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Fleischlos leben – eine Herzenssache

Zwergenwiese Fleischlos leben – eine Herzenssache

Immer mehr Menschen greifen bewusst zu fleischlosen Alternativen auf dem Teller. Eine Bio-Pionierin der ersten Stunde ist Susanne Schöning. Mit ihrer Firma Zwergenwiese aus der Nähe von Schleswig stellt sie vegetarische und vegane Brotaufstriche her.

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Da darf man schon stolz sein: Geschäftsführerin Susanne Schöning vor ihren Zwergenwiese-Produkten.

Quelle: Michael Kaniecki

Silberstedt. Eine Geschichte von der Landkommune zur Unternehmerin. Ein Schulabschluss und ein Schreibmaschinenkursus: Mehr hatte die gebürtige Neumünsteranerin Susanne Schöning nicht, als sie sich entschloss, in einer Landkommune bei Karlsruhe ein völlig neues Leben zu beginnen. Das war 1979. Und die Biobranche steckte damals noch in den Kinderschuhen.

Eigenes Gemüse, viel Platz und wenig Geld: Die junge Mutter Schöning begann sich verstärkt mit bewusster Ernährung auseinanderzusetzen und experimentierte fleißig in der Hofküche mit Sonnenblumenkernen und Zwiebeln. Der Zwiebel-Schmelz als Alternative zum Schweineschmalz wurde ihr förmlich aus den Händen gerissen, ein Biomarkt im Nachbarort übernahm ihn ins Sortiment. „Damals konnte man noch einfach mit dem Essen ausprobieren. Die Töpfe wurden immer größer, und wir mussten immer mehr rühren“, berichtet Geschäftsführerin Susanne Schöning von ihrer Anfangszeit. Es war der Startschuss für das heute umsatzstarke Unternehmen.

Bruschesto wird gerade produziert. Zwei Sorten täglich können in Silberstedt hergestellt werden. Dann werden die Maschinen für neue Sorten gereinigt.

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„Genfood? Nein danke!“, prangt groß an der Eingangstür zum Unternehmenssitz in der 2000-Seelen-Gemeinde Silberstedt bei Schleswig. Nachdem sich die Kommune aufgelöst hatte, zog es die Bio-Pionierin wieder in den heimatlichen Norden. Seit 1996 hat die Zwergenwiese ihren Sitz in Silberstedt. 107 Mitarbeiter arbeiten mittlerweile im Betrieb, 100 000 Gläschen gehen hier am Tag übers Band. Tendenz steigend. Darin befinden sich Sendi (Senf-Dill-Aufstrich), Chilinake (aus Chili und Pastinaken) oder Kokolim (ein Brotaufstrich aus Kokos und Limetten), Marmeladen oder Ketchup. Insgesamt sind es 100 Sorten. Und es werden ständig mehr.

Das neueste Produkt heißt Lupi-Love und ist ein Aufstrich aus der Süßlupinenbohne, die in Mecklenburg-Vorpommern gedeiht. Sie hat einen entscheidenden Vorteil: „Wir brauchen für die gesamte Produktion keine Sojabohnen und sind von Importen unabhängig. Und wir leisten außerdem Pionierarbeit beim Züchten dieser seltenen Sorte“, erklärt Schöning. Die 60-Jährige gestikuliert gerne beim Reden und unterstreicht ihre Aussagen energisch. Arbeit hält jung.

Im Werk warten Tomatenmark und Sonnenblumenkerne auf ihre Verarbeitung, es duftet nach der Sorte Bruschesto. „Für mich ist gut, dass es nicht nach Schokolade riecht“, sagt Schöning lachend. Die Produkte für ihre Aufstriche kommen überwiegend aus der Region, die Möhren sind aus Dithmarschen, die Äpfel aus dem Alten Land, und immer mehr Rohstoffe kommen aus dem regionalem Vertragsanbau mit den Landwirten um die Ecke.

