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München in Schockstarre

Tödliche Schüsse München in Schockstarre

Blutbad in München. Die Nachricht versetzt die Menschen in Panik. Denn lange steht nicht fest, ob noch Gefahr besteht. Nach einer Nacht voller Angst bleiben Erleichterung, aber auch tiefe Trauer.

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 Zahlreiche Polizeifahrzeuge stehen am Freitagabend in München vor dem McDonald's-Restaurant, in dem am Vorabend Schüsse gefallen waren.

Quelle: Matthias Balk/ dpa

München. An einem sommerlichen Freitagabend steppt in der Münchner Innenstadt normalerweise der Bär. Die Gaststätten voll, draußen vor den Szenelokalen Trauben von Menschen, die reden, rauchen und trinken. Doch an diesem Freitagabend ist nichts normal. Nach den tödlichen Schüssen beim Münchner Olympia-Einkaufszentrum hat sich schnell eine Schockstarre über die Stadt gelegt.

Die Nachricht über das Blutbad und den zunächst flüchtigen Täter breitet sich via Twitter und andere soziale Netzwerke in Windeseile aus. Viele Lokale in der Innenstadt schließen eilends, nicht mal für einen Hinweis an der Eingangstür bleibt Zeit. Auch im weltbekannten Hofbräuhaus in der City sind gegen 21 Uhr keine Gäste mehr da. „Hier ist zwar nichts passiert, aber es hat sich Panik ausgebreitet“, sagt Serviceleiter Werner Posselt.

Die Münchener Polizei hatte per Twitter dazu aufgerufen, öffentliche Plätze sowie U- und S-Bahnen in der Stadt zu meiden. Ebenfalls über soziale Netzwerke hatten sich die Menschen rund ums das Einkaufszentrum warnen und Zuflucht anbieten können. Aber auf die gleiche Weise verbreiten sich rasch auch Falschmeldungen und Gerüchte, wonach auch am Stachus und am Isartor in der City Schüsse gefallen sein sollen. Nichts davon stimmt - Fluch und Segen neuer Techniken. Sollte jemand gezielt Desinformationen gestreut haben, werde das rechtliche Konsequenzen haben, betont die Polizei am Tag danach.

In der Innenstadt kommt es am Freitagabend zu panikartigen Reaktionen. Menschen rennen davon, bringen sich in Häusern in Sicherheit. Im Färbergraben warnt ein Mann Passanten, die in Richtung Stachus laufen: „Gehen Sie in die andere Richtung, am Stachus wird geschossen!“ Zwei entgeisterte Frauen drehen auf dem Absatz um.

Nur - wohin? „Gehen Sie irgendwohin, wo wenig Menschen sind“, rät ein anderer Mann - mitten in der Altstadt. Vor einem vegetarischen Restaurant in der Hackenstraße kommt Panik auf, als auf einmal Menschen in dieser Altstadtgasse und in der benachbarten Sendlinger Straße zu rennen beginnen. Niemand weiß, was genau passiert ist. Mitarbeiter der Gaststätte rufen die Menschen ins Haus, dann geht es in den Keller.

Ruhig sind die Menschen, auch Kinder weinen nicht, Smartphones werden gezückt, Verwandte benachrichtigt. Nach einiger Zeit geht es wieder hoch ins Restaurant. Bis in den späten Abend sitzen die Menschen dort und verfolgen die neuesten Nachrichten, bis sich die ersten wieder hinauswagen. Inzwischen ist es dunkel, aber nicht mehr menschenleer.

Die Angst der Menschen wird zuvor beflügelt durch die Unsicherheit, was eigentlich passiert ist, wie viel Täter es sind und ob von ihnen noch eine Gefahr ausgeht. Auf Anweisung der Polizei wird der öffentliche Nahverkehr komplett eingestellt, der Münchner Hauptbahnhof gesperrt. Orte mit vielen Menschen sollen als potenzielles weiteres Angriffsziel ausgeschlossen werden. Taxifahrer werden aufgefordert, keine Fahrgäste zu befördern.

Menschenleere Straßen

Um Mitternacht ist die Fußgängerzone in der Innenstadt fast menschenleer. Streifenwagen der Polizei fahren hier Kontrolle. Wo sonst das Leben pulsiert, sind jetzt nur ein paar Touristen und Unerschrockene unterwegs - und Leute, die wegen des Stillstands von U- und S-Bahnen, Bussen und Straßenbahnen gestrandet sind. U- und S-Bahnhof Marienplatz sind menschenleer und wirken wie Geisterbahnhöfe. In den Vorhallen von Banken sitzen gestrandete Menschen und warten auf den Morgen, andere haben Unterschlupf bei hilfsbereiten Mitbürgern gefunden.

Am Morgen danach kommt das Leben in der Stadt langsam wieder in Gang. Am Viktualienmarkt bereiten sich die Standbesitzer früh auf den neuen Tag vor und bauen ihre Waren auf. Das Olympia-Einkaufszentrum bleibt aber geschlossen, rundum gibt es noch Absperrungen zur Spurensicherung. Erschütterte Menschen legen Blumen am Eingang zur U-Bahn-Station Olympia-Einkaufszentrum nieder und stellen Kerzen auf. Dann wird endlich bekannt, dass sich um einen Einzeltäter gehandelt und dieser sich selbst erschossen hat - Erleichterung in der Stadt, dass nun keine Gefahr mehr besteht. Aber die Trauer um die neun Opfer des Schützen bleibt und die ohnmächtige Frage: „Warum nur, warum?“ Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) spricht von einem „Schicksalsschlag für ganz Bayern“.

Überall ist es die Nacht das Hauptthema

Auch im Umfeld der bayerischen Landeshauptstadt gibt es am Samstagmorgen nach der Bluttat kaum ein anderes Thema. Auf Bahnsteigen, in den Zügen, in Cafés sprechen Einheimische und Touristen aufgewühlt über die Geschehnisse. „Das ist echt ein Wahnsinn“, sagt der 79-jährige Alois Maurer aus Rosenheim. Eigentlich wollte er mit seiner Frau an diesem Tag nach München zum Bierbrauerfest, doch das Fest wurde längst abgesagt, seine Frau habe Angst. „Ich aber nicht, ich will mir das selbst anschauen.“

Auch für ein Paar aus Düsseldorf hatte der Amoklauf Konsequenzen. „Wir mussten unsere Zugfahrt unterbrechen, weil die Züge nicht mehr bis München fuhren“, sagt Martin Reiter. Deshalb hätten sie am Chiemsee kurzerhand die Fahrt beendet und sich ein Hotelzimmer genommen. „Ein mulmiges Gefühl haben wir heute nicht mehr, gestern war das aber schon anders“, sagt seine Frau Andrea.

Vor einem Zeitungskasten beim Münchner-U-Bahnhof Harras steht am Samstagmorgen ein rauchender Mann und schüttelt immer wieder den Kopf über die Schlagzeilen der Nacht. „Wahnsinn“ sagt er und starrt abwechselnd auf sein Handy und auf die Schlagzeilen. Am Sendlinger Tor umarmt sich am Morgen ein junges Paar. Der Mann spricht in sein Handy „Wir kommen jetzt heim, jetzt ist es hier ruhiger.“

dpa

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