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Ehrgeiz total

Rückzug von Stefan Raab Ehrgeiz total

Es gibt diese Szene aus den guten Zeiten. Stefan Raab, noch deutlich jünger im Gesicht, sitzt auf der Couch von „Wetten, dass..?“, eingequetscht zwischen den riesigen Klitschko-Brüdern, mit einer kleinen Ukulele. Er grinst sein breitestes Grinsen, und man ist sich für einen Moment sicher, dass niemand mehr Vorderzähne zusammenbringt als dieser Mann.

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Noch so eine kuriose Raab-Idee: Die Wok-WM wurde ebenfalls ein Erfolg.

Quelle: dpa

„Ihr habt Hände wie Paddel / und einen Brustumfang wie Naddel“, singt er und die Kamera schwenkt auf Dieter Bohlen und seine Freundin „Naddel“ Abd El Farrag, die verkrampft dreinschauen. Raab singt weiter: „Könnt ihr dem Dieter Bohlen / mal gepflegt den Arsch versohlen? / Er schreibt immer die gleichen Lieder / drum brecht ihm alle Glieder.“ Lachen, Applaus. Raab hatte es geschafft: Erst dem großen Thomas Gottschalk vor weit mehr als 15 Millionen Zuschauern die Show gestohlen – und nebenbei noch Hit-Produzent Bohlen an seiner empfindlichsten Stelle getroffen.

Das ist nun 16 Jahre her. An diesem Abend ahnte die große, alte Samstagsabend-Fernsehnation zum ersten Mal, dass sie ein neues, ein anarchisches Gesicht bekommen hatte, das sie so schnell nicht wieder los werden würde. Und in der Tat: Raab, bis dahin noch ein bunt gekleideter Clown vom Musikfernsehen, stieg nach seinem Wechsel zu Pro7 rasant auf und nervte und beglückte die Nation mit unzähligen lustigen Liedern und geschmacklosen Scherzen. Bis gestern. Da kündigte der Moderator, Musiker, Produzent, Show-Erfinder und gelernte Metzger nach 16 Jahren und 2180 Sendungen „TV total“ und unzähligen Sonnabendabendshows auf Pro7 seinen Rückzug an. „Ich habe mich entschlossen, zum Ende dieses Jahres meine Fernsehschuhe an den Nagel zu hängen“, heißt es in einer nüchternen Erklärung. Raab, der langjährige Goldjunge des deutschen Fernsehens, schmeißt hin.

Sicherlich: Es war ein Abschied auf Raten. Wer in den vergangenen Monaten mal zufällig am späten Abend bei „TV total“ hängengeblieben ist, musste den Eindruck gewinnen, da sitzt einer seine schon gebuchten Fernsehminuten ab. Das Studio ist derart renovierungsbedürftig, dass manche Kulissen angeblich nur noch mit Klebeband zusammengehalten werden. Die Gäste dürfen sich darauf freuen, als „fantastisch“ angekündigt zu werden – ohne dass sich der Gastgeber wirklich interessiert zeigt.

Der Rücktritt ist aber auch ein Symptom für einen grundlegenden Wandel. Das Fernsehen häutet sich. Nicht erst seit gestern. Harald Schmidt macht schon lange nicht mehr mit, Gottschalk ist auch weg, Günther Jauch dreht die letzten Runden. Das Fernsehen verliert seine Dauerläufer genauso wie seine Extreme.

Raab war nie ein Konsens-Star wie Jauch oder Gottschalk. Nicht wenige hielten das Eindringen des heute 48-Jährigen in die Fernsehwelt für einen Schritt in Richtung kultureller Untergang – und haben ihre Meinung bis heute nicht geändert. Raab musste immer arbeiten. Für seine Karriere, für die Anerkennung, für den nächsten Gag, für die nächste Show. Viele, die mit ihm gearbeitet haben, sagen sogar, sie hätten noch nie einen ehrgeizigeren Menschen gesehen. Schon sein Entdecker Marcus Wolter war sich schnell sicher: „Er war bereit, Grenzen zu überschreiten und hätte bis auf Bundestrainer alles werden können“

Raab nahm dabei kaum Rücksicht auf diejenigen, die ihm die Gags lieferten. Er machte sich lustig über die Gäste der Nachmittagstalkshows oder über sächsischen Dialekt („Maschen-Draht-Zaun“). Ganz nebenbei baute Raab seinen eigenen Kosmos. Eigene Witze, eigene, Berühmtheiten, ja, sogar eigene Stars. Schlagersänger Guildo Horn, Showpraktikant Elton, Sänger Max Mutzke, Lena Meyer-Landrut: Produkte aus dem Raab-Kosmos. Er lud ein zum Boxen, zur Wok-WM, zum Turmspringen – und immer wieder zu „Schlag den Raab“, eine Show, in der Raab gnadenlos kämpfte, um seinen Gegner zu besiegen.

 Spätestens seit Lena-Meyer Landruts ESC-Triumph gilt Raab auch außerhalb seiner eigenen Fernsehwelt als Genie. Tatsächlich wurde bis dahin fast alles, was er anfasste, zu Gold. 2013 bei der Bundestagswahl stand er sogar neben Anne Will beim TV-Duell der Kanzlerkandidaten – und räumte auch da ab. Was sollte da noch kommen? Raab selbst sagte bereits vor 20 Jahren in einem Interview, er wolle seinen Kindern nicht irgendwann erzählen, dass das da im Fernsehen der Papa sei, der den lustigen Onkel spiele. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mit 50 noch Fernsehen mache.“

 Nun ist er 48. Vitali Klitschko ist mittlerweile Bürgermeister von Kiew, Gottschalks Couch von „Wetten, dass..?“ gibt es nicht mehr. Und „Naddel“ soll man jetzt „schlicht Nadja“ nennen, schreibt sie auf ihrer Website. Weil sie nicht ewig auf ihre Zeit mit ihrem „Ex“ Bohlen reduziert werden wolle. Vor 16 Jahren hätte Raab das noch sehr witzig gefunden.

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Kommentar

Endlich! Längst war dieses totgenudelte Format „TV total“ nicht mehr zu ertragen. Wie dieser breit grinsende Moderator unvorbereitet und ideenlos seinen Gästen gegenüber saß, war an Respektlosigkeit kaum noch zu überbieten. In einem journalistischen Sinne ist Stefan Raab wirklich kein Guter. Darüber können auch einige geistreiche Fragen im Kanzlerduell nicht hinwegtäuschen. Spätestens, als der Moderator die bloße Beleidigung zur Pose erhob, hatte sich das anfangs innovative Humor-Konzept überholt. Das Ende von „TV total“ ist eine gute Nachricht.

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