In Schönings Büro tummeln sich Zwerge. Selbst der Dalai Lama strahlt mit einem traditionellem roten Spitzhut, der an eine Zipfelmütze erinnert, von einem Foto. „Immer, wenn einer von uns irgendwo mal einen netten Zwerg sieht, nimmt er ihn mit hierher. Wir sind so eine Art Zwergen-Arche.“ Eine Zwergen-Arche bei der Zwergenwiese. Der märchenhafte Name hat einen ganz realen Hintergrund: Als in den 1970er-Jahren die ersten Biomarken auf den Markt kamen, wollten sich diese bewusst vom Image der herkömmlichen Lebensmittelindustrie abgrenzen. „Wir wollten zeigen, dass wir auf einem ganz anderen Weg als die 0815-GmbHs dieser Welt sind“, sagt Schöning. Die 60-Jährige ernährt sich seit den Anfängen vegetarisch. „Ich bin da nicht dogmatisch, aber es ist einfach sinnvoll.“ Der Verzicht auf Fleisch sei der erste Schritt, und die vegane Ernährung und damit den Verzicht auf jegliche tierischen Produkte hält sie auf lange Sicht für die Lösung für viele ernährungsbedingte Gesundheitsprobleme.

Dass fleischlose Ernährungsformen auch ein Trend sind, begrüßt die Unternehmerin. „Ich finde es großartig, dass so viele Menschen vegetarisch und vegan leben wollen. Bewusst beteiligen sie sich nicht am Tierleid der Massenproduktion und am Raubbau unserer Ressourcen. Das ist keine Laune, sondern ein politisches Statement. Es ist ja fragwürdig, welcher Industriemüll heute im Essen ist und wie weit weg wir von der „Scholle“ sind.“

Ihr Herzensanliegen bleibt die bewusste biologische Ernährungsweise. „Wir aus der Biobranche sind auch auf einem politischen Weg.“ Kleinere (M) Chargen, eine nachhaltigere Produktion und Verzicht auf Zusätze: Wenn man Umweltschäden, Raubbau und tiefe Löhne bedenkt, spiegelt der Discount Preis oft den wahren Wert der Lebensmittel nicht wider, sodass Bio teurer erscheint. Oft sind es die jungen, aufgeklärten Eltern die mit ihrem ersten Kind den Weg in den Bioladen finden, so Schöning.

Die steigenden Verkaufszahlen geben ihr Recht. Das Unternehmen ist auf Expansionskurs. „Überwiegend liefern wir nach Deutschland“, sagt Susanne Schöning. Die kleinen Gläser aus Schleswig-Holstein werden aber auch in die Schweiz, nach Österreich, Belgien, die Niederlande, Dänemark und sogar bis nach Japan geliefert. Nur noch selten experimentiert sie in der privaten Küche. „ Doch Manchmal bekomme ich eine Kreativattacke und muss unbedingt ausprobieren, ob etwas geschmacklich zusammenpasst oder nicht. Das klappt mal mehr oder auch weniger.“

Der Bestseller ist bis heute die erste Kreation: Zwiebel-Schmelz. Eine Lieblingssorte hat Schöning dennoch nicht: „Wie soll man zwischen all den liebgewonnenen Produkten eines am liebsten haben.“ Und bei 100 Sorten soll noch lange nicht Schluss sein.

 Vegetarische und vegane Ernährung

Über fünf Millionen Menschen in Deutschland leben vegetarisch oder vegan. Die Vegetarier verzichten auf Fleisch und größtenteils auch auf Fisch. Auch Gelatine als Verdickungsmittel in Süßigkeiten meiden sie. Bei der veganen Ernährung wird auf jegliche Produkte tierischen Ursprungs verzichtet. Darunter auch Lab, ein Enzym, welches für die Käseherstellung aus Kälbermägen gewonnen wird. Köche wie Attila Hildmann („Vegan for fun“) und Björn Moschinski („Vegan kochen für alle“) feiern mit veganen Kochbüchern große kommerzielle Erfolge.

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Ein Artikel von
Imke Schröder
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