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Bauer Hamann zog die Notbremse

Serie: Bauern in Not Bauer Hamann zog die Notbremse

Hans-Detlev Hamann wirkt wie ein Landwirt mit Leib und Seele. Trotzdem hat er die Flinte ins Korn geworfen und seine Kühe weggegeben. Uns erzählt er, warum.

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Hans-Detlev Hamann arbeitet auch mit 70 Jahren immer noch auf dem Bauernhof in Kiel-Moorsee. Nur Kühe gibt es dort nicht mehr.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Moorsee am Morgen. 200 Meter neben der Bundesstraße 404 beginnt die Idylle. Pferde grasen, Vögel zwitschern. Um zum Hof von Hans-Detlev Hamann zu gelangen, hoppelt das Auto gemächlich über alte Pflastersteine.Temporeduzierung auf traditionelle Weise. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Für Hans-Detlev Hamann gilt das nicht. Der Milchbauer und Rinderzüchter ist eher mit der Zeit gegangen: So wie er es sieht, hat er rechtzeitig die Flinte ins Korn geworfen. Nun will er seine Geschichte erzählen.

 Hans-Detlev Hamann wirkt wie ein Landwirt mit Leib und Seele. Im vergangenen November ist er 70 geworden, na und? „Leute in der Landwirtschaft können nicht ohne Arbeit“, sagt er. Sein Arbeitstag beginnt jede Nacht um drei. Dann steht er auf, füttert die Pferde, legt sich von vier bis sechs nochmal hin, und geht nach dem Frühstück wieder in den Stall zum Ausmisten. Pferde sind das neue Standbein auf dem alten Hof, den er 1971 von seinem Vater Willi übernommen und mittlerweile an seine älteste Tochter Kerstin überschrieben hat. „Reithalle, große Boxen bis 18 Qudratmeter, ganzjähriger Weidegang“ steht auf einem Schild am Rand der B 404. 52 Kunden aus Kiel und Umgebung haben ihre Pferde bei Hamann im Kieler Stadtteil Moorsee stehen. Das reicht zum Leben und Überleben.

 Danach sah es vor knapp 20 Jahren nicht aus. 160 Kühe hatte Hans-Detlef Hamann zu seinen besten Zeiten. Alle gesund, wie er versichert, Probleme mit Infektionen hatte er nie: „Rindviecher sind meine Leidenschaft.“ Jedem seiner Tiere gab er einen Namen, und dass er sie stets gut behandelte – Ehrensache. Er hat immer gespürt, wenn es Zeit war, eine Kuh einem Bullen zuzuführen. Hamann hatte offenbar den richtigen Riecher für seine Viecher.

Trost im Stall

 Als seine Frau Ingrid 1992 im Alter von 40 Jahren an Krebs starb, da fand er im Stall Trost: „Kühe geben einem etwas zurück, wenn es einem schlecht geht“, sagt Hans-Detlev Hamann. Doch sechs Jahre später ging es ihm wirtschaftlich so schlecht, dass seine Kühe ihm auf andere Art und Weise helfen mussten. 1998 entschloss er sich, 70 Jungtiere und 90 Milchkühe zu verkaufen. Sein Hof war nicht mehr rentabel, die Maschinen waren veraltet. Hamann verkaufte auch seine Milchquote. Für jeden der 380000 Liter erhielt er zwei D-Mark. So konnte die sogenannte Aufgabesteuer in Höhe von 1,2 Millionen Mark in etwa beglichen werden. Hamann will in diesem Zusammenhang nicht verschweigen, dass er ein paar Monate danach von der Stadt Kiel 4,5 Millionen DM für den Verkauf von 45 Hektar Land erhielt. Er hätte seinen Hof damit noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte betreiben können, doch das erschien ihm wie ein Schrecken ohne Ende. Dann lieber ein Ende mit Schrecken. Als seine letzten Jungtiere von einem Sattelschlepper abgeholt wurden, fuhr er mit dem Rad bis zur Landstraße hinterher. Dort stand er dann und heulte Rotz und Wasser. „Zwei Wochen bin ich danach in der Früh aufgewacht, habe mich ins Auto gesetzt und bin mitunter bis zur dänischen Grenze gefahren. Ich habe richtig gelitten. Aber als alles ausgestanden war, ging es mir besser.“

 Das ist Hamanns Geschichte. Er erzählt sie als Botschaft für Kollegen, denen es aktuell schlecht geht. Hans-Detlef Hamann empfiehlt Bauern in Not, ernsthaft zu erwägen, die Notbremse zu ziehen. Käme ein Kollege zu ihm, würde er ihn fragen: „Ist dein Stall bezahlt? Entspricht er artgerechter Haltung? Bist du melktechnisch auf einem guten Stand?“ Und vor allem: „Hast du einen Nachfolger?“ Über die daraus eventuell resultierenden Konsequenzen, so Hamann, müsse jeder Landwirt dann selbst entscheiden.

 Die Geschichte des Mannes aus Moorsee ist ein Einzelfall. Sinkende Milchpreise, schwierige Finanzierungen oder bürokratische Hürden sind es nicht. Würde er noch einmal den Beruf des Landwirts wählen? Der 70-Jährige denkt kurz nach und sagt: „Nein, allenfalls, um als Angestellter auf einem großen Hof zu arbeiten.“ Dann geht er in den Stall zu den Pferden. Ein Landwirt ohne Leid, aber mit Leidenschaft.

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