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Der große Kandidaten-Check

Eurovision Song Contest Der große Kandidaten-Check

Der Eurovision Song Contest feiert: 60 Jahre Trickkleider, beleidigte Diven, aufblühende und verglühende Karrieren. Sechs Jahrzehnte Turmfrisuren, Zappeltanz und Lampenfieber. Am Sonnabend-Abend nun wird die europäische Popkrone in Wien neu vergeben.

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Eurovision Song Contest: Ann Sophie tritt für Deutschland an.

Quelle: dpa

Wien. Und der Mann, der mit Abstand die weiteste Anreise hatte, gehört bei seinem Debüt zum Favoritenkreis: 16.000 Kilometer flog Guy Sebastian, der Bruno Mars der Südhalbkugel, von Sydney nach Österreich. „Australien liebt den Song Contest“, sagt er. „Es ist der Wahnsinn hier.“ Australien? Beim ESC? Was für ein charmanter Coup, zum 60. Geburtstag der größten Musikshow der Welt das langjährige ESC-Fühlmitglied Australien einzuladen – nicht als „Aussie-Seiter“ oder Showact, sondern als voll berechtigten, fürs Finale gesetzten Teilnehmer.

Es wäre aber auch zu originell. Denn der ESC-Jahrgang 2015 enthält viel Mittelmaß. Wie im Leistungssport haben sich auch die Parameter der Popwelt angeglichen, es gibt keine Kleinen mehr im Glamourzirkus. Zur Not wird halt eingekauft. 20 Prozent aller 40 ESC-Titel in diesem Jahr stammen von schwedischen Produzenten. Der Englischanteil ist mit 82 Prozent so hoch ist wie nie zuvor. Und es gibt kaum noch Experimente. Wir erleben die Homogenisierung des europäischen Entertainment. Balladen dominieren den Jahrgang 2015; düster, klagend, tragisch, dramatisch. Daraus auf den Gesamtzustand des Kontinents zu schließen, wäre aber falsch. Pompöses Drama inszeniert sich halt einfach besser, zumal auf der spektakulären Bühne mit ihren 1288 Licht-Metallröhren und schlicht atemberaubenden Möglichkeiten. Nur England bleibt wacker beim Trashigen – und wird spektakulär scheitern.

Der ESC sieht noch immer aus wie ein kontinentaler Kindergeburtstag. Innerlich aber wird er erwachsen. Wie selbstverständlich sitzt die polnische Kandidatin im Rollstuhl. Wie selbstverständlich führt die österreichische Vorjahressiegerin Conchita Wurst – die nicht nur in Österreich und in der schwulen ESC-Kernzielgruppe als Toleranzikone und Vorbild in Sachen Mut zum eigenen Lebensentwurf gefeiert wird – mit durch die Show. Dass die geistig behinderte finnische Heavy-Metal-Band Pertti Kurikan Nimipäivät im Halbfinale überraschend ausschied, lag nicht am Toleranzmangel oder an der Verstörtheit der Zuschauer, sondern gerade an der Tatsache, dass der Auftritt so unspektakulär war.

Und Ann Sophie, die deutsche Hoffnung? Sie hat Startplatz 17 erwischt, statistisch eine hervorragende Position. Aber se wird es schwer haben, auch wenn ihr Song „Black Smoke“ zu den originelleren Kompositionen zählt. Favoriten sind – neben Australien – der Schwede Mans Zelmerlöw mit seiner Trickfilmshow, die Russin Polina Gagarina, die drei italienischen Tenöre und die zeitgemäßen, klug inszenierten Pärchen aus Estland und Norwegen.

Und wenn tatsächlich Australien gewinnt? Fliegt dann der ganze Zirkus dann 2016 nach Down Under? Nein, sagt die European Broadcasting Union (EBU). Die Show bliebe in Europa, um den Austragungsort müsste gerungen werden. Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass Australiens Teilnahme kein einmaliges Gastspiel bleiben könnte. Eine Entscheidung fällt erst nach dem Finale. Warum denn auch nicht? Jede Satzung kann man ändern. Es wäre ein erster Schritt in Richtung Worldvision Song Contest.

 

DIE 27 TEILNEHMER IN DER STARTREIHENFOLGE:

01 Slowenien

Maraaya

„Here For You“

Vergesst Luftgitarren. Jetzt kommt die Luftgeige! Hübscher Soulpop-Ohrwurm, der es noch zu etwas bringen kann. Man ist ja dankbar für alles, was in diesem Jahr keinen Liebeskummer oder Weltschmerz oder beides ausstrahlt.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: **

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Ein Lichtlein in einem Meer aus Düsternis. Aber Startplatz 1 ist gnadenlos.

02 France

Lisa Angell

„N’oubliez Pas“

Jemand könnte Frankreich mal sagen, dass die Siebziger vorbei sind. Es ist, als ob das Land um jeden Preis die Top Ten vermeiden will. Oder auch die Top Zwanzig. Diese öde Powerballade der französischen Susan Boyle, die an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnern soll (und dem nach den „Charlie Hebdo“-Morden teiltraumatisierten französischen Publikum durchaus gefällt), ist so trocken wie ein drei Tage altes Baguette. Schlechter als 2014 kann’s ja nicht werden. Da war Frankreich Letzter.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: *

Originalität: **

ESC-Aussichten: Krampfiger Versuch, den Zeitgeist emotional auszubeuten. Das darf nur Ralph Siegel.

03 Israel

Nadav Guedj

„Golden Boy“

Hampeliger Egotrip eines 16-jährigen Möchtegern-Frauenhelden aus der Mini-Macho-Mottenkiste. Mit mehr als einem Hauch Fremdenverkehrswerbung („I’m a golden boy, come here to enjoy / And before we leave / I show you Tel Aviv“) knödelt sich der Knabe durch ein altmodisches, leicht arabisch angehauchtes Etwas von einem Song. Man kann dazu tanzen. Muss man aber nicht.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: ****

Originalität: **

ESC-Aussichten: Ein Riesenhit in der Kinderdisco. Aber auch nur da.

04 Estland

Elina Born & Stig Rästa

„Goodbye To Yesterday“

Ey, Bond-Produzenten! Falls ihr einen Titelsong für „Spectre“ sucht: Hier ist er. Gibson-Gitarre, Mascara, Bonnie-und-Clyde-Ästhetik im Video – und dazu ein feiner Retrosound. Hübsches Crooner-Ding in einem Meer von Balladen – eine sichere Top-Ten-Nummer, die entfernt an Hollands „Calm After The Storm“ erinnert. Und an Nancy Sinatra & Lee Hazlewoods „Summer Wine“ natürlich.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: **

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Aussichtsreicher Beitrag zum Überthema „Früher war alles besser“.

05 United Kingdom

Electro Velvet

„Still In Love With You“

Schräge, etwas nasal vorgetragene Caro-Emerald-Partynummer, sehr altmodisch und nach zwei Minuten anstrengend. Als ob jeden Augenblick zwei Schwarzweiß-Cops um die Häuserecke flitzen. Sänger Alex Larke ist hauptberuflich Grundschullehrer und nebenbei der „Mick Jagger“ in der Rolling-Stones-Coverband The Rollin’ Clones. Das Mutterland des Pop sucht weiter nach seinem ESC-Rezept.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: ***

Originalität: **

ESC-Aussichten: Elektroswing ist jetzt nicht so der Mainstream-Knaller.

06 Armenien

Genealogy

„Face The Shadow“

Im Gedenkjahr für den Genozid 1915 hat sich Armenien ein komplett überladenes Minimärchen ausgedacht: Sechs Sänger aus fünf Kontinenten (auf einen Antarktisforscher verzichtete man) beweinen gemeinsam das Schicksal der Armenier in der Diaspora – mit der Refrainzeile „Don’t deny“, „leugne nicht“, die bis kurz vor dem ESC auch der Liedtitel war. Eine hoch kitschige, nach hinten raus bollerige Ballade, die klingt wie eine Ralph-Siegel-B-Seite. Null Punkte aus der Türkei sind sicher.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: *

Originalität: **

ESC-Aussichten: zu sehr Holzhammer.

07 Litauen

Monika Linkytè & Vaidas Baumila

„This Time“

Frisches, aber sehr schlichtes Folkduett eines hochnervös singenden Pärchens in Kornfeld-Optik – mit Kuss direkt auf den Mund (in der Probe ohne Zunge). Knutschen kann ja nicht schaden, denn Liebe geht immer. Und im Balladenjahrgang 2015 ist alles, was ein Schlagzeug benutzt, ja schon fast Hardrock.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: ***

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Kinder-Country-Romantik? Wird schwer.

08 Serbien

Bojana Stamenov

„Beauty Never Lies“

Lieder über Schönheit müssen selbst nicht zwingend schön sein. Das zeigt Serbien leider mit dieser nach hinten raus bollerigen Partyhymne an das Selbstbewusstsein. Die voluminöse Sängerin Bojana Stamenow wird in der Heimat mit Aretha Franklin und Adele verglichen, warum auch immer. „Finally I can say / Yes, I’m different, and its okay, Here I Am!“, heißt es in ihrer öffentlichen Selbstentdeckungstherapie. Ja, da bist du, und es geht dir dufte, ist ja gut.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: **

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Sehr viel Sängerin, sehr wenig Ohrwurm.

09 Norwegen

Mørland & Debrah Scarlett

„A Monster Like Me“

Großes, dunkles Duett zweier starker Typen und Stimmen. Die Ballade stammt aus der Feder von Sänger Kjetil Mørland. Die sensationelle Stimme der norwegischen „The Voice“-Siegerin Debrah Scarlett trägt Adele- und Amy-Winehouse-Gene in sich. Eines der Highlights im diesjährigen ESC-Angebot.

Glamourfaktor: ****

Trashfaktor: *

Originalität: ****

ESC-Aussichten: dürfte weit kommen.

10 Schweden

Måns Zelmerlöw

„Heroes“

Schweden, immer wieder Schweden. Beginnt brav, wird dann aber eine laute, sehr kommerzielle Weltumarmungshymne mit viel zu viel „Wo-hu-who“ und Kinderchor im Hintergrund. Hoch gewertet, vor allem wegen der originellen Tricktechnik-Bühnenshow. Aber hoch gewettet wird Schweden sowieso seit 1974 immer.

Glamourfaktor: ****

Trashfaktor: *

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Schweden halt. Wird schon werden.

11 Zypern

John Karayiannis

„One Thing I Should Have Done“

Artige, sanfte Singer/Songwriter-Nabelschau eines braven Rick Kavanian mit Nerdbrille und Hipsterbärtchen. Das Lied fällt zwar komplett aus dem Rahmen, ist aber so dermaßen schüchtern, dass es auf dem Schulhof wohl längst die Unterhose über dem Kopf hätte, metaphorisch gesprochen. „The One Thing You Should Have Done“ ist, hier mal ein bisschen aus dem Quark zu kommen.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: **

Originalität: **

ESC-Aussichten: Hübsch, aber leise. Muss aber nichts heißen.

12 Australien

Guy Sebastian

„Tonight Again“

Australien? Echt jetzt? Eine feine Idee, zum 60. ESC-Geburtstag die Grand-Prix-verrückten „Aussies“ zurTeilnahme einzuladen. „Australian Idol“-Gewinner Guy Sebastian hat – schon des verlockenden Gedankens beim Abstimmen wegen – beste Chancen auf die Top 10. Klingt wie ein Mix aus Commitments-Soul und Gnarls Barkleys „Crazy“. Im Falle eines Sieges bleibt der ESC 2016 aber in Europa.

Glamourfaktor: ****

Trashfaktor: **

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Ganz starke Nummer der „Aussie-seiter“.

13 Belgien

Loïc Nottet

„Rhythm Inside“

Akzentfrei geht anders. Aber das seltsame, leicht jazzige Rythm-’n’-Blues-Ding, das der 19-jährige Wallone und „The Voice“-Zweite von 2014 sich da vornimmt, ist wenigstens mutig inszeniert und klingt ein bisschen originell. Allerdings auch etwas wie Emiliana Torrinis „Djungle Drum“ in Zeitlupe („We gonna rappapap, rappapap tonight“).

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: *

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Greenhorn mit Ambitionen, aber stimmlich am Limit.

14 Österreich

The Makemakes

„I Am Yours“

Wie viele Gelegenheitsgeographen werden im Finale wohl aus Versehen für „Austria“ anrufen, obwohl sie Australien meinten? Die Gastgeber schicken im Jahr nach Conchita Wurst eine altmodische, aber stark gesungene Klavierballade an den Start. Sänger Dodo (Dominic) Muhrer, Bassist Max (Markus) Christ und Schlagzeuger Flo Meindl haben ihre Band nach einem Zwergplaneten benannt, der den Namen der Fruchtbarkeitsgottheit der Osterinsel-Kultur trägt. Falls es Ihnen noch an Klugscheißerwissen für die ESC-Party mangeln sollte.

Glamourfaktor: *

Trashfaktor: **

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Nette Typen, netter Song, aber „nett“ ist die kleine Schwester von ...

15 Griechenland

Maria Elena Kyriakou

„One Last Breath“

„Ein letzter Atemzug“ – klingt wie ein Kommentar zur Wirtschaftskrise, ist aber eine bombastische Hubba-Bubba-Liebesballade voller Sehnsucht, Schmacht und Tüdelü. Das ist Conchita Wursts  Vorjahres-Siegertitel „Rise Like A Phoenix“ dann doch etwas zu plump „nachempfunden“. Die Hälfte des Songs besteht aus Atmen, sonst wäre Maria in Lebensgefahr. Und wenn Griechenland die Sause nächstes Jahr bezahlen muss, explodiert die Akropolis.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: **

Originalität: **

ESC-Aussichten: 1000-mal gehört, 1000-mal ist nichts passiert.

16 Montenegro

Knez

„Adio“

Huch: Landessprache! Eine Seltenheit in der ESC-Gegenwart. Sanftes Abschiedsballädchen mit dem üblichen Schuss Balkankitsch von einem Kerl, der ein bisschen aussieht wie eine rasierte Version von „Günther, dem Treckerfahrer“. Tut nicht weh, ist aber schnell wieder vergessen.

Glamourfaktor: *

Trashfaktor: **

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Die Stampffolk-Balkanpop-Jahre sind eher im Abklingen.

17 Deutschland

Ann Sophie

„Black Smoke“

Ja, die Vorgeschichte ist ärgerlich, spielt in Wien aber keine Rolle. Ann Sophie Dürmeyer, geboren am 1. September 1990 in London, hat das leicht Lehrerinnenhafte und das etwas zu perfektionistische Lee-Strasberg-Musical-Acting abgelegt. Der Song ist sexy und fällt auf. Aber es wird schwer.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: *

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Mehr als Mittelfeld wäre eine echte Überraschung.

18 Polen

Monika Kuszynska

„In The Name Of Love“

Monika Kuszynska sitzt seit einem Autounfall 2006 im Rollstuhl. Seither kämpft sie auch musikalisch gegen die unsichtbare Grenze zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Ihre Ballade ist leider sehr unauffällig.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: *

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Hehre Absicht, mäßige Erfolgschancen.

19 Lettland

Aminata

„Love Injected“

Eine regungslose Piepsmaus mit russisch-afrikanischen Wurzeln haucht sich durch ein experimentelles TripHop-Electro-Liedlein, das mehr sein will, als es ist. Allzu gravitätisch – das gilt auch für die Stimme der sichtlich ehrgeizigen Kandidatin. Was soll’s. Hauptsache, ihr gefällt’s.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: ****

Originalität: **

ESC-Aussichten: Ach nö.

20 Rumänien

Voltaj

„De La Capat/ All Over Again“

Drei Millionen Rumänen arbeiten im Ausland. Ihre Kinder wachsen ohne Eltern aus. Das ethisch-moralische Trauma gießt die Folkrockband Voltaj in eine starke Ballade. Wer immer in Deutschland gegen zureisende Rumänen und Bulgaren wettert, der höre diesen Song. Für den ESC allerdings ist das wohl zu strenges Material, aber immerhin: ein Finalplatz.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: *

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Starkes Thema, starker Song, mäßige Stimme.

21 Spain

Edurne

„Amanecer“

Siegen? Nö, muss ja auch nicht. Spanien lebt musikalisch in seiner eigenen Welt. Das gilt erst recht für den ESC. Die Schreckensbilanz hält das Land nicht davon ab, immer wieder den gröbsten Quatsch zu entsenden. Die Beratungsresistenz der stolzen Spanier in Popangelegenheiten führt auch diesmal dazu, dass sich die Freundin des Torhüters von Manchester United – nebenbei Model, TV-Moderatorin und Sängerin – durch ein keimfreies, völlig überkandideltes Lied arbeitet.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: **

Originalität: *

ESC-Aussichten: Attraktivität hilft, aber ganz ohne Liedidee geht’s halt nicht.

