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Kinder immer früher online

Internet-Studie Kinder immer früher online

Die Generation Smartphone verblüfft als erste ihre Eltern, und das oft schon im Kleinkind-Alter. „Es erstaunt mich sehr, wie die mit diesen Dingern umgehen können“, sagt eine junge Mutter über die digitale Früh-Reife ihrer drei und fünf Jahre alten Kinder. Die Mutter eines Sechsjährigen wundert sich: „Wischen ist heutzutage wohl angeboren“ — also das flotte Navigieren auf einem Touchscreen.

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Computer, Laptop, Tablet und Smartphone haben längst die Kinderzimmer erreicht. Bei Achtjährigen sind Spielen und Lernen am Rechner mehrheitlich eine Selbstverständlichkeit - wie die gestern vorgestellte Studie belegt.

Quelle: Ole Spata

Berlin. Diese und viele andere anonym festgehaltenen Eindrücke amüsierter, irritierter, auch besorgter Eltern finden sich in der 150-seitigen U9-Studie „Kinder in der digitalen Welt“, die Familienministerin Manuela Schwesig gestern in Berlin vorgestellt hat. Darin weisen das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) und das Sozialforschungsinstitut Sinus nach, wie stark das Internet längst in die Kinder- und Spielzimmer von Drei- bis Achtjährigen in Deutschland vorgedrungen ist. Von den etwas älteren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen kannte man den Siegeszug des Digitalen aus einem U25-Report des DIVSI (9 bis 24 Jahre) sowie Umfragen des Verbandes Bitkom. Die stark beachtete ICILS-Studie hatte Ende 2014 aufgezeigt, dass kindliche Begeisterung fürs Internet nicht automatisch zu digitalen Genies führt: Achtklässler in Deutschland, also 12- bis 13-Jährige, liegen mit ihren Computer-Kompetenzen nur im internationalen Mittelfeld.

 Nach der DIVSI/Sinus-Befragung ist klar, dass Computer, Laptop, Tablet und Smartphone hierzulande bereits vom sprichwörtlichen Dreikäsehoch genutzt werden. Bei Achtjährigen sind Spielen und Lernen am Rechner dann schon mehrheitlich eine Selbstverständlichkeit. 65 Prozent der Eltern sind überzeugt, dass ihre Sprösslinge digitale Kompetenz erwerben müssen — „um nicht von der Gesellschaft abgehängt zu werden“, wie Schwesig, selbst Mutter eines Achtjährigen, sagt. Dabei schwanken die Eltern dieser „Digital Natives“ zwischen Faszination, Gelassenheit, Vorsicht und Abwehrreflexen. Für zwei Drittel der Mütter und Väter sei ein Internet-Verbot „Mittel der Wahl“, ohne dass dies natürlich komplett kontrollierbar sei, sagt Sinus-Direktorin Silke Borgstedt.

 Entscheidend dafür, ob Kinder im Netz unterwegs sein dürfen, sei die Nähe der Eltern zur „digitalen Lebenswelt“, also ihre persönliche Einstellung zum Internet. Wichtig für die Kinder sei der Schutz vor Gefahren wie Cybermobbing oder sexueller Belästigung, „ohne ständig beaufsichtigt zu werden bei jedem Klick“, sagt die Wissenschaftliche DIVSI-Leiterin Joanna Schmölz. Schwesig empfiehlt dazu beispielsweise spezielle Kinder-Suchmaschinen – und feste Regeln für den Internet-Konsum innerhalb der Familie. „Digitale Teilhabe wird zur sozialen Teilhabe“, fasst Schmölz eines der Ergebnisse ihrer Studie zusammen. Allerdings entscheide kaum noch der Geldbeutel der Eltern darüber, ob Kinder technischen Zugang zu digitalen Medien und Internet haben. Bei geringem Verdienst würden nicht weniger Geräte angeschafft — soziale Unterschiede zeigten sich anders: „Was früher lediglich die Markenjeans und die Sneakers mit der richtigen Anzahl an Streifen waren, wird heute ergänzt um die jeweils aktuellste Smartphone-Version mit der richtigen Ziffer am Ende der Produktbezeichnung.“

Spätestens mit elf Jahren sind fast alle online

Wie geht es weiter nach dem Erstkontakt mit Internet und Computer-Medien, den die Studie „Kinder in der digitalen Welt“ für die Altersgruppe drei bis acht Jahre beschreibt? Dazu hat der Digitalverband Bitkom Daten ermittelt.

Demnach sind in der Altersgruppe von zehn bis elf Jahren mit 94 Prozent Anteil fast alle Kinder online . Sie verbringen im Schnitt 22 Minuten pro Tag im Internet. Dann beginnt auch die Nutzung sozialer Netzwerke: In dieser Altersgruppe sind dort zehn Prozent aktiv. Unter den Zwölf- bis 13-Jährigen sind es schon 42 Prozent, bei den 14- bis 15-Jährigen 65 Prozent und bei den 16- bis 18-Jährigen 85 Prozent.

Bereits im Alter von zwölf bis 13 Jahren gehören Smartphones mit einer Verbreitung von 84 Prozent zur Standardausstattung . 94 Prozent der Zehn- bis 18-jährigen Nutzer von Smartphones oder Handys versenden Kurznachrichten — als SMS oder über Online-Dienste wie WhatsApp. Damit sind Kurznachrichten bei diesen Kids wichtiger als Telefonate.

93 Prozent der Zehn- bis 18-Jährigen spielen Computer- und Videospiele – im Schnitt 104 Minuten pro Tag . Während Jungen durchschnittlich 122 Minuten täglich damit verbringen, sind es bei den Mädchen nur 82 Minuten. Und jeder siebte Jugendliche (14 Prozent) im Alter von zehn bis 18 Jahren wurde laut Bitkom-Studie „Jung und vernetzt“ im Internet gemobbt.

Zwischen sechs und acht Jahren seien Mädchen und Jungen gleichermaßen interessiert an digitalen Medien und Internet — die Spielekonsole indes ist bei Jungen deutlich beliebter . Überhaupt seien Jungen bei ihrem Umgang mit digitalen Medien spieleorientierter, Mädchen recherchierten öfter Informationen.

Von Werner Herpell

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KN-online (Kieler Nachrichten)

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Kommentar

Woran erkennt ein Vater, wie sehr sich die Zeiten geändert haben? An den verblüfften Gesichtern der Kinder, wenn er ihnen erzählt, wie er als Zwölfjähriger mit der S-Bahn durch Hamburg gereist ist – und nur zwei Groschen in der Hosentasche hatte, um im Notfall eine Telefonzelle ansteuern zu können.

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