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Panzer und der „Segen Gottes“

Putschversuch gegen Erdogan Panzer und der „Segen Gottes“

Damit hatte kaum jemand gerechnet: Kampfjets über Istanbul, Bombenangriffe aufs Parlament, Panzer auf der Bosporus-Brücke. Die Türkei wird von einem Putschversuch gegen Präsident Erdogan erschüttert.

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Damit hatte kaum jemand gerechnet: Kampfjets über Istanbul, Bombenangriffe aufs Parlament, Panzer auf der Bosporus-Brücke. Die Türkei wird von einem Putschversuch gegen Präsident Erdogan erschüttert.

Quelle: str/ dpa

Istanbul. Die ganze Nacht fallen Schüsse, Explosionen sind zu hören, deutlich ist das Wummern schwerer Waffen zu vernehmen. Hubschrauber mit ausgeschalteten Positionslichtern kreisen. Gegen 03.30 Uhr donnern Kampfjets im Tiefflug über die Stadt am Bosporus, sie verursachen einen so heftigen Knall, dass die Erde zu beben scheint, etliche Fensterscheiben bersten. Geräusche aus einem Kriegsgebiet, mitten in der Millionenmetropole Istanbul, mitten im Nato-Staat Türkei. Es ist ein blutiger Putschversuch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan - aus dem dieser am Ende gestärkt hervorgehen wird.

Die Putschisten sollen vornehmlich aus den Reihen der Gendarmerie und der Luftwaffe stammen, sie bringen Hubschrauber und Flugzeuge in ihre Gewalt. Die Umstürzler bombardieren das Parlament und die Umgebung des Präsidentenpalastes in Ankara, und sie bringen Armeechef Hulusi Akar in ihre Gewalt. In Ankara und Istanbul lassen sie Panzer auffahren. Die Umstürzler dringen in den Staatssender TRT ein und zwingen eine Moderatorin, eine Erklärung zu verlesen.

Die Putschisten verkünden, sie hätten die Macht übernommen, um „die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte“ wiederherzustellen. Sie erlassen eine landesweite Ausgangssperre, angeblich zum Schutz der Bürger. Bei diesen Bürgern scheint zunächst tatsächlich Panik zu überwiegen. In Istanbul horten Menschen Lebensmittel und bringen sich in ihre Wohnungen in Sicherheit. Die ältere Generation erinnert sich noch mit Schrecken an den Putsch von 1980. In der gut dreijährigen Militärdiktatur danach werden rund 650 000 Menschen festgenommen, etliche werden hingerichtet.

Wo ist Erdogan?

In den ersten Stunden des Putschversuches in der Nacht zu Samstag wird eine Frage immer drängender: Wo ist Erdogan? Gerüchte machen die Runde, er wolle sich ins Ausland absetzen. Aus seinem Umfeld wird das vehement dementiert: Der Präsident sei in der Türkei, heißt es. Plötzlich wird Erdogan per Mobiltelefon mit Bild im Sender CNN Türk zugeschaltet. Der Staatschef, eigentlich auf der ganz großen Bühne zu Hause, ist gezwungen, sich mit einem Anruf bei einem für türkische Verhältnisse eher kritischen TV-Sender an die Nation zu wenden.

Aus dem Hintergrund des Handy-Bildes geht nicht hervor, wo der Präsident gerade ist - möglicherweise in seinem Flugzeug, möglicherweise auf dem Weg in seine Heimatstadt Istanbul. Dort haben die Umstürzler allerdings gerade den Tower am Atatürk-Flughafen in ihre Gewalt gebracht und allen Flugverkehr gestoppt. Ein Déjà-vu: Vor nicht einmal drei Wochen wurde dort der Flugverkehr eingestellt, weil IS-Terroristen den Flughafen stürmten.

Der Präsident hat sich eine Art nachgeholten Kurzurlaub im Badeort Marmaris an der Ägäis gegönnt - Bayram, das Fest zum Ende des Ramadan, konnte er nicht mit der Familie feiern, weil er auf dem Nato-Gipfel in Warschau war. Bei dem Anruf bei CNN Türk unternimmt Erdogan einen ebenso geschickten wie gewagten Schachzug. Er appelliert an die Türken, sich den Putschisten öffentlich entgegenzustellen.

„Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln“, sagt er. „Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen.“ Es ist ein lebensgefährlicher Appell, die Umstürzler schießen scharf auf Demonstranten. Dutzende Zivilisten werden später unter den mehr als 250 Toten dieser dramatischen Nacht sein.

Demonstranten mit türkischen Flaggen

Doch der Appell funktioniert. Nicht nur stellen Erdogans Anhänger eine Mehrheit in der Türkei, viele davon verehren ihn auch wie einen Heiligen - und wären im Zweifel wohl bereit, für ihn zu sterben. Menschenmassen strömen auf die Straßen und zum Atatürk-Flughafen. Die Demonstranten skandieren „Gott ist groß“ und „Recep Tayyip Erdogan“ - und sie rufen klar und deutlich: „Nein zum Putsch“. In Sprechchören fordern manche von ihnen die Todesstrafe für die Umstürzler.

Fernsehbilder zeigen, wie sich Bürger Panzern entgegenstellen. Auf der Bosporus-Brücke in Istanbul ergeben sich die Soldaten schließlich. Triumphierende Demonstranten mit türkischen Flaggen und Schals mit dem Namenszug Erdogans besteigen die Panzer auf der weltberühmten Brücke, die Asien und Europa verbindet.

Die Putschisten haben sich dramatisch verschätzt. Dass AKP-Wähler sie nicht unterstützen würden, damit mussten sie rechnen. Doch nicht nur Erdogan-Anhänger und weite Teile der Armee verweigern den Umstürzlern die Gefolgschaft - sondern das gesamte demokratische Spektrum der Türkei. Alle drei Oppositionsparteien - die sich untereinander spinnefeind sind - verurteilen den Putschversuch einhellig.

Wer gegen Erdogan ist, ist also nicht automatisch für den Putsch. Auch Politiker wie Oppositionschef Kemal Kilicdaroglu, der Erdogan einen „Diktator“ nennt, wollen nicht zurück zur Militärherrschaft - die ohnehin der Vergangenheit anzugehören schien. Als eine der größten Errungenschaften wurde Erdogan auch im Westen angerechnet, dass er die Macht der putschfreudigen Armee beschnitten hat.

Unter dem Druck der Menschenmassen ziehen sich die Putschisten wieder vom Atatürk-Flughafen in Istanbul zurück. Das ermöglicht Erdogans Präsidentenmaschine, dort gegen 02.30 Uhr doch noch zu landen. Jubelnde Anhänger warten auf den Präsidenten, der das erste Mal seit Beginn des Putschversuches öffentlich auftritt.

"Sie werden einen hohen Preis zahlen"

Aus Erdogans Sicht ist zu diesem Zeitpunkt längst klar, wer hinter dem Putschversuch steckt: Sein einstiger Verbündeter Fethullah Gülen, der in den vergangenen drei Jahren zu seinem Erzfeind geworden ist. Erdogan beschuldigt den in den USA lebenden islamischen Prediger, parallele Strukturen im Staat aufgebaut zu haben, um ihn zu stürzen. „Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich“, sagt Erdogan nach seiner Landung am Atatürk-Flughafen. „Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen.“

Dass Gülen - der auf Betreiben Erdogans in der Türkei zum Terroristen erklärt wurde - noch in der Nacht jede Beteiligung dementiert und den Putschversuch scharf verurteilt, fällt dabei nicht ins Gewicht. Ministerpräsident Binali Yildirim, von Erdogan im Juni ins Amt gehoben, nennt die Gülen-Bewegung am Samstag eine „niederträchtigere Terrororganisation“ als die PKK. Dass man aus staatlich-türkischer Sicht noch tiefer angesiedelt werden kann als die verbotene kurdische Arbeiterpartei, schien bis zum Putschversuch kaum vorstellbar.

Westliche Experten haben Zweifel daran, ob Gülen tatsächlich genug Einfluss im Militär besitzt, um einen Putsch zu initiieren. Nicht glaubwürdig halten sie allerdings auch die am Samstag unter Erdogan-Kritikern kursierenden (und in der Türkei ohnehin beliebten) Verschwörungstheorien. Eine davon besagt, Erdogan habe den Putsch inszeniert, um nach dessen Niederschlagung noch mächtiger zu werden. Das zeigt zwar das tiefe Misstrauen in Teilen der Gesellschaft gegenüber Erdogan. Belege gibt es aber keine. Stattdessen erschien es zwischenzeitlich so, als könnte Erdogan seine Macht verlieren.

Doch am Ende hat Erdogan sich durchgesetzt, wie bislang immer in seiner politischen Karriere. Nun dürfte er noch vehementer gegen seine Opponenten vorgehen als bislang schon. Der Putschversuch gibt ihm nicht nur dafür eine Steilvorlage, sondern stärkt auch Erdogans Forderung nach der Einführung eines Präsidialsystems mit einem starken Mann an der Spitze - nämlich ihm selber.

Der Putschversuch sei „letztendlich ein Segen Gottes“, sagt Erdogan. Er werde nun als Anlass dafür dienen, „dass unsere Streitkräfte, die vollkommen rein sein müssen, gesäubert werden“. Ob Erdogan bei dieser Säuberung bei den Gülen-Anhängern in der Armee haltmachen wird, ist fraglich. Die Putschisten haben die fragwürdige Behauptung aufgestellt, für die Demokratie in der Türkei zu handeln. Genau dieser Demokratie könnten sie einen Bärendienst erwiesen haben.

