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„Mir geht’s nicht um mein Ego“

Ann Sophie beim ESC in Wien „Mir geht’s nicht um mein Ego“

Für die Hamburgerin Ann Sophie wird es beim Finale des Eurovision Song Contests (ESC) am Sonnabend ernst. Unser Redakteur Imre Grimm sprach mit der deutschen ESC-Hoffnung über New York, Perfektionismus und Muffins mit bunten Haaren.

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 Ann Sophie tritt für Deutschland beim ESC in Wien an.

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Ann Sophie, Sie sind gleich nach dem Abitur aus Hamburg nach New York gezogen. Wie haben Sie dort gelebt?

Ich habe zwei Jahre im East Village in einer WG gewohnt und ein Jahr im West Village. In der zweiten Wohnung konnte ich mich kaum umdrehen, das war eher eine Schublade. New York war super. Alle machen ihr Ding, alle kämpfen für ihre Träume, der Spirit ist einfach unglaublich. Ich habe Schauspiel gelernt am Lee Strasberg Institute, nebenbei habe ich am Broadway Dance Center getanzt. Abends bin ich durch die Bars getingelt, hab vor allem im „The Bitter End“ in der Bleecker Street gesungen, bei Richie Cannatas „Monday Night Jam Sessions“. Ich habe mir ein Keyboard gekauft, ein Mikrofon, und habe am Mac meine ersten Songs geschrieben. Und Richie sagte irgendwann: „You know what? I like it. Let's record it.“

Von New York nach Wien. Wie wirkt der Eurovisionszirkus auf Sie?

Ich mag's total gern. Ich könnte noch eine Woche hier bleiben. Wir haben eine tolle Zeit. Man muss sich an diese Fernsehwelt natürlich erst gewöhnen, an das Medieninteresse, die Interviews, das ist alles komplett neu. Ich glaube, ich habe in den letzten drei Monaten 2000 Menschen kennengelernt.

Sie haben gesagt, Sie wollten Sängerin werden, seit Sie ein Kind waren. Was hatten Sie damals für eine Vorstellung von dem Beruf?

Als Kind glaubst du, was dir verkauft wird. Wenn du deine Lieblingskünstler auf der Bühne siehst, dann denkst du: „Das will ich auch!“ Du hast eine bestimmte Emotion in diesem Moment – und du glaubst eben, die kriegst du auch, wenn du selbst auf der Bühne stehst. Dann lernst du das Business später von der anderen Seite kennen, es ist dann ein anderes Gefühl. Aber das Gefühl ist noch besser.

 

Sie hatten einen Plan B. Sie wollten Medizin studieren, falls das mit der Musik nicht klappt. Das klingt nicht sehr nach dem Rock 'n' Roll-Klischee. Sind Sie eine Planerin?

Ich plane schon Dinge, aber ich glaube eigentlich daran, dass sie einfach passieren. Ein Plan ist trotzdem wichtig, damit ich mich ein bisschen entspannen kann, Dinge auch passieren lassen kann. Es ist eine Sicherheitsfrage. Sicherheit sorgt für Entspannung. Es sind schon viele gute Dinge geschehen, wenn man aufhört, Erwartungen zu haben.

Auf viele Zuschauer haben Sie beim Vorentscheid sehr selbstbewusst gewirkt, sehr offensiv. War es schwer für Sie, sich nach Jahren der Selbstbestimmung von einem ganzen Team beraten zu lassen?

Nicht, wenn ich glaube, dass das alles komplett in meinem Interesse stattfindet. Nur wenn ich spüre, dass mir jemand nur seine Meinung aufdrängen will, dann habe ich damit ein Problem. Ich bin offen für Kritik und niemand, der sich unbedingt durchsetzen will. Mir geht’s nicht um mein Ego. Und man muss natürlich immer seinem Herzen folgen. Und darum geht es hier im Team, und darum sind wir auch alle auf einer Wellenlänge und vertrauen uns.

Was haben Sie für eine Beziehung zu sich selbst?

Es ist auf jeden Fall eine, an der ständig gearbeitet werden muss. Es ist die Beziehung, die man am meisten pflegen sollte im Leben. Du bist halt immer mit dir zusammen. Es gab Phasen in meinem Leben, da bin ich nicht gut mit mir umgegangen. Und dann ist man schnell abhängig von Anderen.

Verändert dich die Bekanntheit, die mit dem ESC kam?

Das macht schon etwas mit einem. Wenn ich die Zeit von vor drei Monaten mit jetzt vergleiche, dann ist das schon ein gewaltiger Unterschied. Man muss so viel über sich selbst sprechen und wissen. Diese Erfahrungen prägen dich, klar. Deswegen ist es ja so wichtig, dass es zwischen deinem Image und deiner wahren Persönlichkeit keinen großen Unterschied gibt. Ich bin halt kein Muffin, der sich die Haare pink färbt. Dazu müsste ich leider nein sagen, denn das bin ich einfach nicht. Es ist gefährlich für einen Künstler, wenn das Image ein Kostüm wird, in das man regelrecht einsteigt. Und wenn er sein Image zu oft verändert, nimmt ihn das Publikum irgendwann nicht mehr ernst. Das kann nicht passieren, wenn du einfach du bist.

Das kriegt hier in Wien wahrlich nicht jeder hin. Welche Kandidaten beim ESC gefallen Ihnen denn persönlich?

Ich mag den Guy Sebastian aus Australien total gerne, super sympathisch, tolle Stimme, toller Song. Er ist ja einer der Mitfavoriten. Und mir gefallen die Makemakes aus Österreich, das sind tolle Künstler, die genau wissen, was sie tun.

Mit welcher Platzierung am Sonnabend wären Sie denn zufrieden?

Ich würde mir wünschen, unter die ersten Zehn zu kommen. Aber ich will darüber gar nicht nachdenken. Ich will versuchen, einfach auf die Bühne gehen und Spaß zu haben und den Leuten zu zeigen, dass ich das liebe, was ich da tue. Ganz ohne: „Ich muss, ich soll, ich will!“

 

Zur Person:

Ann Sophie Dürmeyer, geboren 1990 in London und aufgewachsen in Hamburg, studierte nach dem Abitur in New York Schauspiel und startete dort ihre Musikkarriere. Im Frühjahr bewarb sie sich unter mehr als 1200 Kandidaten erfolgreich um die Teilnahme am NDR-Clubkonzert und gewann dort die Wildcard für den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest im März. Dort trat der Sieger Andreas Kümmert überraschend zurück, stattdessen vertritt Ann Sophie als Zweitplatzierte Deutschland am Sonnabend um 21 Uhr (live im Ersten) beim ESC-Finale in Wien mit ihrem Titel „Black Smoke“. Sie lebt in Hamburg.

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