22 Ungarn

Boggie

„Wars For Nothing“

Hach, Frieden, tolle Sache! Alle haben sich lieb, so auch in diesem Neofolk-Friedenslied, das entfernt an den großartigen irischen Film „Once“ erinnert. Bekannt wurde die 28-Jährige mit „Nouveau Parfum“. Im Youtube-Video dazu (sieben Millionen Aufrufe) retuschiert ein Photoshop-Experte Gesicht und Körper – ein Appell gegen künstlich erzeugte Schönheit. Ihr ESC-Song klingt schlicht und zeitgemäß. Die Inszenierung ist aber allzu sparsam.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: *

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Aristokratisches Aschenputtel mit Botschaft – angenehm unanstrengend.

23 Georgien

„Nina Sublatti“

„Warrior“

Eine anstrengende Amazone (19) kämpft für die Rechte der georgischen Frauen. Das ist in der Sache löblich, aber warum muss man sich dafür als mittelalterliche Männerphantasie mit Flitzebogen verkleiden? Der Produzent von Loreens Siegertitel „Euphoria“ ging noch mal mit dem dicken Pinsel über den Song: ordentlich Synthesizer-Gebrummel, Blitz und Donner. Peng, krach, bumm. Und schöne Grüße von Ruslana.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: ****

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Mit dem Kopf durch die Wand? Manchmal klappt’s. Der Rest ist Schmerz.

24 Aserbaidschan

Elnur Huseynov

„Hour Of The Wolf“

Schon 2008, bei Aserbaidschans ESC-Premiere, trat Elnur Hüseynov als eine Hälfte des Duos Elnur & Samir für sein Land an. Diesmal ist der Justin Timberlake von Baku allein – und arbeitet sich durch schwache Strophen zu einem Ohrwurm-Refrain vor, Rückung inklusive! Aserbaidschans schwedische Produzenten müssen eine Pop-Zauberformel im Schrank haben: sieben ESC-Teilnahmen bisher, sechs mal Top Ten, ein Sieg.

Glamourfaktor: ****

Trashfaktor: **

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Ein kitschiger Kraftakt, maßgeschneidert für westliche Hörgewohnheiten.

25 Russland

Polina Gagarina

„A Million Voices“

Russland, der aktuelle Buhmann der Weltpolitik, schickt gleich drei Liedideen auf einmal – in der Hoffnung, dass viel auch viel hilft. Eine ätherische Blondine, die entfernt an Putins Geliebte erinnert, singt mit unaushaltbarem Pathos von Glück, Liebe und Gedöns. Die gebürtige Polin sieht aus wie die russische Helene Fischer. Der Text kommt direkt aus Floskelhausen. Was war die Dame erleichtert, dass Russland in den Proben diesmal nicht ausgebuht wurde.

Glamourfaktor: ***

Trashfaktor: *

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Fürs Finale wird die nachbarschaftliche Restsympathie reichen.

26 Albanien

Elhaida Dani

„I’m Alive“

Es gibt nur eine Frage bei dieser Midtempo-Ballade: Geht’s irgendwann los? Oder bleibt das so? „Eieieieieiei...“ Den eigentlichen Gewinnertitel des nationalen Vorentscheids zog das Team „aus persönlichen Gründen“ zurück und bastelte stattdessen dieses Unglück von einem Song. Nach hinten raus wird’s stimmlich etwas überkomplex, aber eben auch sehr, sehr egal.

Glamourfaktor: **

Trashfaktor: **

Originalität: ***

ESC-Aussichten: Larmoyantes Gewimmer.

27 Italy

Il Volo

„Grande Amore“

Drei junge, smarte Tenöre aus Italien – das klingt erst mal schrecklich prätentiös. Und dann sieht der eine auch noch aus wie Buddy Hollys schwuler Cousin. Aber diese Arie, die das Trio da herausschmachtet, hat jede Halle locker im Griff. Die San-Remo-gestählten Herren sind Mitfavoriten.

Glamourfaktor: ****

Trashfaktor: **

Originalität: ****

ESC-Aussichten: Klassisches ESC-Material. Italien landet weit vorn.

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