespult wird. In der Maschine trifft die Watte auf elastische Kunststoffstäbchen. Im Minutentakt spuckt die Maschine rund 2000 Stäbchen aus, die in Faltboxen im nostalgischen Stil oder mit Ampelmännchendruck verpackt werden. „Wir lassen uns vier bis fünf Mal im Jahr ein neues Design einfallen“, erklärt Bastian. Ob mit oder ohne bunte Verpackung – am Ende landen die Stäbchen aus Wahlstedt auch auf dem Tisch von Profi-Reparateur Andreas Linnemann: „200 Stück benötige ich locker im Monat.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel