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Die einen feiern, die anderen leiden

ESC-Analyse Die einen feiern, die anderen leiden

Wundenlecken nach dem ESC-Debakel in Stockholm: Jamie-Lee gibt sich nach dem letzten Platz beim Eurovision Song Contest tapfer – und hofft auf die Treue ihrer Fans. Und die ukrainische Siegerin widmet ihren Sieg "all jenen, die Tragödien zu erleiden hatten".

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Toller Auftritt, aber Jamie-Lee bekam nur elf Punkte dafür. Heißt: Letzter Platz beim ESC.

Quelle: Britta Pedersen/dpa

Stockholm. Die nackten Zahlen dieser Nacht sind ernüchternd: Insgesamt 2436 Punkte hatten die Zuschauer aus 42 europäischen Länder beim Eurovision Song Contest nach dem neuen Abstimmungsmodell zu vergeben. Noch einmal so viele die internationalen Jurys. Macht zusammen 4872 zu vergebende Punkte. Ganze elf davon landeten in Deutschland. 

Elf Punkte

Einer von der Jury in Georgien. Zwei vom österreichischen Publikum, acht vom schweizerischen. Das war's. Das Ergebnis: der zweite letzte Platz für Deutschland hintereinander. Das ist keine Panne mehr. Das ist ein Debakel. Und es wirft Fragen auf nach der deutschen ESC-Strategie.

Jamie-Lee Kriewitz gab sich tapfer in der Nacht von Stockholm. Kopft hoch, weitermachen. Was soll man auch sonst tun, wenn genau das passiert ist, was auf keinen Fall passieren durfte? Letzte. Gegen alle Erwartungen. „Ich muss in den nächsten Tagen stark sein, aber es wird schon alles gut werden“, sagte die 18-Jährige tief in der Nacht, enttäuscht, aber nicht am Boden zerstört. „Ich persönlich bin sehr zufrieden mit meiner Leistung und ich weiß, dass alle meine Fans hinter mir stehen werden.“ Nächstes Jahr werde Deutschland einen besseren Platz belegen, glaubt sie. „Da bin ich mir sicher.“ Die Teilnahme am ESC bedauert sie nicht. „Ich hatte eine unglaublich geile Zeit und freu mich unheimlich für den Gewinner.“ Am Sonntag wollte sie nach Hause fliegen, gemeinsam mit ihren Eltern und dem Bruder.

Jamala feierte ihre drei Minuten

Siegerin Jamala dagegen feierte. Sie lachte, warf Luftküsschen in die Menge, als sie sich nachts um 1.30 Uhr den Journalisten stellte. „Es ist verrückt“, sagte sie. „Aber ich wusste: Wenn man über die Wahrheit singt, dann wird es die Menschen berühren.“ Sie sei „glücklich, diese drei Minuten gehabt zu haben“. In ihrem Lied „1944“ erinnert sie an die Vertreibung der Krimtataren – darunter ihre Urgroßmutter – durch Stalins russische Geheimpolizei. Ihren Sieg widmete sie „all jenen, die Tragödien zu erleiden hatten“. Kein Zweifel, dass es bei dieser Entscheidung des europäischen Publikums um Politik ging. Mit Tränen in den Augen fragte eine krimtatarische Journalistin, ob der ESC 2017 auf der „dann freien“ Krim stattfinden werde. Da jedoch wollte sich Jamala nicht festlegen: Der ESC 2017 werde auf jeden Fall „in der Ukraine“ stattfinden.

Die einen feiern, die anderen leiden. Auch ARD-Unterhaltungschef Thomas Schreiber gratulierte der ukrainischen Siegerin für ihre „großartige und bewegende Performance“. Er lobte Jamie-Lee in einer vom NDR verbreiteten Stellungnahme als „besondere, liebenswerte junge Frau“ und „wunderbare Sängerin“. Schreibers nächtliche Erklärung für die erneute Pleite: Die melancholisch-inszenierte „Ghost“-Nummer habe offenbar vor allem das junge Publikum angesprochen. „International und beim Publikum in allen Altersschichten ist es offenbar eher auf Unverständnis gestoßen, dass ein Manga-Mädchen aus Deutschland antritt.“ Erstmals seit Jahren verzichtete er darauf, sich nach der Show den Journalisten zu stellen. Die Fragezeichen sind groß.

ESC-Drama ist tiefgründiger

Tatsächlich traf das Mondmärchen mit der Manga-Freundin Jamie-Lee einfach nicht den Nerv des europäischen Publikums. Aber die Suche nach den Ursachen muss tiefer ansetzen. Das deutsche ESC-Drama beschränkt sich ja nicht auf die letzten 14 Tage. Platz 21 für Cascada 2013. Platz 18 für Elaiza 2014. Letzter Platz für Ann-Sophie 2015. Letzte Platz für Jamie-Lee. Dazu kommen die Absage vom Andreas Kümmert 2015. Und die Blamage mit der unüberlegten Nominierung von Xavier Naidoo.

Es gelingt den deutschen ESC-Beauftragten einfach nicht, sich auf die eigenartigen Gepflogenheiten des Eurovision Song Contest einzulassen. Eine solide Midtempo-Popnummer genügt nicht, um 120 Millionen TV-Zuschauer in 180 Sekunden so zu überzeugen, dass der Song im Gedächtnis bleibt. Lena Meyer-Landruts fallen nicht vom Himmel, aber es gibt Gründe, warum Stefan Raab deutlich erfolgreicher war in seinen ESC-Jahren als seine Nachfolger und Vorgänger: weil er bereit war, die Erwartungen des europäischen Publikums zu bedienen. Und die sind: eine glaubwürdige, hochprofessionelle, emotionale, persönliche, optisch perfekte, musikalisch extrem eingängige, trotzdem überraschende und gleichzeitig den Zeitgeist bedienende Nummer.

Ratlosigkeit beim deutschen ESC-Team

Während die ukrainischen Journalisten bis tief in die Nacht im Euroclub am schwedischen Königsschloss feierten, herrschte im deutschen Tross allgemeine Ratlosigkeit. Intern hatte man im Herbst 2015 lange Ideen gewälzt, Konzepte erarbeitet und wieder verworfen, auch radikale Neuerungen erwogen. Nun beginnt die Suche nach dem deutschen ESC-Rezept wieder bei Null. Was der letzte Platz für Jamie-Lees Karriere bedeutet: unklar. Verdient hat sie ihn nicht.

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Ein Artikel von
Imre Grimm
Stellvertretender Ressortleiter der "Welt im Spiegel"-Redaktion und verantwortlich für die Medienseiten

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Jamal holt für die Ukraine den Sieg. Foto: Maja Suslin

Beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) 2016 haben Jurys in 42 Ländern sowie die Zuschauer abgestimmt.

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