Von Can Merey, dpa

So lief der Putschversuch gegen Erdogan ab

In der Nacht zum Samstag überschlagen sich die Ereignisse in der Türkei. Angehörige der Armee wollen die Macht im Land an sich reißen. Ein Überblick über die Ereignisse:

  • Freitagabend: Die Lage ist angespannt. Die Polizei in Ankara ruft das komplette Personal zum Dienst, Krankenwagen stehen bereit. Es gibt erste Meldungen über Jets im Tiefflug. Über Istanbul kreisen Hubschrauber, Sicherheitskräfte sind in den Straßen unterwegs.
  • Gegen 22.20 Uhr: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet, Teile des Militärs hätten einen Putschversuch begonnen. „Dieser Versuch wird nicht erlaubt werden“, sagt Ministerpräsident Binali Yildirim, die Hintermänner „werden den höchsten Preis bezahlen“.
  • Die putschenden Streitkräfte melden, sie hätten die Macht in der Türkei vollständig übernommen und wollten die verfassungsmäßige Ordnung, die Demokratie und die Menschenrechte wiederherstellen.
  • Die Putschisten besetzen den Atatürk-Flughafen in Istanbul.
  • Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ruft das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen den Putsch auf - per live übertragenem Telefonanruf beim Sender CNN Türk. Viele Menschen kommen dem nach und treffen sich auf Straßen und Plätzen.
  • Über Istanbul und Ankara fliegen Kampfjets und Hubschrauber. Panzer wollen durch die Straßen, immer wieder sind Schüsse und Explosionen zu hören - bis zum Morgen. Fernsehsender zeigen in Ankara Menschen, die sich um Verletzte kümmerten.
  •  Russland und die USA rufen zum Frieden auf, die Außenminister beider Länder sind zusammen in Moskau.
  • Wo ist Erdogan? Aus dem Präsidialamt heißt es nur, er sei an einem sicheren Ort.
  • Die Putschisten verhängen eine Ausgangssperre im ganzen Land.
  • Fluggesellschaften streichen Flüge und rufen Maschinen zurück.

Nach Mitternacht

  • Kurz nach Mitternacht: Die Putschisten ziehen vom Atatürk-Flughafen wieder ab, nachdem Demonstranten auf das Gelände eingedrungen sind, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet.
  • In einem Interview des Senders CNN Türk macht Erdogan Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich.
  • Augenzeugen berichteten von Solidaritätskundgebungen für die Putschisten.
  • Nach Angaben von Ministerpräsident Binali Yildirim werden einige Anführer des Putschversuchs festgenommen.
  •  Kurz nach 1 Uhr: „Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden“, twittert Regierungssprecher Steffen Seibert. „Alles muss getan werden, um Menschenleben zu schützen.“
  • Alle vier Parteien im türkischen Parlament - auch die drei Oppositionsparteien - sprechen sich gegen den Putschversuch aus.
  • Die private Nachrichtenagentur DHA meldet, am Parlament in Ankara sei eine Explosion zu hören gewesen.
  • gegen 2 Uhr: Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagt: „Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.“ Aus dem Präsidialamt heißt es, bei den Putschisten handele es sich „um eine kleine Gruppe“ von Offizieren aus der Gendarmerie und der Luftwaffe.
  • Gegen 2.30 Uhr: Staatspräsident Erdogan landet nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV in Istanbul.
  • Soldaten dringen in die Räume des Senders CNN Türk in Istanbul ein, die Sendung wird eingestellt. Schüsse und laute Tumulte sind zu hören. Eine knappe Stunde später wird der Betrieb wieder aufgenommen.
  • gegen 3.30 Uhr: Erdogan tritt erstmals seit Beginn des Putschversuches öffentlich auf, auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul. Er sagt, er sei in Marmaris an der türkischen Ägäis-Küste gewesen. Unmittelbar nach seiner Abreise von dort hätten die Putschisten „diesen Ort leider genauso bombardiert“.
  • Erdogan kündigt an, das Militär vollständig zu „säubern“.
  • Ministerpräsident Yildirim weist das Militär an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Kampfflugzeuge seien von der Luftwaffenbasis Eskisehir gestartet, heißt es im Präsidialamt.
  • Sicherheitskräfte befreien Armeechef Hulusi Akar aus der Gewalt von Putschisten. Ministerpräsident Binali Yildirim hatte in der Nacht General Ümit Dündar kommissarisch zum Militärchef ernannt.
  • Samstagmittag: Die Lage hat sich weitestgehend beruhigt. Politiker loben, dass der Putsch gescheitert sei.
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