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Wien ohne Walzer

Eurovision Song Contest Wien ohne Walzer

Runter vom Sofa, ihr loamlackerten Lauser! Küss die Hand, geschätzte Gefolgsleute von Windmaschine, Trickkleid und Stampf-Folk aus Montenegro! Herzlich willkommen zum ersten K.-u.-k.-Gesangswettbewerb Ihro Majestät der Kaiserin von Österreich, Conchita I., in Wien – oder wie Nichtmonarchisten sagen: Eurovision Song Contest.

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Ann Sophie singt „Black Smoke" für Deutschland beim ESC.

Quelle: dpa

Wien. Der europäische Popzirkus trifft sich in dieser Woche zum größten Musikfest der Welt. Und solch an bärigen Affn wie heuer hat die aufgepudelte österreichische Hauptstadt nicht mehr erlebt seit der Hochzeit von „Sissi“ und Franz Joseph 1854. 1500 Journalisten. 40 Länder. Eine Conchita. Wir beantworten alle wichtigen und vor allem die unwichtigen Fragen zum transkontinentalen Musikspektakel:

Warum überhaupt Wien?

Weil die bärtige Diva Conchita Wurst 2014 in Kopenhagen mit viel Lipgloss und einer pompösen Dramaballade („Rise Like a Phoenix“) erfolgreich um ihr Leben sang – 57 Jahre nach Österreichs erstem Grand-Prix-Beitrag. Der hieß 1957 übrigens „Wohin, kleines Pony?“, was irgendwie ja auch an Frau Wursts Lebensweg erinnert (Ergebnis für das Pony: letzter Platz). Die Wiener Stadthalle wird etwa 13000 Zuschauern Platz bieten – halb so vielen wie in Düsseldorf 2011. Seit dem Höhepunkt der ESC-Gigantomanie 2012 in Aserbaidschan ist das Event auf Öko- und Sparkurs. Die Stadt Wien zahlt für den Spaß aber immer noch fast zwölf Millionen Euro. Kein Problem: Eine österreichische Denkfabrik mit dem schönen Namen Institut für Höhere Studien hat errechnet, dass durch den ESC ein Mehrwert von 38,1 Millionen Euro erwirtschaftet wird. Der Werbewert der Riesenparty mit 120 Millionen TV-Zuschauern liegt bei 100 Millionen Euro.

Was kann das Publikum erwarten?

Schlimme, schlimme Dinge. Und manche Perle. An der 40 Meter breiten Bühne mit 1288 LED-Lichtsäulen jedenfalls wird’s nicht gelegen haben. Die stammt wie schon 2011 und 2012 vom 15-Mann-Team des deutschen Studiodesigners Florian Wieder. Riesige LED-Wände projizieren brennende Büsche, fliegendes Gemüse oder hippieske Kaleidoskop-Farbspiralen. Der Designchef hat nur ein Problem: „Was machen Sie, wenn es viermal um das Thema Feuer geht?“ Die Bühne soll jedenfalls „den Brückenschlag von der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft darstellen und als Symbol für die Botschaft des gegenseitigen Respekts ...“ – und so weiter. Das alles natürlich unter Einbeziehung der Feuchtbiotope. Der offizielle Slogan des ESC lautet „Building...“ – schnarch! – „...Bridges“. Viel besser: Der Pausenact im Finale kommt vom Weltklasse-Perkussionisten Martin Grubinger.

Und wieso ist jetzt Australien dabei?

Weil sie es können! Und weil sie es wollten. Und weil die European Broadcasting Union (EBU) als ESC-Veranstalter ein Zuckerle zum 60. ESC-Geburtstag suchte. Der australische „Aussie-Seiter“ Guy Sebastian hat eine zeitgenössische Partynummer im Gepäck, die mindestens wie ein Top-Ten-Song klingt. Australien ist fürs Finale gesetzt, darf aber nur im Jubiläumsjahr 2015 mitmischen. Und im Falle eines Sieges bleibt die Show 2016 in Europa. Schade eigentlich.

Was war da noch mal im deutschen Vorentscheid los?

Wir erinnern uns: Erst kniff – für alle überraschend – der Sieger Andreas Kümmert mitten in der Liveshow („Ich bin nur ein kleiner Sänger“), dann kniff die Zweitplatzierte Ann Sophie sich selbst („Fahr ich jetzt nach Wien??“). „Ich dachte so: Darf ich das überhaupt?“, sagte sie neulich. „Ich war halt Zweite, und ich bin’s noch. Ich fahre nicht als Sieger des deutschen Vorentscheids nach Wien.“ Wurscht, egal, vergessen – nun steht sie auf der Bühne, in schlichtem Schwarz, und singt „Black Smoke“. Ihre Ausstrahlung ist weniger lehrerinnenhaft als zuvor, ein Sieg aber ist so unwahrscheinlich wie ein ESC-Comeback von Herrn Kümmert. Ein mittlerer Platz dürfte drin sein, irgendwo zwischen Lena 2011 (Platz zehn) und Elaiza 2014 (Platz 18).

