21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Die Furcht der Frauen

Nacht von Köln Die Furcht der Frauen

Die Exzesse in der Silvesternacht sorgen vor allem bei Frauen für Entsetzen und Fassungslosigkeit. Zwar handelt es sich um Übergriffe bisher nicht gekannten Ausmaßes, aber die Form ist nicht neu: „Was dort in Köln passiert ist, kommt uns bekannt vor“, sagt Imke Deistler, Geschäftsführerin des Frauennotrufes in Kiel.

Voriger Artikel
Ötzi mit Bauchweh? Gletschermann hatte Magenkeime
Nächster Artikel
Verhandlung: Stadt will keine Kinderbetreuung in Ex-Bordell

Ein Angehöriger eines deutsch-tunesischen Vereins verteilte am Donnerstag vor dem Kölner Hauptbahnhof Blumen an Passantinnen.

Quelle: Maja Hitij/dpa

Kiel. „Uns haben Frauen auch schon von Banden berichtet, die mit einer Mischung aus sexueller Gewalt und Raub agieren.“ Fast immer geschehen solche Taten im Schutz der Dunkelheit, etwa nachts auf dem Weg von einer Kneipe nach Hause. Zurück bleiben Gefühle von Angst, Scham und Hilflosigkeit.

 Tausend Frauen rufen jedes Jahr beim Frauennotruf in Kiel an, der Beratungsstelle für Frauen bei sexueller Gewalt in Kiel. Die Probleme reichen von der Belästigung bis hin zur Vergewaltigung – was eine Frau als besonders schlimm empfindet, könne nur sie selbst beurteilen: „Frauen erleben das sehr unterschiedlich“, sagt Imke Deistler, die als Psychologin seit 20 Jahren Opfer sexueller Gewalt berät. Aus Erfahrung weiß sie, dass sich Frauen, die einen leichteren Übergriff hinter sich haben, eher keine Hilfe suchen, sondern das Erlebte mit sich selbst abmachen. Erst wenn sie einen großen Leidensdruck verspürten, würden sie Hilfe in Anspruch nehmen oder den Fall zur Anzeige bringen. „In jedem Fall haben die Opfer aus der Silvesternacht die sexuellen Übergriffe um ein Vielfaches schwerer zu verarbeiten, als wenn ihnen nur etwas gestohlen worden wäre“, so Deistler. „Materielles ist ersetzbar. Aber unter den sexuellen Übergriffen werden die Frauen die nächste Zeit oder ihr ganzes Leben leiden. Die Atmosphäre war aufgeheizt, die Hände kamen von allen Seiten. Die Frauen hatten überhaupt keine Möglichkeit sich zu schützen.“ Situationen wie diese könnten zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen. „Die dominierenden Gefühle sind Angst, Scham und Hilflosigkeit.“ Scham, weil die Intimsphäre verletzt wurde. Angst, weil die Frauen befürchten, dass es ihnen wieder passiert. Wenn sie die Täter nicht wiedererkennen können, weil diese arabisch oder afrikanisch aussahen, dann steige in den Frauen jedes Mal, wenn ihnen ein Dunkelhäutiger über den Weg laufe, Angst hoch. „Weiß eine Frau aber, wer der Täter war, ist es manchmal einfacher.“ Zwar hätte sie Angst, diesem Menschen zu begegnen, aber sie fühlt sich sicher, wenn derjenige nicht anwesend ist. Bei einem Unbekannten dominiere aber das Gefühl, es könnte jederzeit wieder passieren.

Mehrheit der Frauen erlebt Gewalt

 Und mit dieser Einschätzung liegen die Frauen nach Aussagen der Psychologin gar nicht falsch. Studien belegen, dass die Mehrheit der Frauen Gewalt erleben. Nur neun Prozent aller Frauen geben an, nie in ihrem Leben Gewalt erfahren zu haben. „Die Welt ist nicht so sicher, wie wir glauben“, so Deistler. Auch wundert es die Kieler Psychologin nicht, warum in Köln Außenstehende den Opfern nicht geholfen hätten. „Wir nennen das Verantwortungsdiffusion. Studien belegen, je mehr Menschen bei einer Tat anwesend sind, desto weniger wird geholfen.“ Die Menschen orientierten sich instinktiv an dem Verhalten der anderen. „Geschockt“ war die Psychologin hingegen von der organisierten Form der Angriffe. Aber sowohl die Organisation als auch die Enthemmungen, mit denen die Täter vorgegangen waren, hätten nichts mit der Kultur zu tun, aus der die Täter stammen: „Es hätten auch Europäer sein können.“

 Auch Islamwissenschaftlerin Anja Pistor-Hatam findet es schwierig, die Taten auf das Verhältnis zwischen deutschen Frauen und muslimischen Männern zu übertragen. „Männliche Gewaltphänomene gibt es in der ganzen Welt.“ Es seien aber die zutiefst patriarchalischen Gesellschaften, in denen so etwas vermehrt vorkomme. „Das kann islamisch geprägt sein, muss es aber nicht. Rund ums Mittelmeer von Sizilien bis Libanon sind die Gesellschaften patriarchalisch. Egal ob dort Christen, Muslime oder Drusen leben, sie alle haben dieselbe Vorstellung davon, wie das Verhältnis von Männern und Frauen auszusehen hat. Die Männer dominieren, die Ehre der Familie wird von den Frauen repräsentiert, und sie sind zu bestrafen, wenn sie gegen moralische Prinzipien verstoßen.“ Die Professorin erinnert an die Fälle in Ägypten, in denen Frauen massiv belästigt wurden – dort habe nahezu jede Frau Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. „Männer belästigen dort Frauen, egal wie sie angezogen sind: Verschleierte Frauen werden ebenso angegriffen wie unverschleierte.“ Immer sei dies eine männlicher Machtdemonstration. Grundlage hierfür seien aber keineswegs die islamischen Schriften: „Im Koran steht, dass die Frau dem Mann zu gehorchen hat, aber dass Mann und Frau in Liebe verbunden sind und es außerhalb der Ehe keine sexuellen Kontakte geben dürfe.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr zum Artikel
Leitartikel

Mehr als hundert Frauen erlebten in der Silvesternacht in Köln und Hamburg einen Albtraum. Sie waren einer Überzahl enthemmter Männer ausgeliefert, die sie bedrängten, einkesselten, sexuell angingen. Zwei Frauen wurden vergewaltigt – mindestens –, alle anderen hatten Angst, dass es so weit kommen könnte.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Panorama 2/3