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Die dunkle Seite des Spiels

Sexskandal in England Die dunkle Seite des Spiels

Der englische Fußball wird von einem Missbrauchsskandal erschüttert. Immer mehr Spieler berichten von Übergriffen in Jugendmannschaften.

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„Ich war völlig verängstigt“: Der ehemalige Fußballspieler Paul Stewart sagt nun öffentlich, dass er jahrelang missbraucht wurde

Quelle: dpa

London. Seine Stimme ist brüchig, die Augen glänzen. Paul Stewart fällt es nicht leicht, seine Erinnerungen in Worte zu fassen. Doch der ehemalige britische Fußballstar, der unter anderem für den FC Liverpool, Manchester City und Tottenham Hotspur aktiv war, hofft, mit seiner Geschichte etwas verändern zu können. Ab dem Alter von elf Jahren wurde er täglich von seinem Jugendtrainer sexuell missbraucht. „Er hat mir gesagt, dass ich diese Dinge tun muss, wenn ich ein Profifußballer werden will“, sagt der heute 52-Jährige. Die Fußballkarriere – das war der große Traum eines kleinen Jungen. „Er drohte mir, meine Eltern und meine zwei Brüder umzubringen, wenn ich jemals etwas verraten würde. Ich war völlig verängstigt.“ Erst mit 15 Jahren entkam Stewart seinem Trainer, er wurde bei Blackpool unter Vertrag genommen. Sein Debüt als Profi machte er zwei Jahre später, spielte dann jahrelang in der Premier League und lief auch im englischen Nationaltrikot auf. Die Erlebnisse als Teenager ließen ihn aber niemals los, jetzt ging er an die Öffentlichkeit. Und seine Geschichte ist nur eine von vielen, die derzeit in Großbritannien ans Licht kommen.

Seit Tagen melden sich ehemalige Fußballprofis und Amateure zu Wort und erzählen, wie sie in den Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahren von Jugendtrainern sexuell missbraucht worden seien. Den Anfang machte der 43-jährige frühere Spieler Andy Woodward, der vor knapp drei Wochen im „Guardian“ von seiner Leidenszeit im Alter zwischen elf und 15 Jahren beim Club Crewe Alexandra berichtete. Daraufhin brachen auch andere ihr Schweigen, etwa Steve Walters von Crewe, David White, ehemaliger Profi von Manchester City, sowie David Eatock, der bei Newcastle United unter Vertrag stand und erst in der vergangenen Woche seine schrecklichen Erfahrungen schilderte.

Dann erhob der ehemalige Profi Gary Johnson schwere Vorwürfe gegen den FC Chelsea. Ihm zufolge haben ihm die Blues im Juli 2015 50 000 Pfund Schweigegeld bezahlt, um zu verhindern, dass Johnson mit seinem Missbrauchsfall an die Öffentlichkeit geht, berichtete er dem „Daily Mirror“. Der Verein entschuldigte sich am Sonnabend bei Johnson. Dieser habe unzumutbar in seiner Zeit als Jugendspieler leiden müssen. Jeder im Klub sei geschockt über die Missbrauchsfälle der Vergangenheit quer durch den britischen Fußball. Chelsea leitete bereits eine externe Untersuchung ein.

Es handelt sich keineswegs um Einzelfälle. Laut der Gewerkschaft PFA hätten mehr als 20 ehemalige Profis von Missbrauch berichtet. Der Polizei zufolge meldeten sich rund 350 mutmaßliche Opfer. Die Beamten ermitteln bereits in mehreren Fällen. Der „Observer“ berichtete, 55 Klubs sollen in den Skandal verwickelt sein.

Die britische Generalstaatsanwaltschaft teilte derweil mit, dass der frühere Jugendtrainer von Woodward, Barry Bennell, wegen Übergriffe auf ein Kind angeklagt wird. Der 62-Jährige galt in den Achtziger- und Neunzigerjahren als erfolgreicher und gut vernetzter Talentscout, arbeitete unter anderem für Crewe, wo er den Traum der Nachwuchsspieler auf eine große Karriere offenbar schamlos ausnutzte. In diese Zeit sollen die Vergehen fallen, die die jetzige Anklage betreffen. Der Mann, ein verurteilter Pädophiler, war Medienberichten zufolge unter anderen auch für Manchester City tätig. Eine interne Untersuchung des englischen Fußballverbands FA soll nun klären, welche Information der Verband während der relevanten Zeit hatte und welche Maßnahmen hätten ergriffen werden sollen.

Die Kinderschutzorganisation NSPCC teilte mit, dass bei einer speziell dafür eingerichteten Hotline mehr als 1000 Menschen mit Hinweisen auf sexuelle Übergriffe angerufen hätten, was deren Chef als „erschütternden Anstieg“ bezeichnete. Die Hinweise würden zumeist Missbrauchsvorwürfe aus der Vergangenheit betreffen, doch es seien auch einige aktuelle Fälle darunter.

Gareth Southgate, der neue Nationaltrainer Englands, nannte den Mut der Opfer, sich in der Öffentlichkeit zu melden, „außerordentlich“. „Die Geschichten zu hören, zerreißt einem das Herz.“ Mehrere Klubs stehen im Fokus. Neben Chelsea und Crewe, der heute in der vierten Liga spielt und in den Achtzigerjahren als Talentschmiede galt, seien laut Berichten auch Manchester City, Blackpool, Stoke und Newcastle betroffen. Einige Vereine stellen eigene Nachforschungen an.

Die Fälle wecken schreckliche Erinnerungen im Königreich. In den vergangenen Jahren wurde das Land regelmäßig von Missbrauchsskandalen erschüttert. Viele Vergehen liegen lange zurück, begonnen hat die juristische Aufarbeitung jedoch erst spät im Zuge der Ermittlungen um den mittlerweile verstorbenen Star-Moderator Jimmy Savile, der über Jahrzehnte hinweg Hunderte Kinder und Erwachsene missbrauchte und sich sogar an Leichen vergangen haben soll. Doch auch andere schillernde Prominente wie etwa der Glamour-Rocker Gary Glitter trieben damals hinter der Bühne ihr Unwesen.

Der ehemalige Fußballer Paul Stewart befürchtet, dass das Ausmaß des jetzigen Skandals noch größer, noch schlimmer als jener um Jimmy Savile sein könnte. Er vermutet Hunderte Fälle, auch wegen der Umstände: „Der Zugang zu Kindern ist im Sport sehr einfach.“ Großbritannien macht sich auf das Schlimmste gefasst.

Von Katrin Pribyl

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