Wer sind die Favoriten?

Na, wer schon? Schweden. Wie eigentlich immer. Der Schnösel Måns Zelmerlöw steht mit seiner bombastischen Powerballade „Heroes“ samt Kinderchor und übler „Children of the Universe“-Kirchentagsprosa ganz oben auf der Hoffnungsskala, seit die britischen Buchmacher ihre Orakel befragt haben. Gute Chancen haben auch Italien (drei nerdige Nachwuchstenöre mit einem Schmachtfetzen, der klingt wie flüssiges Stracciatella-Eis), Australien (weil’s halt zu lustig wäre), Finnland (weil man vier sympathischen, geistig behinderten Punkrockern nichts abschlagen kann), Estland (weil sich das Pärchen Elina & Stig einfach so dolle lieb hat) und Norwegen (weil sich das Pärchen Mørland & Debrah einfach auch so dolle lieb hat).

Gibt’s schon Skandale?

Klar. Der allergrößte Skandal ist natürlich, dass nicht die putzige Dschungelnudel Larissa Marolt die Show moderiert, sondern das artige Trio Alice Tumler, Arabella Kiesbauer (die Arabella Kiesbauer) und Mirjam Weichselbraun. Conchita Wurst meldet sich aus dem Greenroom – und hat für den ESC-Countdown konfuzianische Ansagen für das Wiener U-Bahn-Netz aufgezeichnet. Am Bahnsteig heißt es jetzt etwa: „Conchita sagt: Das Leben ist wie ein U-Bahn-Bahnsteig – voller interessanter Menschen.“ Skandalös finden manche auch, dass die armenische Gruppe Genealogy mit ihrem Song „Face the Shadow“ an den Völkermord vor 100 Jahren erinnern will. Die Refrainzeile „Don’t deny“ („Leugne nicht“) – ursprünglich der Liedtitel – veranlasste die Türkei zu höchster Empörung. Eine weitere Besonderheit: Die Polin Monika Kuszynska tritt nach einem schweren Autounfall 2006 im Rollstuhl an. Ihr Auftritt soll ein Plädoyer für die Akzeptanz von Behinderten sein.

Und wer oder was ist echt schlimm?

Tja – wo beginnen? Larmoyantes Gewimmer aus Albanien, eine gesungene Selbstentdeckungstherapie einer adipösen Serbin, eine amokfiedelnde Weißrussin, ein hampeliges Kinderdiscomännchen aus Israel, Ausdruckstanz aus Island, eine Indianerin aus der Schweiz. Und der ESC-Kastenteufel Ralph Siegel natürlich, diesmal mit einem blutjungen Duo aus San Marino und einem – da war doch mal was? – Friedenslied.

Und wie ist der Zeitplan?

33 von 40 Ländern müssen ins Halbfinale. Das erste ging gestern Abend über die Bühne, das zweite beginnt morgen um 21 Uhr. Deutsche Zuschauer dürfen im zweiten Halbfinale mit abstimmen, zur Hälfte zählen internationale Juryvotings. In der deutschen ESC-Jury sitzen die Sänger Mark Forster, Ferris MC und Johannes Strate (Revolverheld) sowie die Sängerin Leslie Clio und der Produzent Swen Meyer (Kettcar, Tomte, Lena). Die fünf großen ESC-Geldgeber Deutschland, Großbritannien, Spanien, Italien, Frankreich („Big Five“) plus Gastgeber Österreich sowie Ehrengast Australien sind fürs Finale am Sonnabend, 23. Mai, (21 Uhr live im Ersten) gesetzt. Kommentator ist Peter Urban. Am Finalabend steigt ab 20.15 Uhr live die ARD-Countdown-Show auf der Reeperbahn, moderiert von Barbara Schöneberger. Mit dabei sind unter anderem Leslie Clio, Andreas Bourani, Stefanie Heinzmann und Lena. Und natürlich das sachfremde, aber stets tapfere „Wort zum Sonntag“.

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Ein Artikel von
Imre Grimm
Stellvertretender Ressortleiter der "Welt im Spiegel"-Redaktion und verantwortlich für die Medienseiten

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ESC-Tagebuch
Foto: Peter Urban ist schon seit vielen Jahren die Stimme Deutschlands beim ESC - ehemals Grand Prix d'Eurovision de la Chanson. Sagt man aber vermutlich nur noch in Frankreich.

Das hier ist also das Allerheiligste. Das Herz des Eurovision Song Contest (ESC). Oder wie mittelmäßige Makler bei der Hausführung im Schlafzimmer zu sagen pflegen: „This is where the magic happens“: die Sprecherkabine von „Mr. Eurovision“ Peter Urban - erreichbar nur nach endlosen Märschen durch die Katakomben der Stadthalle von Wien inklusive fünf Security-Checks. Von Imre Grimm

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