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Abschied von der Schachtel

Zigarettenetuis Abschied von der Schachtel

Verfaulte Zähne, eine kaputte Lunge oder Raucherbeine: Wer jetzt am Kiosk auf das Zigarettenregal blickt, schaut auf ein Horrorkabinett. Um sich von den ekligen Bildern nicht den Genuss verderben zu lassen, stecken immer mehr Raucher ihre Schachteln in Hüllen oder füllen ihre Zigaretten kurzerhand um.

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Tabakladen in der Andreas-Gayk-Straße in Kiel: Mitarbeiterin Karen Böhnke hinter einer Auswahl von Hüllen für die Zigarettenschachteln mit den Schockbildern.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. „Die Nachfrage nach Etuis ist enorm gestiegen“, sagt Lars Haese, Juniorchef des Lübecker Familienbetriebs Tabak Haese, der auch den Online-Shop „Tabak-Börse 24“ betreibt. „Wir haben einen Hauptlieferanten, der kann einige Modelle schon gar nicht mehr nachliefern.“ Rund 100 verschiedene Boxen und Etuis hat Haese im Netz im Angebot, von der günstigen Kunststoffbox für 1,60 Euro bis zum silberglänzenden Metalletui für 92 Euro. Die hochpreisigen Designs aus Metall und Ledertaschen seien besonders nachgefragt. Außer den klassischen Etuis finden sich im Internet aber auch viele selbstgemachte Taschen aus buntem Stoff oder Filz und gestrickte oder gehäkelte Hüllen für die Pappschachteln. Allein bei der Handmade-Plattform Dawanda sind fast 400 Angebote gelistet.

 Das Verhüllen dürfte nicht im Sinne der EU-Parlamentarier sein. Sie wollten mit der Tabakrichtlinie erreichen, dass Raucher von den Fotos abgeschreckt werden. Seit dem 20. Mai 2016 müssen Zigarettenproduzenten ihre Schachteln mit großflächigen Schockbildern bedrucken. Die 42 Motive, die zum Beispiel ein Loch im Hals oder amputierte Füße zeigen, sollen zusätzlich zu schriftlichen Warnhinweisen, die negativen Folgen des Rauchens für die Gesundheit verdeutlichen. Weil die Tabakindustrie aber schnell nochmal so viele alte Verpackungen wie möglich produziert hatte, bevor die Richtlinie in Kraft trat, und eine Übergangsfrist von einem Jahr gilt, bis zu der die Restbestände abverkauft sein müssen, sind vielerorts erst jetzt die ersten Schachteln mit Warnbildern im Verkauf.

 Auch bei Tabakwaren Schwandt in der Kieler Andreas-Gayk-Straße stehen noch alte Schachteln zwischen denen mit den Gruselbildern. Hier finden Kunden, die die ekligen Aufdrucke lieber verdecken möchten, im Regal neben dem Verkaufstresen eine Auswahl an Behältern: Blau mit Glitzer, bedruckt mit einem Drachen, in schlichtem Schwarz. „Die hatten wir schon immer“, sagt Verkäuferin Karen Böhnke. Sie habe nicht das Gefühl, dass sie jetzt viel häufiger danach gefragt werde. Böhnke zeigt eine rot melierte Plastikkbox. „In die passt die ganze Schachtel hinein.“ Daneben stehen schmale Etuis aus Leder und Metall, die Platz für 15 bis 18 Zigaretten bieten. „Wir verkaufen von den Etuis geringfügig mehr. Manche Raucher stecken ihre Zigaretten auch einfach in alte Schachteln ohne Aufdruck“, sagt Ladeninhaber Guido Schwandt, der außer zwei Filialen in Kiel auch Tabakläden in Schwentinental, Rendsburg und Husum betreibt. „Es nimmt aber schon zu, dass die Leute ihre Zigaretten umfüllen.“ Das könne natürlich zeitweise zu einem guten Zusatzgeschäft mit den Hüllen führen, lange werde das aber wohl nicht anhalten. „Über kurz oder lang werden sich die Raucher an die Schockbilder gewöhnen. Das war schon bei den schriftlichen Warnhinweisen so“, sagt Schwandt. Er glaubt nicht, dass die Leute deswegen weniger Zigaretten kaufen.

 Was den Geschäftsmann allerdings ärgert, sind die Auswirkungen der Bilder auf seine gesamte Kundschaft. „Ich verkaufe ja auch Zeitschriften und Süßwaren, meine Kunden sind also auch Nichtraucher und Kinder“, sagt Guido Schwandt. „Die müssen die Bilder jetzt auch sehen. Ich halte das für unglücklich von der Politik“

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Ein Artikel von
Anne Holbach
Wirtschaftsredaktion

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