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Festivalseelsorger für Metal-Fans mit Schwermut

Wacken Open Air Festivalseelsorger für Metal-Fans mit Schwermut

In Wacken feiern Metal-Fans ausgelassen zwischen Matsch, Feuer und Bass. Doch für manch einer kann auch es mal zu viel werden. Die Seelsorger auf dem Gelände haben immer ein offenes Ohr – und die Rocker wissen das zu schätzen.

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19 ehrenamtliche Festivalseelsorger sind dabei und kümmern sich bis einschließlich Samstag um die Sorgen und Nöte der mehr als 75.000 Besucher.

Quelle: epd

Wacken. „Kaddi“, Uli und Fabian und die anderen Festivalseelsorger haben alle Hände voll zu tun. Ein Rettungssanitäter bringt einen angetrunkenen und verwirrt dreinblickenden Metal-Fan vorbei. Auf dem Festivalgelände in Wacken, in dem alles im knietiefen Schlamm versunken ist, dröhnt der Bass. Einer jungen Frau kullern die Tränen übers Gesicht, mit einem Becker Kaffee verschwindet sie im Innern des Helferzelts. „Gleich am ersten Tag hatten wir die ganze Mischung“, erzählt Tilman Lautzas, der Leiter der Festivalseelsorge. „Gerade junge Besucher, deren psychische Probleme jetzt aufbrechen, kommen auf uns zu“, sagt der 59-Jährige Landesjugendpastor der Nordkirche.

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Im Matsch spielen kann so viel Spaß machen. Das wissen Kinder und ganz besonders auch Wacken-Besucher. Die schönsten Bilder.

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Das Wacken-Open-Air, das weltgrößte Heavy-Metal-Festival, ist in dem gleichnamigen schleswig-holsteinischen 2.000-Einwohner-Ort seit Donnerstag in vollem Gange. Auch 19 ehrenamtliche Festivalseelsorger der evangelischen Kirche sind dabei und kümmern sich bis einschließlich Sonnabend um die Sorgen und Nöte der mehr als 75.000 Besucher. Seit sieben Jahren organisiert die Nordkirche auf Wunsch der Wacken-Veranstalter rund um die Uhr eine eigene Seelsorge. In durchschnittlich 150 bis 200 Fällen werden die Helfer um Unterstützung gefragt, ein guter Teil wird direkt von den Rettungskräften zugewiesen, wie Organisator Lautzas erklärt.

Vor allem bei persönlichen Krisen, Knatsch in Beziehungen und Familie oder Streit ist das multiprofessionelle Team ansprechbar, das sein Zelt neben denen von Polizei und Rettungskräften am Rand des Festivalgeländes hat. Zudem sind sie dort und hinter den Großbühnen in Zweierteams unterwegs. Zum im Schichtbetrieb arbeitenden Team gehören unter anderem Sozialpädagogen, Psychologen, Mediziner, Erzieher und Theologen.

In Wacken rockt sogar die Kirche

„Viele Leute finden es gut, dass wir hier sind“, erzählt die 28-jährige Pastorin Katharina Schunck aus Rendsburg auf ihrem Rundgang durch das riesige Areal von „Holy Wacken Land“. Seit vielen Jahren ist „Kaddi“ als Helferin mit dabei. Vor allem gehe es darum, Menschen zu stärken, die aufgrund von Lärm, Alkohol, wenig Schlaf oder Chaos im Schlamm in Stress geraten sind. Die Helfer, die an ihren himmelblauen Überjacken mit gelbem „Festivalseelsorge“-Aufdruck zu erkennen sind, seien Ansprechpartner und wollten nicht christlich missionieren, macht sie deutlich.

„Trost spenden und aufmuntern“ will Fabian Schmidt aus Lübeck, der hauptberuflich in einem Pflegekinderdienst des Jugendamts arbeitet. Hin und wieder berichteten Metal-Liebhaber auch über ihre Glaubensüberzeugungen. Tiefgehende religiöse Gespräche entwickelten sich im ohrenbetäubenden Umfeld des Marathon-Konzerts mit rund 150 Bands aber nicht, ergänzt der 25-jährige Theologiestudent Sven Voß aus Kiel.

Ein Mann der ersten Stunde in der Festivalseelsorge ist Ulrich Kruse (71) aus Flensburg. Die aufsuchende Seelsorge, in der man offen und freundlich auf die Menschen zugehe, sei für die Kirche eine gute Chance, findet der bärtige ehemalige Psychotherapeut mit dem gummierten Regenhut. Innerkirchliche Kritiker der Festivalseelsorge für die angeblich kirchenfeindlichen und „satanistischen“ Metal-Fans „sind stiller geworden“, sagt er.

„Kaddi“, „Uli“, Florian und die anderen Seelsorger stoßen auf viel Interesse und Lob für ihre Arbeit beim Wacken-Publikum. „Was macht ihr eigentlich?“, wollen der 26-jährige Steffen und seine Freunde Ekaterina (24) und Randy (26) aus Speyer neugierig wissen. „Wer's braucht, ist gut“, sagt Randy, der aus der Kirche ausgetreten ist, und stapft weiter durch den Schlamm. Aus dem Seelsorgezelt huscht die zuvor in Tränen aufgelöste junge Frau: „Vielen Dank“, sagt sie, und verschwindet im Getümmel.

Von RND/epd