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"Mitten ins europäische Herz getroffen"

Menschen aus Brüssel berichten "Mitten ins europäische Herz getroffen"

Die Terroranschläge in Brüssel haben den schleswig-holsteinischen EU-Abgeordneten Reimer Böge entsetzt. „Die Bomben haben mitten ins europäische Herz getroffen“, sagte der CDU-Mann in der belgischen Hauptstadt.

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Quelle: Nicolas Maeterlinck/ AFP

Kiel/Brüssel. Nach der Festnahme von Salah Abdeslam am Freitag, der als Mittäter der Anschläge in Paris gilt, seien die Anschläge erwartbar gewesen. „Man sieht, wie gut die Terrornetzwerke funktionieren. Jetzt muss dieser Hydra endlich der Kopf abgeschlagen werden“, sagte Böge.

Der EU-Abgeordnete hatte großes Glück. Um 7.40 Uhr fuhr er mit der U-Bahn von der Station Maelbeek, von der er nur hundert Meter entfernt wohnt. Dort explodierte wenige später eine verheerende Bombe. „Jetzt müssen wir hier an unsere Sicherheit denken und Gottvertrauen haben.“ Gegen Mittag saß er in seinem Büro im 15. Stockwerk. „Ständig hören wir Sirenen, müssen uns aber auch auf eine Sitzung des Wirtschaftsausschusses am Mittwoch vorbereiten“, sagte er. Information über die Lage am Flughafen und in der Stadt bekämen er und seine Mitarbeiter nur über die Onlinemedien aus dem Internet.

Das Hanse-Office in Brüssel in Angst

Mittlerweile werde das EU-Viertel massiv vom belgischen Militär gesichert, erzählte der CDU-Mann. Auch die Einlasskontrollen seien schnell deutlich verschärft worden. Eigentlich wollte Böge Mittwoch im Anschluss seiner Sitzung nach Hause fliegen, weil in Brüssel die Parlamentsferien beginnen. Doch noch ist unklar ob der Flughafen bis dahin wieder geöffnet hat. „Sonst muss ich mich irgendwie anders nach Deutschland durchschlagen“, sagte der Abgeordnete mit Galgenhumor.

Angst herrscht im Hanse-Office in Brüssel, der gemeinsamen Vertretung der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein bei der Europäischen Union. „Wir wurden angewiesen, im Büro zu bleiben“, sagte ein Mitarbeiterin. Auf den Straßen sei deutlich mehr Polizei unterwegs als bisher. „Aktuelle Informationen bekommen wir hier nicht, sondern gucken in die Onlinemedien“, sagte sie. Angst hat die Mitarbeitern vor allem vor der Ungewissheit: „Wir wissen einfach nicht, was noch alles kommt.“

Von Günter Schellhase

Ehemalige KN-Praktikantin berichtet aus Brüssel

Auch eine ehemalige KN-Praktikantin hat uns ihre Eindrücke aus Brüssel geschildert. Die 24-jährige Teresa Stiens macht momentan ein weiteres Praktikum in der belgischen Hauptstadt.

„Am Flughafen ist eine Bombe explodiert” – das war das Erste was ich heute morgen von den Ereignissen mitbekam – “Hier, in Brüssel?” fragte ich. Es war gewarnt worden in den letzten Wochen und Monaten, vor Molenbeek, vor Terroristen und vor Anschlägen, aber dass es wirklich passierte, hier in meinem Brüssel mit Pommes, Parties und gutem Bier, das kam mir unwirklich vor. Als ich mich auf den Weg ins Europaviertel machte, wusste ich noch nicht, dass auch das Herz der EU getroffen worden war. Erst als mir Leute mit Platzwunden am Kopf entgegen kamen, wusste ich, es musste noch mehr passiert sein.

Sperrzone wurde erweitert

Einer der Verletzten war in diese Thermodecken gehüllt, diese silber-goldenen, die mittlerweile Sinnbild für Tragödien sind – Bilder aus Paris im November schossen mir in den Kopf. Mein Arbeitsplatz liegt nur etwa 300 Meter von der Metro Station Maalbeek entfernt, wo heute morgen gegen neun eine Bombe in einem der Züge explodierte und eine noch unbekannte Anzahl von Menschen in den Tod riss. Die sonst so dicht befahrene Straße war leer – abgesperrt für die Rettungsfahrzeuge, deren Sirenen schon den ganzen Morgen lang die Brüsseler daran erinnern, dass dieser Morgen kein gewöhnlicher ist. Mittlerweile ist die Sperrzone um die Metro Station erweitert worden. Wir sind mittendrin.

Hier sehen Sie Bilder zu den Anschägen in Brüssel

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Europa steht still

Die Brüsseler Europablase ist ein Sperrgebiet. Die Reaktionen der Leute sind so unterschiedlich, wie erschreckend. Viele sind geschockt, einige ängstlich und viele können es nicht fassen. Man sieht auch Leute lachend durch die Straßen gehen – sie können entweder das Ausmaß der Katastrophe nicht begreifen oder reagieren eben auf ihre Art – hysterisch aber auch erleichtert, dass aus Ihrem Umfeld niemand betroffen ist. Das Telefonnetzwerk wurde abgeschaltet, die Leute wurden gebeten, sich über soziale Medien mit ihren Angehörigen zu verständigen. Das öffentliche Leben in der Stadt steht still. Es fahren keine Metros und die Menschen wurden aufgefordert, dort zu bleiben wo sie sind. Bloß nicht rausgehen; meiden Sie Menschenansammlungen; seien Sie wachsam – das sind die Parolen der Sicherheitskräfte. Der Schock ist noch zu groß um an die nächsten Tage zu denken aber es ist kaum vorstellbar, dass das sonst so pulsierende Leben in nächster Zeit nach Brüssel zurückkehren wird. Parlament, Kommission und alle anderen Institutionen werden wohl kaum zur Tagesordnung übergehen. Europa steht still.

Teresa Stiens, 24, macht momentan ein Praktikum in Brüssel und hat uns ihre Eindrücke geschickt.

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Günter Schellhase
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Korrespondentenbericht
Foto: In der Metro-Station Maelbeek geht ein weiterer Sprengsatz in die Luft, der nebenanliegende Bahnhof Schuman wird sofort gesperrt.

Die belgische Hauptstadt Brüssel ist am Dienstagmorgen von einer Anschlagswelle getroffen worden. Kurz nach acht Uhr fielen in der Anflughalle des Airports Zaventem zunächst einige Schüsse, dann zerrissen zwei Explosionen die Geschäftigkeit, die um diese Zeit an den Check-In-Schaltern herrscht.

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